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Rente – auch ein Zeitproblem

Bei Senioren einen Termin zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Es ist nicht so wie beim Facharzt, aber bei einigen ist wirklich sehr viel los. Jutta Mügge gibt Einblick in ihr Zeitbudget und warum sie doch noch immer Termine frei hat.

„Sag mal." fragt mich eine Freundin, "hast du als Rentnerin denn keine Zeit? Wenn ich Senioren frage, dann heißt es oft: Oh, ich habe keine Zeit, hab soviel Termine.“

Ich lächle: „Ich habe alle Zeit der Welt“. Ich schwimme, walke, boule, mache Yoga, genieße die Sauna, kümmere mich um meinen Garten, lese, und schreibe fürs Internet. Ich fahre Rad, treffe Freunde und lade meine Frauengrüppchen ein. Ich lebe im Augustinum mit vielen interessanten Menschen und spannenden Lebensgeschichten. Und ich begleite sterbende Menschen im Rahmen meines ehrenamtlichen Hospizdienstes.
Das hört sich jetzt vielleicht an, als würde ich unter Zeitnot leiden. Aber genau dafür habe ich Zeit. Auch wenn mein Kalender gut gefüllt ist, heißt das nicht, ich hätte keine Zeit. Ich habe jetzt Zeit für das, was ich tun möchte. Der entscheidende Unterschied zu früher ist: Ich muss nichts mehr müssen.

Zeit haben - ein wunderbares Gefühl und noch gewöhnungsbedürftig

In meiner beruflichen Zeit hatte ich viele Verpflichtungen, Termine. Es gab viele Erwartungen von außen. Ich musste mich als Selbstständige anstrengen, damit ich genügend Aufträge hatte. Dafür musste ich mich anpassen, funktionieren, pünktlich und für andere da sein. Ich war häufig fremdbestimmt. Meine Zeitplanung war zu einem guten Teil von Anderen bestimmt. Das war auch ok, weil ich meine Arbeit gern und mit Herzblut gemacht habe. Heute gehört meine Zeit mir und ich versuche zu entscheiden, wofür ich sie einsetze.
Ich kann entscheiden, wann ich schwimmen gehe, im Garten arbeite oder mich an den Computer setze. Oder auch gar nichts tue.

Ich muss niemandem mehr etwas beweisen

Ich brauche niemandem Rechenschaft ablegen, wie ich meine Tage verbringe. Das ist Freiheit pur. Ich versuche, mich möglichst nicht mehr unter Zeitdruck zu setzen, denn jetzt im Alter komme ich immer mehr an das heran, worauf es wirklich im Leben ankommt. „Am Ende zählt der Mensch“, das ist der Slogan des Hospizes. Ich spüre, dass es für mich wichtig ist, mich zu einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen, Nähe zu erleben, Herzlichkeit zu spüren, Akzeptanz zu erfahren und das auch anderen zu ermöglichen. Deshalb verfüge ich heute anders über meine Zeit als früher. Setze weitestgehend selbst meine Schwerpunkte und muss auch lernen, Nein zu sagen.

Meine Zeit füllt sich

Haben Rentner auf einmal Zeit? Was für eine merkwürdige Frage. Als wäre Zeit etwas, das mir erst geschenkt wird, wenn ich aus dem Berufsleben ausscheide. Als würde ich eines Morgens aufwachen, die Arbeit hinter mir lassen und plötzlich vor einem riesigen Berg leerer Stunden stehen. Das ist mir nicht passiert. Für mich besteht der Unterschied von gestern und heute darin, dass ich nicht mehr fremdbestimmt bin, sondern jede Minute am Tag von meiner Entscheidung getragen wird, es sei denn etwas Unerwartetes kommt dazwischen.
Zeit zu haben bedeutet für mich, frei über meine Stunden und wie ich sie fülle verfügen zu können. Da gehört für mich auch das Zuhören und einfache Dasein für andere dazu. Es ist spannend, wenn sie aus ihrem Leben erzählen. Jeder und jede bringt eigene Lebensgeschichten mit. Hier im Augustinum, in unserem kleinen „Dorf“, gibt es interessante, verrückte und traurige Geschichten. Es wird diskutiert, gelacht, philosophiert manchmal auch gestritten, geweint und getröstet. Ich mag diese Lebendigkeit, für die ich gerne meine Zeit investiere. Auch die Zeit, die ich in meinem Ehrenamt bei der Begleitung von Sterbenden einbringe, erlebe ich als besonders intensiv. Ich bin erstaunt, wie wenig es braucht um dem anderen eine Unterstützung zu sein. Manchmal reicht eine Umarmung, ein Händedruck, ein Lächeln. Es muss nicht immer geredet werden. Heute ist Leben, nicht gestern und nicht morgen.
Vielleicht ist es genau das, was sich bei mir verändert. Ich erlebe meine Rentnerzeit als große Freiheit, bin dankbar dafür, dass ich mir erlauben kann, im Jetzt zu leben. Denn ich muss nicht mehr so weit in die Zukunft denken.

 

 

 

 


Kategorie: Analysiert

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