Es geht darum, ob Geschriebenes etwas mitteilt, was es tatsächlich gibt oder gegeben hat. ChatGPT nimmt Worte, die Autoren und Autorinnen zu Sätzen geformt haben, und macht nach deren Muster neue Sätze, müht sich aber nicht ab, mit Worten die Realität zu erreichen. Jedoch ist der Unterschied zu dem, was Geisteswissenschaftler schreiben, ist sehr viel Geringen als bei den Naturwissenschaften. Geisteswissenschaftler studieren, was andere geschrieben haben. Das geht über das hinaus, was ein Algorithmus kann. Nicht nur wiedergeben, was im Ursprungstext steht, sondern diesen verstehen und einordnen. Geisteswissenschaftler sind nicht einfach Berichterstatter, sondern dringen in ein Verstehen vor, das nicht dadurch entstehen kann, indem nur wiederholt wird, was im Internet schon zu finden ist. Der Unterscheid muss deutlich bleiben. Die Theologie ist deshalb von den Chatbots besonders betroffen, weil ihre Wirklichkeit nicht greifbar ist.
Die Chatbots überfüttern das Internet
Weil die Algorithmen nur Vorhandenes mischen und Vieles davon online auch dann noch gestellt wird, vervielfacht sich das, was sowieso schon abrufbar ist. Daher wird das Internet an den Kopien der Gedanken, die schon längst zu finden sind, ersticken. Es wäre im Sinne von Google&Co, wenn die Geisteswissenschaftler jeden, von einem Algorithmus fabrizieren Text, lesen und nur die freigeben, die dem Stand der Wissenschaft entsprechen. Denn sonst ist bald alles Mögliche, z.B. über die Vorstellung des Mittelalters von den Engeln oder das Leben nach dem Tod zu lesen, was erst in esoterischen Kreisen des 20. Jahrhunderts erdacht wurde. Wenn dann ChatGPT aus beidem einen Text zusammenbaut, verschwimmt das Mittelalter in einem Meer von Worten. In der Konsequenz muss sich jeder, der sich mit dem Denken früherer Epochen beschäftigt, sich ganz vom Internet zurückhalten und wieder die Bücher lesen, von denen viele in Latein verfasst sind. So retten die Geisteswissenschaftler ihre Kompetenz, verstehen zu können, was gemeint ist. Denn das menschliche Gehirn kann im Unterschied zu einem Chip einen Text in seiner Bedeutung verstehen.
Texte imitieren
Es gibt eine weitere Bedrohung der Geisteswissenschaften. ChatGPT kann aus dem Wortfeld eines Autors neue Texte generieren, die sich fast nicht mehr von authentischen Texten des Autors unterscheiden – es werden ja die Sätze aus denselben Worten gebildet, die der Autor verwendet hat. ChatGPT konnte deshalb bereits aus den Satzmustern und dem Wortbestand der Sonette Shakespeares ein neues Sonett konstruieren. Das kann es auch mit den Texten z.B. von Augustinus. Dieser hat so viel geschrieben, dass sich leicht weitere Texte er-würfeln lassen. Wenn man drei Worte vorgibt, ist das Thema schon genügend eingegrenzt. Der Algorithmus sucht dann die Worte, die bei Augustinus auf diese Worte am häufigsten folgen. Überraschenderweise entsteht daraus ein lesbarer Text. Wenn ein solcher Text als bisher nicht bekannte Schrift des Theologen aus dem 5. Jahrhundert vorgestellt würde, könnte er nur von denen als Fake erkannt werden, die die Schriften von Augustinus gründlich studiert haben. Damit kommt viel Kontroll-Arbeit auf Theologen und Theologinnen wie auf alle Geisteswissenschaftler zu. Hier ist der Punkt erreicht, der für die Theologie besonders kritisch ist. Bedeuten die Sätze noch etwas oder sind es nur zufällig zusammengestellte Wortreihen. Die Herausforderung der Chatbots für die Theologie wird im Vergleich zu dem gefakten Shakespeare-Sonnet deutlich. Das Sonett gibt in Etwa den Blick des Dichters auf die Wirklichkeit wieder. Er hätte es auch so ähnlich schreiben können. Augustinus hat jedoch nicht