Rothenburg, Stadtmauer, Foto: hinsehen.net E.B.

Welches Gottesbild trägt meinen Glauben?

Zu wem bete ich, wie bete ich und aus welchem Gottesbild heraus kommen meine Vorstellungen? Es gibt viele Gottesbilder, die sich in unserer Seele tummeln können. Da ist der strafende, zornige, leidende, wütende, rächende, angstmachende Gott. Oder auch der mitfühlende, liebende, beschützende, geduldige, gnädige, verzeihende Gott. Wie sehe ich Gott? Welcher Gott hat sich in meine Seele eingeprägt?

Gottesbilder meiner Kindheit

Aus meiner Kindheit gibt es Erinnerungen, dass Gott häufig im Zusammenhang mit Disziplin zur Sprache kam. Er diente Eltern und Lehrern dazu, uns Kinder zu „artigen Gutmenschen“ zu machen. Gott war ein moralischer Erziehungshelfer, der in den Einsatz kam, wenn es um Gehorsam ging. Auch Nikolaus mit seinem Knecht Ruprecht und das Christkind zu Weihnachten wurden als Erziehungsmittel, nicht als Lebensorientierung eingesetzt. Wenn Gott als moralische Drohinstanz herhalten muss, werde ich als Kind von einer äußeren Macht gelenkt, gegen die ich mich kaum wehren kann. Diese Macht nimmt mir die eigene Entscheidung von Gut und Böse ab. Womit sie verhindert, dass ich in mir selbst das moralische Gewissen so auspräge, dass ich sicher entscheiden kann. Das führt dazu, dass ich mich fremdbestimmt erlebe, mich unter Beobachtung und Kontrolle fühle. Ich unterlasse etwas, nicht weil ich einsehe, dass ich mit meinem Handeln anderen wehtue oder sie verletze, sondern weil ich Angst vor der Strafe Gottes habe. Wenn mir Gott als Überwacher und Angstfaktor vermittelt wird, der mich bestraft, wenn ich nicht „gehorsam“ bin, kann ich zugleich in ihn die Hoffnung setzen, dass er mich belohnt, wenn ich mich anpasse. Wird mir ein Gott vermittelt, der so in mein Leben eingreift, lerne ich ihn als den kennen, der mein Leben dirigiert, indem er auf alle meine Handlungen reagiert. Ich muss mich selbst nicht sehr anstrengen, wenn ich nach dem „Willen“ Gottes handle. Ich entwickle ein Gottesbild in mir, das mich mit seinem Einfluss in eine autoritäre Richtung formt. Indem ich gehorche, richte ich mich moralisch an Gott aus, weil Gott es so will, nicht weil ich die Einsicht hätte. Dieses Gottesbild kann sich tief in meine Seele einbrennen und weit bis in das Erwachsenenalter wirksam bleiben. Wird es auch noch von außen unterstützt, komme ich aus dieser Sichtweise oft nur noch schwer heraus. Allerdings kann mir die Pubertät helfen mein Gottesbild zu korrigieren, denn in dieser Zeit, wenn ich meine Unabhängigkeit und Eigenständigkeit anstrebe, muss ich einen so handelnden Gott ablehnen. Gott wird dann nämlich zum Konkurrenten meiner Freiheit. Mit einem erweiterten Verständnis der Freiheit verabschieden sich immer mehr Gläubig von diesem Gottesbild. Was tritt aber an die Stelle der in der Kindheit erworbenen Gottesvorstellung? Welcher Gott füllt die Leerstelle? Hängt die Glaubenskrise in unserer Gesellschaft nicht vielleicht auch damit zusammenhängen, dass sich Gottesbilder unbewusst in unseren Seelen eingenistet haben, die unserem von der Freiheit und Autonomie geprägten Lebensgefühl nicht mehr gerecht werden. Wenn keine Alternative erkennbar wird, bleibt nur die Absage an Religion und damit Kirche.

Ist Gott die Liebe?

