Wie ein Text von mir
Ich frage mich, ob sich meine Mühe noch lohnt, mir Gedanken zu wichtigen Lebenserfahrungen zu machen, die dazugehörige Reflexion in Worte zu fassen und sie zu veröffentlichen. Der Text, den ChatGPT mir nach meiner Anfrage in Sekunden ausgespuckt hat, war derartig gut, er hätte auch wirklich aus meiner Feder stammen können. Es waren meine Worte, meine Formulierungen, meine Gedanken und sogar noch ein bisschen vielfältiger formuliert. Wenn eine Maschine in wenigen Sekunden schreiben kann, für das ich Stunden brauche, warum soll ich meine Lebenszeit dafür noch aufwenden? Warum soll ich noch schreiben, wenn es eine Technik gibt, die mit einem viel größeren Wortschatz, mit geschickten Formulierungen in Sekundenschnelle sehr lebendige Texte schreibt.
Den Text von ChatGPT lese ich mit Interesse. Ich prüfe, ob er von mir sein Könnte Er verunsichert mich, denn ich vergleiche meine Texte mit dem von ChatGPT. Ich verliere den Mut, weil ich meinen Leser*innen vielleicht nicht so gekonnte Texte vorsetzen kann, wie der Algorithmus schreibt. Ich spüre bei diesen Gedanken Missmut, denn eine Maschine kennt keine Müdigkeit, sie ist immer fit, kennt keine Schreibblockaden, die mich manchmal beuteln und mich tagelang ausbremsen, so dass ich nichts auf das Papier bringe. Anderen AutorInnen und SchriftstellerInnen geht es ganz sicher ähnlich.
Meine Motivation ist ziemlich runtergefahren, ich hadere mit dem Schreiben. Wie kann ich mich aus diesem Loch befreien?
Mit dem Schreiben weiter das Leben verarbeiten?
Für mich war das Schreiben immer mehr als eine Aneinanderreihung von Wörtern oder Sätzen. Es war mein Weg, meine Gedanken zu ordnen, mich mit meinen Erfahrungen zu konfrontieren, mich den aufkommenden Fragen zu stellen und ihnen nachzugehen. Schreiben ist für mich auch eine wichtige Verarbeitung von erfahrenem Leben, von Erkenntnissen, die ich gewonnen habe. Deshalb schreibe ich auch nicht für mich allein, sondern möchte dies mit anderen teilen. Viele haben nämlich Ähnliches erlebt. Vielleicht können sie das individuell auf sich beziehen. Denn das Lesen von Erfahrungen anderer Autor*Innen bereichert mich ebenfalls, liefert mir Ideen, Anregungen und geben mir das Gefühl, mit anderen auf dem Weg zu sein. Führen mich die Überlegungen weiter?
Was ist das Besondere ohne KI zu schreiben?
Ein Gespräch mit einem guten Freund, einige schlaflosen Nächte mit vielen Fragen helfen mir aus der Talsohle. Ich frage mich, warum meine Leser*Innen meine Texte gerne lesen. Aus den Rückmeldungen weiß ich, dass es nicht unbedingt meine Schriftsprache ist, sondern dass sich viele mit den Inhalten und den ehrlichen Erfahrungen gerne auseinandersetzen. Es ist mein authentisches Leben aus dem ich erzähle. Sie unterstützen auch andere in der Reflexion ihrer eigenen Erfahrungen. Eine KI kann dazu viel zwar Interessantes schreiben, aber sie hat nichts davon selbst erlebt. Es ist nicht ihre Wahrheit. Und manchmal fügt KI sogar falsche Informationen dazu. Die Begegnungen mit Menschen, die Zweifel vor Entscheidungen, die Hoffnung darauf, dass etwas gelingt, die Angst, wenn etwas nicht rund läuft, die Freude, die ich mit anderen erleben kann, die Fragen ans Leben und an das Sterben, über nichts davon kann ein Algorithmus aus eigenen Erfahrung schreiben. Es ist alles von einer Maschine geschrieben, aus dem Reservoire des Internets. Sie kann aus einigen Worten schöne Texte formulieren, aber sie sind nicht gelebt. Sie entspringen nicht der Wahrheit einer Person, sondern einem Sammelsurium dessen, was schon in der Vergangenheit erzählt wurde. Meine Erfahrungen, wie die von jedem einzelnen meiner Leser*innen sind einzigartige Lebensrealitäten, sie passieren jeden Tag neu, sie sind aktuell und wert, ausgesprochen und geteilt zu werden. Teilen Menschen ihre persönlichen Erfahrungen, entsteht Nähe, Lebensunterstützung und das Menschliche bleibt präsent.
Persönliches darf nicht schwinden
ChatGPT kann nur auf das zurückgreifen, was andere in der Vergangenheit erlebt, gedacht und dann veröffentlicht haben. Sollen aber persönliche Erfahrungen, die ja täglich neu in unserem Leben stattfinden, weiter einen wertvollen Stellenwert besitzen, weil sie uns in der Gemeinschaft auch Orientierung geben, braucht es Menschen, die davon schreiben, wie sich das Leben jetzt, heute anfühlt. Sie müssen für andere durch Veröffentlichungen und persönlichen Austausch verfügbar sein, denn auch ich bin darauf angewiesen, dass ich von den Erfahrungen anderer lernen kann.
Wenn wir nur noch Erfahrungsberichte aus der Maschine lesen können, werden wir nur mit dem gefüttert, was aus der Vergangenheit stammt und nicht mit wirklichen Erfahrungen nichts zu tun hat. Es wäre ein Verlust an Menschlichkeit, Kreativität, an Wahrheit, an Identität und Einzigartigkeit, wenn Autor*innen nicht mehr selbst aus ihrem persönlichen Hintergrund schreiben, sondern einen Chatbot für sich schreiben lassen.
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