Foto: hinsehen.net J.M.

Sommer-auf der Gartenbank meines Vaters

Es ist noch früh am Morgen. Ich sitze in meinem Garten. Auf der Bank meines Vaters. Wir Kinder haben sie ihm vor 30 Jahren zu seinem neunzigsten Geburtstag geschenkt. Sie ist grau verblichen, hat Altersspuren, sie trägt Erinnerungen an eine vergangene Zeit.

Ich spüre das Holz unter meinen Händen. Atme ruhig ein und aus. Diese Atemtechnik habe ich im Yoga gelernt. Mein Blick streift durch den Garten. Die Trockenheit, die Dürre hat den Pflanzen sehr zugesetzt. Die Stauden kämpfen, um auch ohne Wasser zu blühen. Nicht üppig, nicht großartig verschwenderisch, sondern leicht geduckt, ängstlich, als hätten sie Sorge, dass der nächste Hitzetag sie verbrennen könnte. Die Haselnüsse werfen die überreichen Fruchtansätze einfach ab. Sie können sie nicht versorgen. Der Bach, der an meinem Grundstück vorbeifließt, führt auch nur noch wenig Wasser. Es fließt leise zwischen Steinen hindurch, bildet kleine Strudel, in denen sich Blätter sammeln und tanzen. Vögel zwitschern und fliegen von einem Baum zum anderen, die Libellen setzen sich auf die Büsche am Bachufer. Ein kleiner Schwarm Forellen schwimmt gerade gegen den Strom. Sie brauchen dafür viel Kraft. Dann lassen sie sich wieder treiben, lassen sich dem strömenden Wasser mitnehmen und kommen wieder. Vor und zurück.

Ist nicht auch mein Leben ein Auf und Ab, ein Vor und mal wieder ein Zurück? Es gab Zeiten, in denen ich mit ganzer Kraft und manchmal auch gegen den Strom geschwommen bin. Zeiten voller Arbeit, Verantwortung, Sorgen und Entscheidungen. Trauerzeiten, die mich niedergedrückt haben. Zeiten in denen ich mich anstrengen musste, in einer emotionalen Trockenheit zu überleben, in dem das Gefühl mich festhielt, alles verloren zu haben.

Ich konnte auch lernen, mich tragen zu lassen. Zuzulassen, dass ich nicht alles alleine stemmen muss. Da waren meine Familie, meine Freunde, auch das Leben selbst. Loslassen können von dem zwanghaften „Muss“.

Meine Gedanken kommen zurück ins Hier und Jetzt. Alles gehört zu mir, das Gewesene und das Heute. Es hat mich geprägt. Ich bin so geworden wie ich bin, unter diesen Bedingungen, die mein Leben bestimmt haben. Wie die Forellen im Bach bin ich oft mit viel Kraftanstrengung durch mein Leben geschwommen, um mich ab und zu auch tragen zu lassen. Wie die Stauden im Garten habe ich gelernt, in trockenen Zeiten nicht aufzugeben. Wie die Haselnussbäume musste ich mich von den Dingen verabschieden, die ich nicht tragen konnte oder wollte.

Ich sitze auf der Bank meines Vaters und zugleich auf der Bank meines eigenen Lebens. Ich spüre, dass ich hier angekommen bin. Angekommen in meiner letzten Lebensphase. Die Sonnenstrahlen wärmen mein Gesicht. Ein leichter Wind streicht über mein Haar. Der Bach plätschert ganz leise vor sich hin. Welche Geschichten könnte er erzählen, er hat auch die Jahrhundert Flut im Ahrtal erlebt. 

Ich atme ein. Ich atme aus. Die Bank auf der ich sitze und die Erde unter meinen Füßen tragen mich. Ich fühle mich auch getragen von Gott, den Menschen, die mit mir ins Alter gehen, die mich begleiten, mit denen ich neue Erfahrungen erleben kann. Ich muss nichts mehr beweisen. Ich darf einfach sein. Jeder gelebte Tag ist für mich ein Geschenk. Jede Narbe an meinem Körper, jede Falte in meinem Gesicht, erzählt von meinem Leben. Alles was mich froh macht, weitet mein Herz. Hier auf der Bank im Garten danke ich für diesen Morgen, für alles was mein Leben mir einspielt, weil ich weiß, dass es für mich da ist, damit ich wachsen kann. Ich danke Gott für den Frieden, der in mich einzieht und bitte inständig um Frieden in der Welt.


Kategorie: Entdecken

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