Kreml - das wehrhafte Russland Foto: hinsehen.net E.B.

Russland und Polen, Ursache der Spannungen liegt im 17. Jahrhundert

Nicht mehr der Tag der Oktoberrevolution, sondern die Befreiung Moskaus von der polnisch-litauischen Vorherrschaft vor 400 Jahren gilt heute als Staatfeiertag. Dies ist auch einer der Gründe, warum die Russen sich vom Westen bedroht fühlen. Denn die Animositäten zwischen Polen und Russland gehen auf diese Zeit zurück.

Weißrussland, die Ukraine und auch Teile des heutigen Russlands standen einmal unter litauisch-polnischer Herrschaft. Es gab sogar einen polnischen Prinzen auf dem Zarenthron. Anfangs war Polen mit Litauen zusammen in der stärkeren Position. Erst nach Aufständen in der Ukraine und der Festigung des Moskauer Großfürstentums unter den Romanows gewann Russland wieder die Oberhand, die im 18. Jahrhundert zur Teilung Polens führte und bis heute das Misstrauen zwischen beiden Völkern  weiter bestehen lässt.

Polen-Litauen kooperierte mit den Feinden Russlands, den Mongolen

Der Erinnerung an die Befreiung von der polnisch-litauischen Besetzung ist der neue Staatsfeiertag Russlands gewidmet, jeweils am 4. November. Er wurde 2005 anstelle des Gedenktages der Oktoberrevolution als Tag der Volkseinheit eingeführt. Vor 400 Jahren im Jahre 1612 wurde Moskau von den polnischen Besatzern befreit. Die Entscheidung der Regierung, gerade dieses Ereignis zum größten Gedenktag Russlands zu erheben, sagt viel über die Beziehungen zwischen Russland und seinem osteuropäischen Nachbar aus. Wenn man heute von den gegenseitigen Misstrauen zwischen Russland und den Ländern an seinen westlichen Grenzen spricht, geht es nur auf den ersten Blick um die Ereignisse vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, die Ukraine-Krise und vielleicht noch die Teilung Polens im 18. Jahrhundert. Jedoch ist die Rivalität zwischen Russland und Polen und vorher noch mit Litauen um die Vorherrschaft in Osteuropa schon bis ins 14. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Als Dmitry Donskoyertses erfolgreich die Goldene Horde herausforderte und ihre Armee im Jahre 1380 schlug, konnte er nur deswegen erfolgreich sein, weil der litauische Fürst, der ein Verbündeter der Goldenen Horde war, ein paar Tagen zu spät das Schlachtfeld erreichte.

Das Großfürstentum Litauen herrschte über Weißrussland und die Ukraine

Das heutige Weißrussland wie die Ukraine gehörten im 14. Jahrhundert zum Großfürstentum Litauen, das damals noch heidnisch war, gleichzeitig aber die Religionsfreiheit und Kultur der Orthodoxen in den ehemaligen Ländern der Kiewer Rus respektierte. Das Altrussische war weiter Landessprache. Das änderte sich, als der litauischer Fürst eine polnische Prinzessin heiratete und zum Katholizismus übertrat. Die Orthodoxen wurden in der neuen Großmacht Polen-Litauen, die fast ganze Ost-Europa beherrschte, zu Menschen Zweiter Klasse. Das wurde dem Herrscherhaus zum Verhängnis, da die Orthodoxen im polnisch-litauischen Reich in dem erstarkten Großfürstentum Moskau ihren Verbündeten im Kampf gegen religiöse und nationale Unterdrückung fanden. Adelige liefen mit ihren Untertanen zu Moskau über. So wurde die Grenze des Großfürstentums Moskau schon Ende des 15. Jahrhundert weit nach Westen verschoben. Zu erstem großen Zusammenstoß zwischen Russland und Polen kam es, als Iwan IV., der Schreckliche, den Deutsche Orden in den baltischen Ländern besiegte. Durch die Besetzung des heutigen Estlands und Lettlands wollte er Zugang zur Ostsee bekommen. Jedoch schaltete sich Polen mit seinem König Stefan Batorius ein, der ein erfolgreicher Heerführer war. Russland wurde besiegt und aus dem Baltikum verdrängt.

