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Die KI-Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV. und die Probleme mit der Messung des Bruttoinlandsprodukts (BIP)

Papst Leo XIV. äußert sich in seiner Enzyklika Magnifica Humantitas ausführlich zu Problemen mit der Messung und der Interpretation der Zahlen des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Was sagt der Pontifex genau und was ist von seinen Aussagen zu halten?

Was IST das Bruttoinlandsprodukt?

Das Bruttoinlandsprodukt misst den Gesamtwert aller Güter (Waren und Dienstleistungen), die innerhalb eines Jahres innerhalb der Grenzen einer Volkswirtschaft als Endprodukte hergestellt wurden. Es ist der wichtigste Indikator zur Beurteilung der wirtschaftlichen Leistung und der Konjunktur eines Landes. Inlandsprinzip: Es zählt, was innerhalb der geografischen Grenzen eines Landes produziert wird – unabhängig davon, ob es von inländischen oder ausländischen Unternehmen und Personen erwirtschaftet wurde.

Hinweis: Das Bruttonationaleinkommen (ehemals Bruttosozialprodukt) zählt hingegen nach dem Inländerprinzip. Endprodukte: Um Doppelzählungen zu vermeiden, werden nur die Endprodukte und nicht die für ihre Herstellung benötigten Vorleistungen erfasst (d.h. der reine Mehrwert). 

Das Konzept wurde maßgeblich vom berühmten Ökonomen John Maynard Keynes entwickelt und zur Steuerung der Wirtschaft Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg erfolgreich angewendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich das Konzept weltweit durch und gilt seit über 80 Jahren als allgemein übliche Methode zur Erfassung der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft.

Allerdings gibt es schon bei diesem eher einfachen Konzept bereits Probleme, die Kaufkraft angemessen zu berücksichtigen. Ein Euro oder ein Dollar kann je nach Land unterschiedlich viel kaufen. Deshalb werden die Wirtschaftsleistungen nicht nur zu den aktuellen Wechselkursen, sondern auf Basis der tatsächlichen Kaufkraft umgerechnet. Grundlage dafür sind sogenannte Kaufkraftparitäten, die Preisunterschiede zwischen den Ländern messen. Ein Land mit niedrigen Preisen erhält dadurch häufig ein höheres kaufkraftbereinigtes BIP als bei einer Berechnung mit Marktwechselkursen. Wirtschaftsjournalistinnen und Wirtschaftsjournalisten sowie internationale Organisationen nutzen deshalb häufig das kaufkraftbereinigte BIP, wenn sie Aussagen über Wohlstand, Produktivität und internationale Einkommensvergleiche treffen. 

Das BIP ist eine Messgröße, aber kein Maßstab für gesellschaftlichen Fortschritt

Papst Leo XIV. kritisiert, dass das Bruttoinlandsprodukt seit mehr als 80 Jahren als dominierender Maßstab für gesellschaftlichen Fortschritt dient. Nach seiner Auffassung bildet das BIP viele entscheidende Aspekte menschlichen Wohlstands nicht angemessen ab. Insbesondere die Würde der Arbeit, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit blieben in der Kennzahl weitgehend unberücksichtigt. Hier hat der Papst vollkommen recht.

Das Konzept des BIP erlaubt keine direkten Rückschlüsse darauf, wie die Güter und Dienstleistungen zustandekommen, wie das Einkommen verteilt wird und wie es den Menschen und der Umwelt geht. Im Gegenteil, selbst eine Verschlechterung der Lebensumstände kann das BIP nachhaltig steigern. Ein aktuelles Beispiel wären hier Klimaanlagen im nördlichen Mitteleuropa. Noch vor wenigen Jahren waren sie in privaten Gebäuden kaum eingesetzt worden, weil keine wirkliche Notwendigkeit gesehen wurde. Im diesjährigen Sommer sind sie in Deutschland aber ausverkauft, die Wartezeiten betragen bei vielen begehrten Modellen drei bis sechs Monate. Es geht den Menschen eher schlechter, als vor ein paar Jahren, aber das BIP steigt, weil eben jetzt Klimageräte angeschafft werden müssen. Auch die Reparatur der Straßen und Eisenbahnschienen wird viel kosten und das Bruttosozialprodukt steigern, obwohl für die Menschen keine Verbesserung zu sehen sein wird. Solche Zusammenhänge werden in der Volkswirtschaftslehre als Schlaraffenparadoxon bezeichnet. Ein steigendes Volkseinkommen trotz Verschlechterung der Lebensumstände.

