Brücke bei Bonn Foto: hinsehen.net, E.B.

Unsere Freiheit kommt nicht aus der Natur

Freiheit ist etwas anderes als Natur. Diese verhält sich entsprechend physikalischen und biologischen Gesetzen. Diesen Naturgesetzen ist Freiheit nicht unterworfen. Sie kann nicht aus Gesetzen folgen. Wo hat sie aber dann ihren Ursprung?

Freiheit ist keine Eigenschaft so wie Schönheit, Intelligenz, Gesundheit. Sie ist mit der Würde eines Menschen unmittelbar verbunden, denn auch diese ist keine Eigenschaft. Einen gesellschaftlichen Status und das damit verbundene Ansehen können Menschen vergeben und damit auch den Trägern von Privilegien mehr ermöglichen. So ist in Indien die Abstammung und die damit gegebene Achtung, die man allein durch Geburt erhält, noch entscheidend. Wer von kastenlosen Eltern abstammt, kann nie den gesellschaftlichen Status eines Brahmanenkindes erreichen. In den westlichen Ländern konnte früher ein König jemanden in den Adelsstand erheben und noch bis ins 20. Jahrhundert genoss man noch das Privileg dieser Abstammung. Das alles ist Natur, das selbstbestimmte Individuum beginnt jenseits dessen, was die Natur oder die Herkunft vorgibt. Die Freiheit ist nicht von Menschen verliehen. Sie kann nur von Menschen beschnitten werden. Wie kommt aber diese Unabhängigkeit in das aus der naturhaften Evolution erwachsene Lebewesen?

Freiheit nicht von den Eltern noch von der Gesellschaft

Die Freiheit ist mit der Geburt gegeben, ohne dass die Eltern dieses Vermögen den Kindern mitgegeben hätten. Vielmehr müssen sie sich mit der Freiheit auseinandersetzen, wenn sie sich im Trotzalter und dann in der Pubertät vehement meldet. Noch weniger als die Eltern verleiht die Gesellschaft dem neuen Erdenbürger seine Freiheit, sie kann diese allenfalls respektieren. Zudem haben weder Eltern noch Schule, noch Universität und sicher nicht Arbeitgeber ein Interesse an der Entfaltung der Freiheit. Sie geben vielmehr den Vorgesetzten die Machtmittel in die Hand, das Freiheitsstreben der Untergebenen so zu steuern und auch einzuschränken, dass sie ihre Leistungen optimieren.

Freiheit kommt woanders her

Wenn die Natur nur Gesetze kennt und die Menschen Freiheit anderen nicht einpflanzen, sondern diese nur entdecken können, dann muss sie anderswo herkommen. Würde man jetzt Gott herbeizitieren, dann wäre er nur als unbestimmte Größe an die offene Stelle gesetzt, die in der "Gleichung Mensch" offen geblieben ist. Deshalb muss diese Gleichung genauer untersucht werden, denn die Freiheit ist irgendwie im Menschen.
Natur und Sprachfähigkeit ergeben den Menschen. Animal rationale - Tier mit Verstandesfähigkeit ergibt "Mensch". Verstand und Freiheitsvermögen gehören zum Menschen. Sie sind insofern naturhaft, als dass der Mensch nicht entscheiden kann, ob er frei sein will oder nicht. Will er nicht frei sein und bittet um Aufnahme z.B. In ein Gefängnis oder in eine geschlossene Abteilung einer Heilanstalt, dann hat er selbst darüber entschieden. Auch der Selbstmord, mit dem ja notwendig das Ende einer Freiheitsgeschichte gegeben ist, entspringt einer freien Entscheidung. Ist sie nicht frei, würde man von Mord sprechen. Helfen die Naturwissenschaften?

Die Naturwissenschaften haben erstaunliche Erkenntnisse erbracht. So hat die Paläanthropologie genügend Funde gemacht, die die Abstammung des Menschen aus dem Tierreich belegen. Insofern ist der Mensch als Naturwesen erklärbar. Das würde dann auch für die Freiheit gelten, wenn diese "Natur" wäre. Eigentlich müssten die Naturwissenschaften die "Natur" der Freiheit feststellen können, wäre diese naturhaft. Wenn jedoch die Freiheit jenseits der Naturgesetze entspringt, aber ganz Natur wäre, dann gäbe es etwas Naturhaftes, das jenseits des Erkenntnisvermögens der Naturwissenschaften liegt. Diese Unmöglichkeit beginnt bereits beim Bewusstsein. Das ist der Beobachtung nur indirekt zugänglich, insofern man Ströme messen kann. Man kann jedoch nicht in die Nervenzellen hineinschauen, was in ihnen passiert. Der Beobachtete muss über das Auskunft geben, was sich in seinem Inneren abspielt. Deshalb kann auch mit den hoch entwickelten Messmethoden nicht von außen beobachtet werden, wie eine Freiheitshandlung, z.B. eine Entscheidung, zustande kommt. Das kann nur die Person offenlegen, die eine Entscheidung gefällt hat.

