Moschee Al-Amin inBeirut, Foto djedj bei Pixabay

Islam durch die Kalifen deformiert

Der Islam ist eigentlich eine Religion des aufrechten Gangs, die den Einzelnen zum Subjektsein befreit. So Mouhanad Khorchide, Professor in Münster. Die Kalifen und anderen Herrschenden hätten aus der ursprünglichen Botschaft eine Religion der Unterwerfung gemacht. Das sei bereits in den Anfangsjahren geschehen. Wird der Autor mit dieser Kritik dem Islam gerecht?

Die Deformation des Islam, die ihn aus der Befreiung vom Polytheismus und den Zwängen arabischer Stammeskulte zu einer Religion gemacht hat, die den Muslim zur Unterwerfung unter die jeweiligen Herrscher verpflichtet, wird vom Autor durch historische Quellen umfänglich belegt. Er spricht im Titel seines Buches von "Gottes falschen Anwälten" denen er "Verrat am Islam" vorwirft. Da Mohammed keine Nachfolger eingesetzt habe, könnten sich die Kalifen und spätere Herrscher nicht auf den Propheten berufen. Die Identifizierung des Herrschers mit dem Willen Allahs ist nach Khorchide von den persischen Sassaniden übernommen. Indem Texte sassanidischer Könige ins Arabische übersetzt wurden, gelangte die Argumentation, dass Allah den Herrschenden ihre Autorität verliehen hat, in das religiöse Konzept des Islam. Der Gehorsam gegenüber Gott konkretisiert sich in dem Gehorsam gegenüber dem von ihm eingesetzten Herrscher. Khorchide zeigt dann, dass die Ausgestaltung der Herrschaft sich nicht am Propheten orientierte, sondern daran, wie der gottgleiche Anspruch für sassanidischer Könige inszeniert wurde. Um die Gefolgschaft der Perser zu gewinnen, erklärte sich der abbasidische Kalif al-Mansur zum Erbe der sassanidischen Herrscher. Diese hatten die enge Verbindung mit der zoroastrischen Religion als Wechselverhältnis von Legitimation durch die Religion und schützende Macht des Königs zur Grundlage ihrer Herrschaft erklärt. Der fünfte abbasidische Kalif Harun al-Raschid wechselte in seiner Inszenierung vom Schwarz des Propheten zum Grün des sassanidischen Königs. Damit sei der Islam zu einer Religion der Unterwerfung nicht nur unter Gott, sondern unter die weltliche Herrschaft, d. h.  der Kalifen und später der Sultane, geworden. Mohammed habe dagegen eine "Religion der Spiritualität und der Ethik, die die Menschen befreien und sie zu selbstbestimmten mündigen Wesen erziehen will" verkündet, S. 54.

Der Herrscher als der Schatten Allahs

Die Umwidmung des Islam zu einer Religion, die sich nicht als Gegenpol zur autoritären Herrschaft versteht, indem sie den Kalifen unter das religiöse Gebot stellt, sondern ihn zum Vollstrecker des göttlichen Willens macht, sieht Khorchide in der gezielten Vereinnahmung der Religion durch die staatliche Macht, die sich bis heute in der Kontrolle der Moscheen und ihrer Imame durch Ministerien fortsetzt. Diese Religionspolitik kann sich auf die theologische Schule der Asch‘ariten stützen. Diese spricht dem Menschen die Freiheit ab, indem sie alles Handeln des Menschen auf den dauernden Eingriff Allahs in die Schöpfung und konkret in jede menschliche Handlung zurückführt. Eigentlich handelt Allah, wenn der Mensch denkt, entscheidet, eine Entscheidung in Handlung umsetzt. Diese Theologie leitet sich von der Grundintuition des Islam, der Einzigkeit Gottes her. Nur Allah ist der eigentlich Handelnde. Nach dieser Vorstellung schränkt die Freiheit des Menschen die Freiheit Gottes ein. Der Herrscher wird in diesem Gott-Mensch-Verhältnis auf die Seite Gottes gestellt, in ihm handelt Allah. Daher ist dem Herrscher unbedingter Gehorsam geschuldet. Diese Theologie wurde von den Kalifen im 9. Jahrhundert übernommen, nachdem vorher die stärker philosophisch orientierte theologische Schule der Mu‘taziliten dominierte, die dann durch staatliche Verfolgung fast ganz zum Verschwinden gebracht wurde. Heute knüpfen diejenigen, die einen weniger restriktiven Islam wollen, bei den Mu’talaziliten wieder an.  

Islam - theologisch von der Politik ganz vereinnahmt?

