Der Mehrheits-Islam – in einem säkularen Staat leben

Der Islam, der sich als der Offizielle vorstellt, steht für die Mehrzahl der Muslime in Deutschland nicht für die Religiosität, die sie selbst leben wollen. So einheitlich der Islam in den Medien erscheint, entspricht dieses Bild weder der gegenwärtigen Vielfalt noch der Geschichte, denn es gibt verschiedene Ausprägungen dieser Religion.

Identitätssuche der Muslime, die in dieser Gesellschaft leben wollen

Der Islam in Deutschland ist in der Innenperspektive vielgestaltig und in einer interessanten Entwicklung. Vieles ist in Bewegung, herausgefordert auch durch eine säkulare Gesellschaft. In dieser Situation gibt es wie im Christentum die Reaktion, die religiöse Praxis zu reduzieren oder ganz einzustellen. Wer sich in dieser Gesellschaft mit einer religiösen Identität verorten will, lebt in einem komplexen Spannungsfeld, das mehr Pole hat als wenn Christen ihre religiöse Identität bestimmen. Es ist einmal die säkulare Gesellschaft, die der Religion kaum noch eine lebensgestaltende Funktion einräumt. Dann der offizielle Islam, der durch die Islamverbände und die Moscheen präsent ist. Diese sind mehr von den Herkunftsländern bestimmt als von den religiösen Fragen der Muslime, die hier leben. Als Herausforderung kommt hinzu, dass die Muslime sich in den westeuropäischen Gesellschaften sehr viel mehr rechtfertigen müssen als Mitglieder anderer, auch der asiatischen Religionsgemeinschaften. Die Identitätsfindung ist für junge Muslime, die hier geboren wurden, eine sehr viel stärkere und dringendere Herausforderung, wenn sie dafür die Religion nicht ausklammern. Das führt notwendig dazu, dass sich neue Formen herausbilden, die Religion zu leben.

Warum erfährt man als Nicht-Muslim so wenig davon?

Einmal ist diese Neuorientierung noch ein Prozess, der nicht nur in Spannung zu dem offiziellen Islam der Verbände steht, sondern auch im Kontext einer Gesellschaft ausgetragen werden muss, für die Religion ein Zeichen für mangelnde Intellektualität und nicht mehr praktikabler Moralvorstellungen ist. Wie sollen Muslime dieser Gesellschaft erklären, was sie bewegt? Da der Prozess nicht abgeschlossen ist, kann man auch nicht von Lebensentwürfen ausgehen, die bereits von einer größeren Zahl von Muslimen übernommen worden sind. Diese Prozesse finden weniger in den Moscheegemeinden statt, vielmehr können die neuen Islamfakultäten Zugang zu dem sich entwickelnden Selbstverständnis eröffnen. Aus diesen neu gegründeten Fakultäten kommen allerdings nicht die Imame, die die Moscheegemeinden betreuen, sondern die Religionslehrer und Religionslehrerinnen. Da zu lange die Koranauslegung und die dafür notwendige Theologie nicht an den Universitäten gelehrt wurden, gibt es erst wenige auskunftsfähige Gesprächspartner.

Mehr Freiräume als in den islamischen Ländern

Dieser Islam entwickelt sich in einer Gesellschaft, die anders als die Herkunftsländer ihre politische Ordnung nicht auf die Religion gründet. Das schafft erst den Freiraum, das Religiöse neu zu entdecken, denn wie früher im lateinischen Christentum des Abendlandes ist in islamischen Ländern die Religion bis heute Garant der politischen Ordnung. Eine Veränderung der religiösen Vorstellungen bedroht, wie auch im 16. und 17. Jahrhundert in Westeuropa, die gesellschaftliche Ordnung. Da die Moscheegemeinden noch von den Herkunftsländern bestimmt sind, die Geistlichen werden nicht in Deutschland ausgebildet, sondern kommen aus dem jeweiligen Land.

Das Verhältnis von Religion und Politik

Der Koran legt nicht so viel fest wie es scheint. Das gilt auch für das Verhältnis von Politik und Religion. Diese Beziehung ist für die Politik allerdings umso entscheidender,  je stärker das Leben religiös geprägt ist. Die Politik bleibt in den meisten muslimischen Ländern auf die Religion angewiesen. In den Anfangszeiten dieser Religion hat sich, anders als im Christentum, ein starkes Verhältnis von Religion und Politik herausgebildet. Bei näherem Hinsehen stellt sich aber heraus, dass das Kalifat sich nicht aus dem Koran hergeleitet, sondern andere Begründungen ins Feld geführt hat. Das ist auch dadurch bedingt, dass Mohammed sich nicht berufen fühlte, seine Nachfolge zu regeln, seine politische Position aber besetzt werden musste. Im Unterschied dazu hat Jesus ein Gremium mit einem Sprecher eingesetzt, das seine Botschaft weiter tragen soll. Eigentlich hatte er damit staatlichen Eingriffen vorgebaut, nämlich dass die politische Macht die Leitungspositionen in seiner Kirche besetzen könnte. Die Geschichte ist anders verlaufen. Auch noch die Reformation war Sache der politischen Macht, erst nach dem Ersten Weltkrieg haben die Kirchen ihr Verhältnis zur Politik wieder mehr auf die biblischen Fundamente gestellt. Da aus dem Koran, anders als es der offizielle Islam sieht, keine definitive politische Grundordnung abgleitet werden kann, fühlen sich die Muslime in Deutschland frei, ihr Verhältnis zu einem Verfassungsstaat zu entwickeln. Im Unterschied dazu hält der Offizielle Islam an der engen Verbindung von Politik und Religion fest, so wie sie in der Frühzeit entstanden ist. Sie wird in der Türkei wiederbelebt, während sie in Persien infrage steht.

Der Koran legt nicht so viel fest wie der offizielle Islam es voraussetzt

Wie für jede Schriftreligionen ist die Auslegung der Gründungsdokumente auch im Islam von höchster Bedeutung. Da die Erklärung des Korans als direktes Wort Gottes, das den Menschen ohne Vermittlung, also wörtlich erreicht, vom Koran selbst nicht verlangt wird, wird an dieser Frage an den neu erstandenen Islamfakultäten intensiv gearbeitet. Zudem gibt es wie bei der Bibel eine Entwicklung von der mündlichen Tradierung bis zur Verschriftlichung. Mit dem Einsatz  wissenschaftlicher Methoden setzt eine Entwicklung ein, die den Dialog auf eine neue Basis stellt. Neuerscheinungen dokumentieren diese wissenschaftliche Arbeit.

Reformfähigkeit des Islam

Die Einschätzung, dass der Islam, etwa im Vergleich zum Judentum, nicht reformfähig sei, muss relativiert werden. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es viele solcher Reformaufbrüche, nicht nur in den Ursprungsländern dieser Religion, sondern z.B. auch in Indien. Diese Reformbewegungen haben sehr unterschiedliche Ausprägungen. Es zählen die Muslimbrüder ebenso dazu wie das gut ausgebaute Bildungswesen in Tatarstan. Für die heutige theologische Entwicklung ist die Universität in Ankara von hoher Bedeutung, an ihr orientieren sich die Lehrenden an den in Deutschland eingerichteten Fakultäten mehr als an der Al Azhar-Universität in Kairo.

Der Mehrheitsislam ist weiblich

In der Mehrzahl studieren in Deutschland Frauen islamische Theologie. Damit stellen Frauen die auch zum erheblichen größeren Teil der zukünftigen Religionslehrer. Auch ist der Frauenanteil des Lehrkörpers sehr viel höher, oft 50%, als an den Fakultäten für christliche Theologie.



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