KI zwingt nicht zu mehr Wissen, sondern zu mehr gründlicher Bildung

Wissen „kann“ ChatGPT. Sie entlastet von der Arbeit, Wissen zu suchen und für die eigenen Zwecke zu formulieren. Damit stellt sie geisteswissenschaftliche Berufe vor eine große Herausforderung, nämlich zu beackern, was ein Algorithmus nicht kann.

Um zu beginnen, kann man die Überlegungen auf ein sicheres Fundament stellen. Denn diese Intelligenz braucht immer den Menschen. Sie ist nicht nur von Menschen programmiert, sondern braucht immer Neues, von Menschen geschriebenes. Auf jeden Fall für das, was heute passiert. “Künstlich” hat die Begrenzung, dass diese Intelligenz isoliert in sich selbst bleibt, denn bisher kann eine KI nicht überprüfen, ob zutrifft, was sie in verständlichen Sätzen ausliefert, “Ausgabe” bei künstlichen neuronalen Netzen benannt. Sie „weiß nur“, was in der Mehrheit der Texte steht.

Chatbots können Geisteswissenschaften?

ChatGPT verarbeitet das, was bereits formuliert wurde. Ist dieser Umgang mit Vorhandenem aber so verschieden von dem, was Philosophen, Theologen und andere Geisteswissenschaftler betreiben? Sie erzeugen neue Texte aus Vorhandenem. Das Ziel ist, ein Verstehen von Werken anderer zu präsentieren - in Form von neuen Texten. Die Veröffentlichung ermöglicht anderen zu überprüfen, ob der neue Text das Verstehen der Vorlage vertieft. 

Aber warum können Studierende Examensarbeiten von ChatGPT schreiben lassen, die über dem Durchschnitt der abgegebenen Arbeiten liegen? Offensichtlich können Chatbots das, was Geisteswissenschaftler auch können. Was für die Geisteswissenschaftler wohl kommen wird, trifft bereits auf Programmierer zu. KI kann Computerprogramme schreiben. Die Software-Schmieden stellen daher keine Informatiker mehr ein.
Zurück zu den Geisteswissenschaftlern. Wo finden sie das, was ein Chatbot nicht kann, wenn sogar für die Herausgabe nur handschriftlich vorliegender Texte eine KI entwickelt wurde. In der Spektrum-Edition Nr.9 wird an Aufzeichnungen über das Wetter erklärt, wie eine KI Archive auswertet. 

Es muss also etwas Anderes sein

Wenn die Geisteswissenschaftler nicht dasselbe treffen soll, was für die Informatiker schon eingetreten ist, muss herausgefunden werden, wofür in Zukunft Geisteswissenschaften, noch oder besser, dringend gebraucht werden. Es müssten Kompetenzen sein, die den menschlichen Geist nicht ersetzen. Eine solche Idee ist bereits von den Stoikern entwickelt worden. Sie haben Philosophie nicht im Denken belassen, sondern die ganze Person gesehen, die mit Philosophie ihre Personwerdung betreiben kann. Ich kann von meinem Philosophiestudium sagen, dass es mir nicht nur Philosophie beigebracht hat, sondern das Denken, auf das ich mich seitdem verlassen kann. Die mittelalterliche Philosophie hat das methodisch mit den Artes liberales grundgelegt. Neben Grammatik, Rhetorik, der Diskussion als Austausch von Argumenten ist es die Logik, die eine solche Sicherheit aufbaut. In welchem Themengebiet auch immer und in der gesellschaftlichen Wirklichkeit wirkt sie mit absoluter Sicherheit, sogar in jedweder möglichen Welt wie auch in ihrer Unterabteilung, der Mathematik. Ich hatte das Glück, dass ein Lehrer, der uns zum Abitur geführt hat, mich auf diese Spur gesetzt hat. Ich benutze aus logischer Einsicht ChatGPT deshalb nicht, weil das A&O in den Geisteswissenschaften der aktive Wortschatz ist. Wenn ich einigermaßen mit dem immens viel größeren Wortschatz für meine Themen mit ChatGPT mithalten will, muss ich täglich trainieren. Die Logik sagt mir auch, dass die Chatbots das Internet mit neuen Texten fluten, so dass sie sich in 5 Jahren weitgehend selber zitieren. Dann sind Geisteswissenschaftler mit ihren Kompetenzen wieder gefragt. Die müssen heute aufgebaut werden, wenn sie in 5 Jahren wieder bezahlt werden.

