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Geisteswissenschaften: ChatGPT hat den größeren Wortschatz

Geisteswissenschaftler fühlen sich gegenüber ChatGPT auf der sicheren Seite. Sie versstehen, was sie schreiben, ein Chatbot nicht. Dieser Vorsprung nutzt aber nichts, wenn der verstehende Autor sich nur mit einem geringen Wortschatz äußern kann. Der der Chatbots ist immer größer. Das Verstehen, nicht das Wissen müssen vermittelt werden.

Es bleibt auch deshalb für die Geisteswissenschaften nicht bei den alten Sicherheiten, weil ihre Inhalte über YouTube und Wikipedia schon länger online verfügbar sind und von ChatGPT mundgerecht ausgespuckt werden. Deshalb verblüfft die Naivität, die einem entgegenkommt und auf Tagungen zelebriert wird. Sie lässt einen an den Geisteswissenschaftlern selber zweifeln. Sie wissen doch, dass mit dem Übergang von der Textrolle zum Codex der Erfolg der christlichen Mission und mit den beweglichen Lettern der der Reformation ermöglicht wurden. Sie könnten sich klarmachen, dass hier nicht nur ein Medienformat wie die Homepage sich in die Reihe von Lettern, Film, Radio, Fernsehen einordnet, sondern sich das Verhältnis zu Kultur, Religion, Kunst und Welterleben tiefgreifend ändert.

Denken kann man an Maschinen delegieren

Es ist wie in einem Mietshaus mit Aufzug. Es kostet in Zukunft jedes Mal eine Entscheidung, die Treppe hinaufzugehen, wenigstens bei mir. Die Chatbots sind wie der Aufzug. Man kommt ohne Anstrengung zum Ziel. Bisher war es so, dass man ab dem 1. Semester selber schreiben musste, jetzt ist dafür eine Entscheidung notwendig. Man schreibt nicht mehr nur in Konkurrenz zu Anderen, sondern zu einem Mitautor, der alles nicht nur gelesen, sondern abrufbar gespeichert hat. Es bleibt dann immer noch die Frage, ob dann die Leser den Text des menschlichen Autors dem des Chatbots vorziehen. Das ist sicher, wenn Neues zu lesen ist. Dafür gibt es eine immer bessere Hilfe:

Geisteswissenschaften nicht mehr ohne Hirnforschung

Der neue Autor kann am Urheberrecht vorbei alles aufsaugen, was geschrieben ist. So wie in Russland jeder Buchtitel von Buchdieben digitalisiert und online gestellt wird, stehlen die Chatbots nicht nur die Inhalte, sondern auch die Formulierungen. Sie können William Shakespeare wie auch Josef Ratzinger mit deren Vokabular imitieren. Damit stoßen sie in das Kerngebiet der Geisteswissenschaften vor. Das verdeutlicht der Vergleich mit den Naturwissenschaften. Wenn beide das gleiche Thema haben, z.B. Covid, dann ist z.B. das Müdigkeitssyndrom einmal Thema der Medizin, die inzwischen herausgefunden hat, dass das Virus Entzündungen im Gehirn erzeugen kann, die Betroffene zu Invaliden macht. Den Geisteswissenschaften ist aufgegeben, was das Virus mit dem Geist nicht nur der Einzelnen macht, sondern, vergleichbar mit der Pest, mit dem Objektiven Geist, also mit dem von Hegel bezeichneten in Wort, Bild und Ton von allen geteilten Geist. Dieses Verstehen ist ein anderes als das Fatigue-Syndrom als Entzündung zu identifizieren. Denn die Geisteswissenschaften erzielen Verstehen durch Einordnung in Denkhorizonte, die bereits entworfen sind und mit neuem Verstehen erweitert werden. Muss der Autor eines naturwissenschaftlichen Beitrags nicht erörtern, was eine Entzündung bedeutet, kann der Geisteswissenschaftler eine Erkenntnis nicht ohne den Rahmen formulieren, in den er seine Überlegungen einbaut. Deshalb gibt es die vielen Anmerkungen. Diesen Rahmen kann auch ein ChatGPT ausspucken. Das kann er nicht zuletzt deshalb, weil die aktuellen Geisteswissenschaften den Chatbots effektiv zuarbeiten. Sie sind weniger dem Zeitgeist auf der Spur, sondern beschränken sich darauf, den in Texten und Kunstwerken objektivierten Geist früherer Epochen freizulegen. Hier wäre die Lücke, die ChatGPT noch lässt, die Analyse des Zeitgeistes, der heute weht. Denn dazu reicht Wissen über bisherige Epochen nicht aus. Das gilt für die Geisteswissenschaften genauso wie für einen Chatbot. Da die Natur- und Sozialwissenschaftlichen heute die Fragen an das Verstehen richten, sind die Geisteswissenschaften dazu da, das in der Welt-Sein im digitalen Zeitalter, das auch weiter eine Zeitalter der Kriege ist, aufzugreifen. Das hat Odo Marquard schon vor der Epoche der Künstlichen Intelligenz als Aufgabe gerade der Philosophie gesehen. Am Beispiel Corona zeigt sich das so: Die Medizin baut die vom Virus ausgelösten Entzündungen in ihre Vorstellung vom Zusammenspiel von Gehirn und den Körperfunktionen ein. Den Geisteswissenschaften stellen sich die Frage, wie der Mensch zu verstehen ist, dessen Körperlichkeit von den Nervenzellen im Gehirn gesteuert wird. Diese Frage beantwortet sich neu, wenn die Geisteswissenschaftler verstehen, warum ChatGPT Prüfungen besser besteht als die meisten Studenten