Ein gutes Beispiel, wie das Konzept des BIP zu falschen Schlussfolgerungen führen kann, ist der Vergleich des BIP je Kopf in Mississippi und der EU. Mississippi gilt als der wirtschaftlich schwächste Bundesstaat der USA, erreicht aber dennoch ein höheres Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner bzw. Einwohnerin als der Durchschnitt der Europäischen Union. Mississippi weist trotz seiner hohen Wirtschaftsleistung erhebliche Probleme wie Armut, geringe Lebenserwartung und große Einkommensunterschiede auf. Es geht den Menschen dort keinesfalls besser als den Bürgern der Europäischen Union. Allerdings profitiert Mississippi vom großen Binnenmarkt der USA, die eine einheitliche Sprache, ein einheitliches Recht und hohe Arbeitsmobilität besitzen, was das Wirtschaftswachstum begünstigt. Weshalb auch die Europäische Union entsprechende Regeln setzen will. Das BIP wird weiterhin eine wichtige Maßzahl zur Bewertung der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft bleiben, aber Ergänzungen sind in der Zukunft dringend nötig.

Der Papst fordert wegen der Unzulänglichkeit des BIP‑Konzepts ergänzende Indikatoren, die über das reine Wirtschaftswachstum hinausgehen.

Nach Ansicht von Papst Leo reicht wirtschaftliches Wachstum allein nicht aus, um gesellschaftlichen Fortschritt zu beurteilen. Neue Messgrößen sollen helfen, politische und wirtschaftliche Entscheidungen stärker am Gemeinwohl auszurichten. Der Pontifex setzt sich daher dafür ein, das Bruttoinlandsprodukt künftig als wichtigen, aber unvollständigen Wirtschaftsindikator zu behandeln und es durch weitere Kennzahlen zu ergänzen, die den Menschen und das Gemeinwohl stärker in den Mittelpunkt stellen. Ein erweitertes Messsystem könne auch Bildung, Friedensförderung und nachhaltige Entwicklung stärker berücksichtigen. Außerdem könne man durch entsprechende Indikatoren sichtbar machen, welche Folgen Gesetze und Regulierungen für Beschäftigung, soziale Teilhabe und Umwelt haben. Die Lebenserwartung, die Kindersterblichkeit, der Zugang zu sauberem Wasser, die Verbreitung von Infektionskrankheiten oder der Gini-Koeffizient, der das Maß der Einkommensungleichheit abbildet, sind nur einige der vielen Messgrößen und Untersuchungen, die solche Aspekte sichtbar machen, die der Papst hier erwähnt.

Der Heilige Vater betont weiter, dass gerade im Zeitalter der künstlichen Intelligenz der Erfolg einer Volkswirtschaft umfassender bewertet werden müsse und technologischer Wandel nicht ausschließlich an Produktivitäts- oder Wachstumsgewinnen gemessen werden dürfe. Vielmehr müsse geprüft werden, ob KI die Ungleichheit verringert oder verschärft. Ebenso wichtig sei, ob technologische Innovation die Würde des Menschen stärkt oder untergräbt. Papst Leo sieht in neuen Wohlstandsindikatoren eine Grundlage für bessere nationale und internationale Prioritätensetzungen. Frieden entsteht nach seiner Argumentation nicht primär durch ein steigendes BIP, sondern auch durch Gerechtigkeit, breite Teilhabe und nachhaltigen Wohlstand für die gesamte Gesellschaft.

Der Papst ist nicht der Einzige, der einen neuen Umgang mit künstlicher Intelligenz fordert.

Papst Leo XIV. ist nicht der Einzige, der sich um die Entwicklungen im Zusammenhang mit KI Sorgen macht. Weiterhin betonen Wissenschaftler wie Professor Krishna Gummadi, Direktor des Max-Planck-Instituts für Softwaresysteme in Saarbrücken, in der Ausgabe des Max-Planck-Magazins 02/2026, dass große Unternehmen, denen man viel Geld zahlen muss, um darauf zugreifen zu können, KI-Systeme kontrollieren. Das könne Ungleichheiten verstärken, indem die, die sich die neuesten Modelle leisten können, viel produktiver arbeiten können, als diejenigen, die nicht das Geld dazu haben. Vielleicht muss der Zugang zu diesen Systemen zur Grundversorgung gehören.

Möglich wäre auch eine Besteuerung von sogenannten Token, also Zeichen, die ein Modell erzeugt, um wegbrechende Steuereinnahmen auszugleichen. Es gibt auch viele Probleme mit den Modellen, die man dringend untersuchen muss, um zu verhindern, dass die Gesellschaft gespalten wird. Da die Interessen in der Bevölkerung teilweise zu unterschiedlich sind, ist hier jedoch keine einfache Lösung zu erwarten.

Diskutiert wird das Thema auch breit in den Wirtschaftswissenschaften. Hier ist es unter anderem der Nobelpreisträger Daron Acemoglu vom MIT in den USA, der sich eine Änderung der Steuersysteme und auch die Zerschlagung großer Techkonzerne vorstellen kann.

Ulrich Lehmann


Kategorie: Verstehen

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