Nicht Abfragen, sondern Disputation wie im Mittelalter

Nach meiner Beobachtung wird inzwischen so viel Wissen in die geisteswissenschaftlichen Studien gepackt, dass mehr als Auswendiglernen kaum möglich ist. Offensichtlich sind die Geisteswissenschaften von ihren Professoren so umgestaltet worden, dass eine Maschine das kann, was in Examina gefragt wird. Das war im “dunklen” Mittelalter anders. Da wurde Schulung nicht auf Wissen hin betrieben, sondern auf Freiheit. Mit den Artes liberales wurden Grundkompetenzen vermittelt, damit Studierende eine innere Freiheit gewinnen. Eine weitere universitäre Praxis war die Disputation. Eine Prüfung als Disputation zwischen Zweien, die jeweils eine gegenteilige Position verteidigen, kann nur aus dem Stand geführt werden. Sie kann auch an einem Chatbot trainiert werden. Der würde in der Prüfungssituation nicht die Formulierung übernehmen können und damit die Basiskompetenz „Aktiver Wortschatz“ trainieren. Dazu wurde man im Mittelalter nicht zuletzt deshalb gezwungen, weil es noch keine Kopiergeräte gab. Man musste sich die Gedanken des Autors einprägen, weil die wenigen Bücher nicht einfach zur Verfügung standen, denn Andre mussten ja auch lesen. Da ich diesen Zwang noch hatte, haben wir in meiner Generation exzerpiert, also mit eigenen Worten zusammengefasst, was wir für die Seminararbeit oder die Examina brauchten.
Selber denken führt dazu, dass ich eigene Gedanken entwickle. Die wirklich guten entstehen in der Diskussion und dann im Schreiben. Wissen führt in den geisteswissenschaftlichen Studien eher zum Nachsprechen dessen, was andere geschrieben haben. Wo bleibt da noch der Unterschied zu Chatbots, die im Prinzip Häufigkeiten in der Abfolge von Worten suchen. Der Zwang in geisteswissenschaftlichen Publikationen möglichst alles durch Zitate zu belegen, unterscheidet sich nicht deutlich von der Kompetenz eines Algorithmus. Dieser kann als Reinform für eine Praxis gelten, die das wiederholt, was anderswo geschrieben steht.

