Gott fragt Kain nach dem Verbleib seines Bruders, Autun-Burgund, Foto: hinsehen.net E.B.

Das Glück des anderen führt zum Mord

Kain und Abel stehen als eine der ältesten Mordgeschichten am Anfang der Bibel. Es ist kein historischer Bericht, sondern macht den Zuhörer darauf aufmerksam, dass das immer wieder, fast jeden Tag passiert. Der andere hat mehr Glück im Leben und ich halte das nicht aus.

Es ist keine nur alte Geschichte. Nicht nur nutzte die Dallas-Serie die Konstellation des charmanteren jüngeren Bruders, wir können das Entstehen der Gefühle an uns und anderen immer wieder beobachten. Kain überlief es ganz heiß, heißt es im 4. Kapitel der Bibel. 

Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben. Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel. seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?

Der Lauf der Dinge, meine Person, so wie ich bin, das Schicksal, ein rätselhafter Gott führen dazu, dass mir Glück versagt bleibt. Andere sind die Gewinner, ich muss zu ihnen aufschauen. Der Film Amadeus erhält seine bleibende Aktualität aus der Konstellation zwischen Antonio Salieri und Mozart, der Amadeus getitelt ist, übersetzt der „Von Gott Geliebte“. Was erklärt das Doping besser als dieser uralte Mythos.

Das Böse erfordert zur Eindämmung eine Rechtsordnung

Wenn das Begehren und die Enttäuschung, das Begehrte nicht zu erhalten, den Boden für das Verbrechen bereiten, weil es im Kampf um das, was der andere hat, zur Gewaltanwendung kommt, dann muss das Begehren zurückgedrängt werden. Genau das finden wir in der Geschichte vom Brudermörder Kain:

Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!

Das Rechte tun bewahrt vor dem Begehren. Daraus erwächst die Rechtsordnung. Die Anerkennung dieser Ordnung ist nicht allein darin begründet, dass die einzelnen Vorschriften einsichtig gemacht werden. Das ist zwar notwendig und würde für einen korrekten Menschen wie Immanuel Kant vielleicht reichen, es schützt aber die Gesellschaft zu wenig vor Gewalt. Die Zähmung des Begehrens muss tiefer verankert werden. Die Menschen müssen verstehen, dass ohne Rechtsordnung die Existenz der Gemeinschaft bedroht ist. Wir stoßen hier in eine tiefere Schicht vor. Kain geht es um seinen Platz in der Welt, ob dieser durch eine himmlische Macht, wir sagen heute meist „Glück“ dazu, oder durch die Familie, die Gruppe gewährleistet wird. Ihm scheint der Boden unter den Füßen zu schwanken. In solchen Situationen nicht gewalttätig zu werden, sondern der Ordnung zu vertrauen, das entscheidet über den Fortbestand der Gemeinschaft. Aus diesem Grund brauchen Mafiaclans eine strikte Ordnung, gerade weil diese sich nicht aus den Prinzipien der Verfassung ableiten und daher nicht durch das Rechtssystem der übrigen Gesellschaft geschützt werden.
Dass es um die Bändigung des Begehrens geht, kann man übrigens bei allen spirituellen Schulen nachlesen. Der Buddhismus hat für den Weg zur Vollkommenheit, d.h. zum Ablegen jedes Begehrens, 8 Stufen. Es gibt die Entwicklungslehre der ägyptischen Mönche, die dann wesentlich die abendländische Kultur mit geformt hat, bis hin zu der Entwicklung der Moralität, für die Kohlberg 6 Stufen gefunden hat. In der jüdischen Gebotstafel heißt es zum Abschluss der 10 Gebote:           

Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der  Frau deines Nächsten verlangen, nach seinemSklaven oder seiner Sklavin, seinem  Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.“      Exodus 20,17


Der Krimi als Therapie für eine von Konflikt bedrohte Gesellschaft

Das Böse, wenn es sich in Mobbing und Gewalt verdichtet, bedroht die Gesellschaft, es muss herausgeschafft werden. Wenn es sich auf einen einzelnen Träger, einen Sündenbock oder eine Bevölkerungsgruppe verdichtet, kann die Familie, die Schulklasse, die Abteilung, das Unternehmen, und manchmal auch das Land überleben. Aber kann man von einer Rechtsordnung abschließend sprechen, wenn diese nur durch immer neue Ausstoßung der Täter aufrechterhalten werden kann? Wenn man sich auf den ethischen Standard einlässt, den das Christentum eingeführt hat, nämlich dass es Vergebung gibt, dann kann der Krimi eigentlich nicht damit enden, dass der Verbrecher dem Richter vorgeführt wird. Hier liegt eine therapeutische Chance des Krimis. Je mehr das Böse entschlüsselt wird, je deutlicher die Verstrickungen herausgearbeitet werden, desto mehr Verständnis für den Täter. Die Zuschauer entdecken dann leichter in ihrer Person das, woran der Täter gescheitert ist und sie vielleicht zu scheitern drohen. Letztlich muss man die Täter vor sich selber schützen.
Man kann die psychischen Dynamiken der realen Konflikte und Kriege in die Innenschau des Krimis hineinholen. Dann wird vielleicht deutlich, dass der Falklandkrieg die heutige Situation Englands mit herbeigeführt hat, dass Russland nicht zufällig die Ukraine verloren hat und es nicht nur ein Politiker, sondern Russland ist, das eine Rückkehr dieses Brudervolkes auf lange Zeit verhindert. Für Deutschland müsste endlich im Krimi gezeigt werden, dass unser Exportüberschuss die Länder um das Mittelmeer in die Knie zwingt. Das und Vieles mehr lässt sich im Mikrokosmos des Krimi darstellen.

Heilung mit den bewegenden Problemen der Gesellschaft anstoßen

Krimiautoren haben sehr gute Instrument ein der Hand, die Wunden einer Gesellschaft offenzulegen und Verständnis zu wecken, so dass Heilungsprozesse möglich werden. Wie kommt aber dann der Täter in die Gesellschaft zurück? Es braucht eigentlich ein Versöhnungsritual. Das funktioniert im Christentum dann, wenn jeder sich als Sünder versteht, zumindest dass auch seine Sünden durch den Tod Jesu aus der Welt getragen werden mussten. Im ersten Jahrtausend hatte die Kirche einen Ritus ausgebildet. Es gab für schwere Vergehen die Möglichkeit, sich am Beginn der Fastenzeit in den Büßerstand versetzen zu lassen. Am Gründonnerstag wurde man wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Die Wallfahrt nach Santiago de Compostella konnte einen Mord sühnen.
Wenn die Gesellschaft Rituale der Versöhnung entwickelt oder aus früheren Beständen reaktiviert, kann sie den Verbrecher in die Gesellschaft zurückholen. Denn erst dann wäre die Geschichte der bösen Tat abgeschlossen und das Böse im Verbrecher überwunden. Das geht aber nur, wenn die Gesellschaft versöhnlich ist. Dass die amerikanische Gesellschaft eine andere Krimidramaturgie braucht, zeigt sich auch am Festhalten an der Todesstrafe. Denn wenn ich den Täter als einen Menschen verstehen lerne, der sich in seiner Gefühlsausstattung nicht grundsätzlich von mir unterscheidet, kann es eine Rückkehr in die Gesellschaft geben.

Noch merh über das Böse
Das Böse entsteht aus Begehren und Missmut
Das Böse wird durch den Krimi ausgetrieben



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