Eigene Erfahrungen, wie die Auseinandersetzung mit dem Freiheitsgedanken, aber auch mit vielen Texten aus dem Neuen Testament haben mich auf eine Dimension aufmerksam gemacht, die mein Gottesbild zunehmend prägen. Es geht um die Liebe, die für deren Entfaltung ein Gegenüber sucht. Meist verbinden wir das Wort Liebe nur mit der erotischen Liebe, die sich auf die Geschlechterliebe bezieht. In der Gottesliebe sind viel mehr Dimensionen enthalten, die über das hinausgehen, was wir in der Liebe zu und mit Menschen erfahren:

Liebe lässt sich nicht herstellen oder machen, ich kann sie fühlen, manchmal vielleicht erkennen. Sie ist ein Geschenk. Sie entsteht da, wo der Boden Liebe zulässt. Auch die Liebe zwischen Menschen ist ein Geschenk aber gleichzeitig fragil, denn ich kann nicht davon ausgehen, dass mich die Menschen immer lieben so wie ich bin. Gottes Liebe ist verbindlich für jeden da und zeigt sich im Kontakt zu uns Menschen, zur ganzen Schöpfung. Alles hat seinen verlässlichen Platz. Gott als Vater oder Mutter hat auch für mich einen Platz in dieser Welt vorgesehen, den ich einnehmen kann. Diese Gewissheit stärkt mich, wie mich auch mein Platz in der Familie stark machen kann, wenn die Elternliebe mir meinen eigenen Platz in der Familienkonstellation ermöglicht, damit ich mich sicher fühlen und meinen Charakter ausbilden kann.
Ich kann beim Apostel Paulus Kap.12 nachlesen. In dieser Liebe lebt auch die Weisheit, die mir meine Freiheit zugesteht. Wenn ich Gott als die Liebe erkenne, die Liebe, die mir Raum gibt, damit ich meine Begabungen freisetzen, meine Berufung verwirklichen, meinem Lebensauftrag gerecht werden kann, dann verwandelt sich mein Gottesbild. Ich erlebe Gott als Beistand, als denjenigen, der mir Rückendeckung für meine Vorhaben in Form von Kraft und Energie gibt, ich spüre diese Liebe auch in außergewöhnlichen Situationen, in denen etwas ganz anders hätte ausgehen können und manche dann von Schicksal sprechen. Gott ist auch mein Gesprächspartner, mit dem ich meine Gedanken sortiere, neue Erkenntnisse gewinne, mir Kraft und Durchhaltevermögen einsammle. Im Loben, Danken, Bitten, Beten, Schweres vor Gott bringen, damit es mich nicht innerlich zerfrisst, kann ich diese „Liebesbeziehung“ im Fluss halten. Die Vorstellung, dass ich mein Leben der Liebe Gottes verdanke, verändert mich von innen her, verändert auch meinen Umgang mit anderen.

Die Freiheit führt mich zu Gott

War die Freiheit in der Pubertät die treibende Kraft die mich vom Aufpasser Gott entfernte, damit ich selbst über mein Leben bestimme, so ist aus diesem „Handwerk der Freiheit“, das ich in vielen Entscheidungen erlernen musste, die Einsicht gewachsen, dass es eine Instanz geben muss, die meine Freiheit will. Denn viele Konflikte haben mir gezeigt, dass es anderen Menschen nicht vorrangig darum geht mich in meinen Begabungen zu unterstützen oder mich wenigstens auszuhalten, sondern eher darum, dass ich bestimmten Vorstellungen gerecht werde. Oft genug sollte ich das machen, was andere für mich entschieden hatten. Aus diesen Erfahrungen heraus wurde mir klar, dass es etwas Größeres geben muss, das mein Leben und meine Freiheit will. Die Freiheit ist die Spur, die mich zu dem Urheber der Freiheit führte. Es kann eigentlich nur Gott meine Freiheit wirklich wollen, denn durch ihn bin ich in meiner Freiheit nicht bedroht.


Kategorie: Analysiert

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Zum Seitenanfang