Weisheit - Sophia nicht nur der Philosophie

Wenn durch Neuauflage der Artes liberales vermittelt, eigenständiges Denken zu einer freien Persönlichkeit hat wachsen lassen, was wäre dann das Ziel, für das die Kompetenzen die Voraussetzung sind? Der Unterschied war bereits durch die Bibliothek gegeben. Wie ChatGPT auf vorhandenes Wissen zurückgreift, so der Student auf die Bücher, aus denen Wissen abrufbar gemacht wurde. Eine Bibliothek ist trotz der Bücher, die niemand alle lesen kann, nicht weise. Denn Weisheit kann man nicht nachlesen. Noch weniger sind Häufigkeiten für ein Weise-Werden angelegt. Weisheit entsteht auch nicht einfach im Gehirn. Die Upanishaden, die den Blick auf das Ganze ausrichten, sehen den Geist wie den Körper als Instrumente, die das Selbst für seine Entwicklung vom Ich zum Selbst einsetzt. Die Person ist also nicht der Geist, sondern der Geist gehört zur Person, die Person bedient sich des Geistes. Nicht schafft sich das Gehirn eine Person. Diese einigende Größe nennen die Upanischaden das Selbst. Es geht sogar darum, über den Geist hinaus zu gelangen. Im westlichen Vokabular könnte das heißen, den Verstand hinter sich zu lassen, also die Intelligenz, welche die KI nachbauen kann. Studenten können bereits Weisheit von Intelligenz unterschieden und beurteilen Professoren auch danach. Weisheit, das Ganze in den Blick zu nehmen, ohne das einzelne aufzulösen, ist auch lernpsychologisch die Methode, die die Hirnforschung bestätigt. Es geht um das Weiterleiten der Inhalte aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis. Das sind verschiedene Hirnregion. Für das Langzeitgedächtnis gibt es einmal eines in den Schläfenlappen. Dort werden die Einzelheiten abgelegt, das andere speichert die wiederkehrenden Muster, z.B. den Weg zum Arbeitsplatz. Was auf diesem Weg heute passiert, kann, aber muss nicht unbedingt abgespeichert werden. Die Gestaltpsychologie hatte das schon in den zwanziger Jahren erkannt. Behalten ist dann gegeben, wenn es einen vorherigen Rahmen mit einigen Strukturen, z.B. den Hauptstraßen gibt, um in das Modell, das im Hippocampus abgelegt ist, die Nebenstraße mit der Arztpraxis einzubauen. Das behalte ich sehr viel besser, als wenn ich mir merke, „erste Straße rechts, dann die Hauptstraße und dann abbiegen“. Ich komme dann bis zu dieser Kreuzung und weiß nicht mehr, ob ich rechts oder links abbiegen muss. Die Chatbots sind so konstruiert, wie unser Gehirn es gerne hätte. Die Worte stehen nicht wie in einem Lexikon alphabetisch und auch nicht wie in einem Synonymlexikon mit anderen, verwandten Begriffen, sondern als Wortfamilien, ob Küche oder Shakespeare.

Sich im Umfassenden sehen, ist Weisheit.

Der größtmögliche Rahmen wird mir durch die Vernunft zugänglich. Sie ist die Befähigung, sich nicht als bloßes Individuum im Verhältnis zu Anderem, ob eines Kollegen oder der Bahn, zu sehen, sondern an einem Größeren teilzuhaben. Das ermöglicht erst einmal die Philosophie. Durch den Umweltgedanken haben die Naturwissenschaften ein größeres Ganzes gefunden, das Materie und Leben zusammen sieht. Die Mystik führt zur Erfahrung, sich als Teil eines größeren Ganzen aufgehoben zu fühlen. Diese Erfahrungen sind die gleichen, ob sie im Osten oder im Westen gemacht werden. Mystik heißt, diese Erfahrungen wirken zu lassen, sich ihnen in der Meditation zu öffnen. Die Religionen sind dazu da, den Menschen für dieses Größere offen zu halten. Deshalb gehören Körperübungen, anders als in der Philosophie, zu einer Meditationspraxis. Weisheit wird nicht so verstanden, dass die Person sich von allem Konkreten abhebt, sondern alles im Umfassenden sieht und aus dem Ganzen heraus versteht.  

Das Gewicht braucht ein Gegengewicht

Für die Erweiterten Sprachmodelle stehen Milliardenbeträge zur Verfügung. Diese werden auf wenige Chatbots hin gebündelt. Würde man in ähnlicher Weise die Geisteswissenschaften auch an wenigen Orten zusammenziehen, würde man sich schon strukturell den Tech-Konzernen unterwerfen. Eine große Institution sortiert zu viele Ideen aus. Das heißt allerdings nicht, dass Einzelkämpfer wie David einen Riesen überwinden könnten. Dieselbe Technik, die die Chat-Bot-Saurier hervorbringt, ist eigentlich dezentral organisiert. Das ermöglicht, die Empfehlung des Papstes, die Einheiten zu vernetzen, nicht zur Utopie werden zu lassen. Es wird sich wahrscheinlich auch herausstellen, dass Fächer, die sich nicht mit anderen Themengebieten vernetzen, in immer größeren Abstand zu den Algorithmen geraten. Die Empfehlung zu einem „Bildungsbündnis für das digitale Zeitalter“ finden sich unter den Nummern 139 ff in der Enzyklika. Der Text der Enzyklika ist in voller Länge auf der Radio-Vatikan-Website in deutscher Sprache verfügbar: https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html

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Kategorie: Verstehen

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