Die Niederlage Russlands führt zu einem Terrorregime

Die Folgen dieser Niederlage waren für Russland katastrophal. Der lange Krieg, der so kläglich endete, hatte die Ressourcen des Landes erschöpft. Um den Krieg weiterführen zu können, führte Iwan d. Schreckliche eine Art von Terrorregime ein. Nach seinem Tod schlug das in Anarchie um. Die Sympathien der Orthodoxen in Weißrussland und in der Ukraine wurden so verspielt. Sie lehnten zwar nach wie vor die Katholisierung und nationaler Unterdrückung ab, wollten aber nicht ein prosperierendes Polen gegen ein armes, von einer blutigen Diktatur tauschen, das in eine Anarchie taumelte.

Iwan der Schreckliche hinterlässt keinen Erben

Nach dem Tod Iwans starb die Dynastie von Ryurik, die Russland seit seiner Gründung beherrschte, aus, da alle Söhne Iwans noch vor seinem eigenen Tod gestorben waren. Einer von ihnen, Prinz Dmitry,  starb bereits als Kind. Aber die mit der Herrschaft adeliger Familien unzufriedene Bevölkerung glaubte, dass er überlebt habe. Nicht wenige Abenteurer versuchten, das auszunutzen. Einer von ihnen konnte sich die Unterstützung  Polens sichern. Da er auch von den Kosaken und unzufriedenen Bauern anerkannt wurde, konnte er Moskau besetzen. Als Zar konnte er sich aber nicht lange behaupten. Ein Volksaufstand gegen diese, als fremd empfunden Herrschaft, hat diesen Zar gestürzt. Man hat ihn in eine Kanone gesteckt und diese in Richtung Westens abgefeuert.

Polen besetzt das ins Chaos geratene Russland

Das war aber erst der Anfang der Schwierigkeiten. Der Staat ohne anerkannte Zentralregierung drohte auseinanderzufallen. Polen hat die Gunst der Stunde genutzt. Eine polnische Armee ist in Russland einmarschiert. Die in Moskau regierenden Adeligen haben den Sohn des polnischen Königs als Zar anerkannt. Er sollte sich zum orthodoxen Glauben bekennen, tat das aber nicht. Patriarch Germogen, der zum Wiederstand aufrief, wurde abgesetzt und sogar verhaftet. Aus dem Gefängnis organisierte er den Widerstand gegen die Fremdherrschaft. Die Rettung des Landes kam aus der Provinz, wo einfache Leute eine Befreiungsarmee organisiert hatten. Sie konnten Moskau am 4. November 1612 von den polnischen Truppen befreien. Das war das Ereignis, das 2005 zum größten Staatsfest Russlands ausgerufen wurde. Das Denkmal der Helden dieser patriotischen Bewegung steht seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Roten Platz. Vor kurzem wurde neben dem Kreml auch dem Patriarchen Germogen ein Denkmal errichtet.

Die Herrschaft der Romanows beginnt

Die Befreiung Moskaus durch das Volk führte dazu, dass sich eine Art von Parlament bildete, um eine neue Staatsordnung zu etablieren. Es kam aber nur zur Wahl eines neuen Zaren – des ersten der Romanows – Michail. Der Krieg mit Polen selbst endete damit, dass Russland sich bereit erklärte, große Gebiete im Westen des Landes abzutreten.

Die Ukraine rebelliert gegen Polen

Die spätere Geschichte der polnisch-russischen Beziehungen ist untrennbar mit dem Schicksal der Ukraine verbunden, die sich Mitte des 17. Jahrhundert gegen polnische Herrschaft erhob. Die Unterstützung des ukrainischen Aufstandes gab Russland die Möglichkeit, sich das zurückzuholen, was es in der Zeit der Wirren verloren hatte. Und noch mehr. Die Teilung Polens im 18. Jahrhundert hat das Blatt der polnisch-russischen Beziehung gewendet. Jetzt hatte Russland die Oberhand. Polen konnte nur nach dem Ersten Weltkrieg seine Unabhängigkeit wieder erreichen. Der neue polnische Staat war aber vor kurzer Dauer. Es waren wieder Russland und Deutschland, die das Ende Polens herbeiführten. Auch wenn Polen nach dem Ende der Sowjet Union seine volle Unabhängigkeit wiederherstellen konnte, ist das gegenseitige Misstrauen, dass über Jahrhunderte aufgebaut wurde, geblieben. Es harrt der Aufarbeitung.

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