Kriterium der Personalität

Wenn man sich auf die Suche nach der Herkunft der Freiheit jenseits der Naturgesetze und der Eingriffsmöglichkeiten der Menschen macht, dann gibt es einige Kriterien, mit denen man klären kann, ob es sich tatsächlich um den Ursprung handelt
Der Ursprung muss selbst auf der Ebene der Freiheit handeln. Wäre er unterhalb dieses Ursprungs anzusiedeln, dann würde aus etwas Niederem Höheres entstehen können, Physik könnte als etwas Nicht-Physikalisches hervorbringen. Tatsächlich bringt die von der Biologie beschriebene Natur etwas über die Physik hinaus zustande. Lebewesen können sich verdoppeln und indem sie Keimzellen zur Teilung und so aus einer Zelle ein neues Lebewesen zustande bringen. Auch die Vernunft wie das Freiheitsvermögen entstehen mit dem Lebewesen aus einer einzelnen Zelle. Es liegt also nahe, weiter in der Natur zu suchen. Man müsste dann aber auch von der Natur sagen, sie selbst verfüge über so viel Freiheit, dass sie Lebewesen mit diesem Vermögen hervorbringen könnte. Dann müsste der Mensch, so wie er mit anderen Freiheiten in Interaktion treten kann, auch mit dem Ursprung seiner Freiheit eine Beziehung aufnehmen können.  Das wäre etwas dem Gebet Ähnliches. Dann entsteht im Blick auf die Menschheitsgeschichte eine interessante Frage: Warum suchen sie ihren Ursprung in einer Sphäre, bei einem Wesen, das über ihnen steht. Das tun sie bereits lange, bevor das philosophische Denken erwachte. Durch das hier versuchte Nachdenken gelangt man allenfalls bis zu der Grenze, zu der die Menschen mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnismitteln vorstoßen können. Gibt es dann aber jenseits des schlussfolgernden Nachdenkens ein Wahrnehmungsorgan, über das der Mensch Zugang zum Ursprung seiner Freiheit gewinnen könnte?

Die Freiheit ist die alleinige Instanz, die befragt werden kann

Es ist verständlich, wenn Menschen über die Natur hinaus nach Erkenntnissen suchen, Denn von den Tieren erhalten Sie keinen Aufschluss über ihre Bestimmung, was sie auf dieser Welt eigentlich sollen, wofür sie ihre Lebenszeit geschenkt bekommen haben und was es bedeutet, dass sie mit dem Tod in eine unbestimmte Existenz geschickt werden. Die Religionen berufen sich auf besondere Erkenntnisse, die aber nur einigen wenigen eröffnet wurden. Auf der Ebene der Philosophie, die mit ihren Argumentation jedem ihre Erkenntnisse einsichtig machen will, bleibt der Mensch erst einmal bei der Situation, die schon die Bibel so beschreibt: Adam soll nicht alleine bleiben. Gott führt ihm die Tiere vor, jedoch erkennt Adam keines, das ihm gleich wäre. Gott nimmt dann etwas vom Körper Adams, um daraus ein dem Menschen ebenbürtiges Geschöpf zu formen. Es ist wohl deshalb eine Rippe Adams, weil diese für die Mondsichel steht, dem Gestirn, das der Frau zugeordnet wird. Diese Ausgangslage hat sich nicht grundlegend verändert. Der Mensch muss mit Seinesgleichen eine Antwort auf die Fragen finden, die ihm das Leben stellt. Er kann einige Schritte weiterkommen, wenn er seine Freiheit befragt. Sie ist ihm irgendwie mitgegeben, damit aus seinem Leben eine Biographie wird. Er soll nicht bloß Instinkten, auch nicht einfach den vor der Natur und den von der Gemeinschaft aufgestellten Gesetzen folgen, sondern etwas Einmaliges aus sich machen, so wie seine Iris einmalig ist. Wer immer die Macht ist, die ihm über die Naturgesetze hinaus diese Freiheit überantwortet hat, diese Macht will seine Freiheit. Deshalb kann sich keine menschliche Instanz, ob Staat oder Wissenschaft darauf berufen, sie könne die menschliche Freiheit anstelle des Individuums besetzen. Deshalb können Gesetze nur erlassen werden, wenn sie wie die 10 Gebote die Freiheit des anderen schützen. Jeder Diktatur wie noch mehr jeder Bürgerkrieg zeigen, dass ein Gemeinwesen nur menschenwürdig ist, wenn es auf der Achtung der Freiheit des einzelnen aufbaut. Genau in der Freiheit begründet das Grundgesetz die Würde des Bürgers. Eines ist noch zur Freiheit zu sagen: der Mensch kann sie nicht zurückgeben. Gegenüber der Freiheit ist er nicht frei. 


Kategorie: Verstehen

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