Michael tötet den Drachen, Foto: hinsehen.net E.B.

Das Böse wird im Krimi ausgetrieben

Offensichtich werden die Zuschauer immer wieder vom Bösen bedrängt, eingeholt. Das Bedrohungsgefühl verschwindet nicht. Daher brauchen sie die Krimis und die Protagonisten, die den nicht endenden Kampf gegen das Böse immer wieder aufnehmen. Diese Filme erklären zugleich, wo das Böse herkommt, in Amerika anders als in Deutschland.

Die Vorstellung, was das Böse überhaupt ist, wird sehr tief von der jeweiligen Kultur geprägt. Immer ist aber das Böse wie eine Naturgewalt, die im Mittelalter anders erlebt wurde und auch von Amerikaner anders als von Deutschen. Wenn der Krimi hin und wieder das Böse in seiner Dynamik aufdeckt, leistet er einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Es reicht ja nicht, den Täter dingfest zu machen, die Zuschauer müssen ihn verstehen. Das ermöglicht dann auch, eine vergleichbare Dynamik in sich selbst zu erkennen. Die Täter müssen ihre Schuld anerkennen, aber die Gesellschaft genauso. Das Böse, nicht nur des Missbrauchs, konnte ja über lange Zeit seinen Platz behaupten, weil diejenigen, die davon wussten, weggeschaut haben. Jeder von uns ist bedroht, dem Bösen den kleinen Finger zu reichen. Das Böse muss sehr früh die Menschen beschäftigt haben. Uralte Mythen zeigen uns heute noch die Natur des Bösen und funktionieren sehr erfolgreich im Kino.

Der Drache oder das Böse als Macht in den Lüften

In der Antike und davon hergleitet im Mittelalter zeigt sich das Böse in der Gestalt des Drachen. Die Offenbarung des Johannes hat das Bild geprägt, dass der Drache ein gefallener Engel ist. Das leitet sich von der Vorstellung her, dass die Dämonen in der Luft anzutreffen sind und dort von den guten Engeln bekämpft werden müssen. Michael besiegt auf vielen Bildern den bösen Engel und stürzt ihn in die Tiefe. Micha-El trägt in El den Gottesnamen – Wer ist wie Gott ist nicht nur sein Name, sondern sein Auftrag. Harry Potter zeigt, dass diese Vorstellungwelt des in der Luft schwirrenden Bösen in den Zuschauern angesprochen. Die Attentate des Islams beziehen sich wie bei Michael auf Gott, nämlich dass die Ehre Gottes von Menschen verteidigt und durch Mord wieder hergestellt werden muss.

Das Böse dringt von außen in eine friedliche Welt

Der himmlische Drache ist nicht die einzige Deutungsmöglichkeit des Bösen. Das Bedrohungsgefühl wird in der amerikanischen Kultur ganz anders lokalisiert als im deutschen Krimi. Der US-Bürger fühlt sich von außen bedroht. Das Böse bricht in die geordnete und friedvolle Welt ein, als Rockerbande, als Weißer Hai oder dann real mit gekaperten Flugzeugen. Der 11. September entsprach genau diesem latenten Bedrohungsgefühl der Amerikaner. Donald Trump hat das Böse insofern säkularisiert, als er Amerika durch die ökonomischen Strategien der konkurrierenden Länder bedroht sieht. Diese ausländischen Mächte bedrohen zwar nicht direkt das Leben der Amerikaner, sondern rauben diesen ihre Schätze. Für seine Mauer argumentiert er  nach dem Muster der US-Krimis und Thriller mit der Kriminalität der Eindringlinge. Da er über keinen Abwehrzauber verfügt, muss eine Mauer die Bedrohung eindämmen. Die Chinesen haben das schon viel länger hinbekommen. Deren Mauer wurde bereits 700 v.Chr. begonnen und im 15. Jahrhundert zur heutigen Größe ausgebaut. Zudem ist deren Mauer sehr viel länger als die Grenze zwischen den USA und Mexiko, nämlich 8.000 km. Wenn das Böse von außen kommt, legt sich der Thriller als Erzählformat nahe., denn dieses Genre zeigt, wie eine in Frieden lebende Gruppe „wie aus heiterem Himmel“ von einer unbekannten Macht bedroht wird.

Das Böse als Rutschbahn nach unten

Der deutsche Krimi lokalisiert das Böse im Menschen selbst. Das Böse kommt nicht von außen, sondern aus dem Menschen, der nach einem kleinen Fehltritt immer mehr von den Folgen eingeholt wird. Wenn der Hotelier mit einem Zimmermädchen eine Beziehung beginnt, das Haus aber das Erbe seiner Frau ist, läuft die schiefe Bahn, auf die er geraten ist, auf den Mord an der Ehefrau hinaus. Die Moral der deutschen Krimis sucht nicht, einen von außen kommenden Feind abzuwehren und ihn, ist er einmal eingedrungen, wie einen Wolf zu erlegen, sondern dem Bösen nicht den kleinen Finger zu reichen.

Das Böse erkunden

Der Krimi gewinnt an Tiefe, wenn er, wie „Herr der Ringe“ oder in den Versuchungen Jesu geschildert, dem Bösen selbst näher kommen will. Für die Fernsehalltagskost reicht die oben beschriebene Konstellation, dass ein Fehlverhalten auf Mord zuläuft. Aber damit wird das Potential des Bösen nicht ausgeschöpft. Auch nicht, wenn der Spürsinn der Kriminalisten dargestellt wird. Wenigstens hin und wieder braucht es ein tieferes Vordringen. Nimmt man das große Feld des Missbrauchs unter katholischen Klerikern, dann kann man die Moral „reiche nicht einmal den kleinen Finger“ sicher als dramaturgisches Gerüst wählen, aber das, was wir immer noch das „Teuflische“ nennen, ist damit nur unzureichend erfasst und erklärt nicht die lebenslange Verwundung der Opfer. Gute Unterhaltung gelingt ja, wenn etwas aufgedeckt wird, was vorher verborgen war. Dazu ein weiterer Beitrag „Das Böse entsteht aus Begehren und Missmut“.

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Die Wurzeln des Bösen sind Begehren und Missmut
Das Glück des anderen verführt zum Mord: Kain und Abel



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