gedichtet, sondern etwas über eine Wirklichkeit ausgesagt, die den Augen nicht zugänglich ist, sondern durch Worte und Riten vermittelt werden muss. Da Gott nicht Teil dieser Welt ist, können wir erst von ihm wissen, wenn er sich selber mitteilt. Deshalb können die Aussagen eines Theologen noch weniger überprüft werden als die Weltsicht, die ein Lyriker, eine Lyrikerin in einem ihrer Gedichte mitteilen. Bei einem gefakten Gedicht können die Leser diese Sicht mit ihrer eigenen vergleichen. Ob sie ihr Erleben allerdings wiederfinden oder auch nicht, sagt nicht etwas über die objektive Realität. Wenn aber ein imitierter Augustinustext Gott nicht zutreffend darstellt, dann ist Gott für die Leser anders geworden. Das ist kein neues Phänomen. Was das bedeutet, kann am Koran abgelesen werden. Er gilt als Abschrift eines Buches, das im Himmel hinterlegt ist. Er greift jedoch fast ausschließlich auf die Inhalte der Bibel zurück, interpretiert sie jedoch oft anders. So reduziert er Jesus vom Erlöser auf einen der vielen Propheten und Gott auf einen strengen Richter. Man kann auch aus einige Zeilen herauslesen, dass anstelle Jesu ein anderer gekreuzigt wurde. Auch die Theodizeefrage erhält eine ganz andere Deutung. Da nach dem strengen Monotheismus des Korans nur Gott handelt und der Mensch nur etwas tun kann, wenn von Allah seine Arme und Beine bewegt werden, kann der Mensch nur tun, was Gott durch ihn tut. Das entspricht nicht dem, was der gesunde Menschenverstand die Muslime denken und fühlen lässt, ist aber offizielle Lehre. Diese hat zur Konsequenz, dass Allah das Böse vollbringen muss, was der Mensch sich ausdenkt.
Keine theologischen Texte aus dem Chatbot
Die Konsequenz der obigen Analyse zwingt Zeitschriftenredaktionen und Buchverlage, keine von ChatGPT ausgegebenen Texte zu veröffentlichen. Die Folge wäre nämlich, dass die Theologie insgesamt unter Fakeverdacht gerät. Das Gleiche gilt für die anderen Geisteswissenschaften. Die Konkurrenz der Algorithmen erzwingt eine höhere Sprachkompetenz. Denn die Dissertationen und Artikel müssen so geschrieben werden, dass der Unterschied zu einem Chatbot-generierten Text nicht nur durch die Versicherung mitgeteilt wird, ChatGPT nicht benutzt zu haben. Der Leser muss es im Lesen spüren, dass er seine Zeit “frischer Ware” widmet.
Die Theologie und die anderen Geisteswissenschaften brauchen einen Gegenpol
Die Texte, die die Geisteswissenschaften veröffentlichen, sind nicht so nahe an den Fakten wie die der Naturwissenschaften. Diese berichten von Forschungsergebnissen, von denen Google noch nichts wissen kann. Da das Internet sich nur im Raum des Gedachten bewegt, kann es seinen Realitätsbezug nur durch einen Gegenpol sichern. Denn man sich nicht mehr auf die Gedanken anderer verlassen. Die Geisteswissenschaften brauchen etwas, das nicht gefakt werden kann. Es sind das gemalte Bild im Museum, das aufgeführte Theaterstück, die im Konzertsaal gespielte Sinfonie, das Bauwerk wie auch Interviews oder Berichte von Betroffenen. Die Theologie hat darüber hinaus einen sehr starken Gegenpol, der Realität garantiert: Die Caritas wie die Liturgie. Weder ist ein Gemälde noch ein Gottesdienst oder die Versorgung von Reisenden durch die Bahnhofsmission ein Fake.
März 2025
Ein Kommentar von Dr. Eckhard Bieger S.J.
Tagung "Kirche im Web" beschäftigte sich mit Glaubens- und Change-Kommunikation
Die Tagung "Kirche im Web" hat am 13./14. März 2025 in der Akademie Franz Hitze Haus in Münster und online stattgefunden. explizit.net und hinsehen.net begleiten #kiw25 medial. Weitere Infos auf www.kircheimweb.net.
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