wenn nur geprüft wird, was ChatGPT auch kann

Im Rückblick auf mein Studium der Philosophie und Theologie kann ich fragen, ob ich etwas eingeübt habe, was ein Chatbot nicht lernen kann. Das sechssemestrige Philosophiestudium konnte man mit besten Noten abschließen, wenn man möglichst viel auswendig gelernt hatte. Professoren gaben bessere Noten, wenn sie ihre Stimme in den Worten des Prüflings wiedererkannten. Das kann ein Chatbot besser, denn man kann ihn fragen: Was hat Professor N. zum Thema X gesagt? Das ist Wissen, nicht Verstehen, welches ich später in meinen Tätigkeiten brauchte. Das Verstehen, das die Geisteswissenschaftler sich zutrauen, musste ich mir selber erwerben. Denn es ging bei mir um die Philosophie, der ein Verlages oder ein Sender folgt. Gelernt habe ich das eher vom Marketing als von der Philosophie. In der Theologie lernte ich die Philosophie der Evangelisten kennen, ihre leitende Vorstellung, das Leben Jesu als gute Nachricht zu verfassen. Redaktionsgeschichte war dafür der Fachausdruck. Diesen Rahmen kann man in der Prüfung als bloßes Wissen wiedergeben und damit von ChatGPT ausgespuckt werden.  Verstehen würde sich darin zeigen, wenn ich für die Abschlussprüfung ein eigenes Evangelium ausgearbeitet hätte. Das brauchte ich sowieso für meine Predigten und Beratungen, nämlich verstanden zu haben, welche Sicht des Menschen Jesus verkündet und gelebt hat. Jeder macht sich mehr oder weniger bewusst eine solche Vorstellung. Die steckt auch in jedem exegetischen Kommentar. Denn ohne die Vorstellung kann man nicht wie Lukas sein Evangelium damals dem Nichtjuden, Theophilus wird er genannt, nahegebracht hat. den Menschen heute nahebringen.  

Verstehen, was mit dem objektiven Geist passiert 

KI, so die Schlussfolgerung, führt die Geisteswissenschaften auf ihre Kernaufgabe zurück. Das geht nicht mehr im Rückgriff auf frühere Epochen, denn für die jetzige haben die Naturwissenschaften unser Weltbild enorm erweitert haben. Es genügt nicht, Hegel und Heidegger verstanden zu haben, sondern Darwin und Einstein und die, die sich in denWelten bewegen, die diese eröffnet haben.  


Kategorie: Analysiert

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