Khorchide interpretiert diese Durchsetzung der ascharitischen Konzeption allein aus dem Willen der Politik. Da der Koran keine Anweisungen für die Ausübung von Autorität und keine Regelung für die Nachfolge des Propheten enthalte, könne diese Begründung der politischen Autorität nicht mit dem Koran unterlegt werden. Damit erklärt er den Islam, so wie er sich schon bald nach Mohammeds Tod entwickelt hat, zu einem Opfer der Politik. Aber warum gibt es im Islam keine Bewegung wie die im Mittelalter, die Religion aus den Fängen der Politik zu lösen, so wie es die Reformpäpste betrieben und mit dem Canossagang Heinrich IV., wenn auch nur teilweise, erreicht haben. Wenn der Koran und die von Mohammed überlieferten Hadithe   ̶  das sind seine Aussagen, die konkrete Entscheidungen und Handlungen des Propheten   ̶   dafür keine Handhabe bieten, dann wäre doch zu zeigen, warum sich die Kalifen, also die politischen Führer, die Nachfolge Mohammeds antreten konnten. Eine Erklärung könnte sein, dass der Koran nicht erzählend, berichtend verfasst ist, sondern als direkte Ansprache des Lesers, der zu gerechtem, geduldigen, helfenden Verhalten und vor allem zur Verehrung Allahs aufgefordert wird. Es wäre also die Sprachgestalt des Korans, die Unterwerfung als Grundhaltung des Muslims fördert und von den Herrschenden übernommen worden ist.

Mohammed nicht nur ein religiöser Führer

Khorchide widmet ein eigens Kapitel der Frage, ob Mohammed in Medina der politische Führer war. Er interpretiert alle Aussagen des Korans und die überlieferten Regelungen als Gemeindeordnung. Der Prophet habe kein politisches Amt ausgeübt. Gegen diese Sicht spricht, dass die ersten Generationen der Muslime den Propheten nicht so verstanden haben können, denn sonst wäre die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten nicht so geschehen. Dieser bis heute geführte Streit  ist nämlich nicht in theologischen Differenzen begründet, sondern es ging dabei um die Frage, wer zur Nachfolge des Propheten berechtigt sei. Muss es der nächste männliche Verwandte Mohammeds sein, so die Schiiten, die den Neffen Ali als legitimen Nachfolger sehen. Oder kann es auch jemand anders sein, sofern die begründete Aussicht besteht, dass er die Intentionen Mohammeds weiterführt.

Koran in seinem Profil zur Sprache bringen 

Liest man das Buch Khorchides theologisch, findet sich im zweiten Teil eine Auslegung des Korans, die allerdings das philosophische Vokabular der westlichen Aufklärung verwendet. Subjekt-Sein wird als Aussagelinie des Korans vorgestellt, die Herrschenden, die sich als Anwälte Allahs verstehen, haben die Gläubigen zu Objekten gemacht. Damit wird nicht der Koran aus sich selbst erklärt, sondern das Menschenbild der Aufklärung an das zentrale Dokument einer Religion herangetragen. Damit verliert dieses wirkmächtige Buch sein Profil. Der Koran hat unzweifelhaft viele Menschen zur Anerkennung Gottes geführt und damit menschlichen Herrschaftsanspruch relativiert. Dieser Aspekt findet sich in Khorchides Argumentation nicht.
Ähnliche Ansätze, in einem religiösen Text das wiederzufinden, was das zeitgenössische Denken vom Menschen hält, hat es auch gegenüber der Bibel gegeben. Diese Ansätze sind verflogen, weil sie nicht zum Kernproblem vorgestoßen sind, wie nämlich der Mensch damit fertig wird, dass seine besten Vorstellungen, wie das Leben zu leben ist, ins Gegenteil verkehrt werden – meist von ihm selbst. So kurzsichtig die Versuche waren, den Zeitgeist in der Bibel wiederzufinden, so wenig kann das Motto Khorchides genügen: Befreit den Islam aus den Fängen der Politik und die Menschen können unbeschwert ihre Freiheit leben. Es genügt eben nicht, das Muslimsein oder das Christsein in leuchtenden Farben zu beschreiben. Vielmehr ist der schwierige Weg aufzuzeigen, wie man tatsächlich Muslim bzw. Christ wird. Das gelingt dem Islam, nicht nur Unterwerfung unter den politischen Herrscher, sondern die Verehrung des einen Gottes in die Herzen der Gläubigen zu pflanzen. Dieses Ringen um den religiösen Kernbereich müsste Khorchide dem Koran, der für Muslime göttliche Autorität genießt, abgewinnen. Die Bibel hat die Vereinnahmung durch das, was eine Generation als Vorstellung für das einzelne Individuum wie für die staatliche Ordnung propagierte, abschütteln können. Ähnlich ist zu fragen: Muss der Koran gegenüber der gerade aktuellen Philosophie gerechtfertigt werden oder ist er aus sich heraus so überzeugend, dass sich der Zeitgeist an ihm messen muss. Da für Muslime dieses Buch entscheidend ist und nicht, wie für die Christen, eine Person mit ihrem Lebensschicksal, dann muss der Koran aus sich heraus ausgelegt werden.

Wie wird eine muslimische Gesellschaft geordnet:

Nun formuliert der Koran keine Rahmenbedingungen für die Ordnung des Politischen. Khorchide weist selbst darauf hin. Dann stellt sich notwendig die Frage, wieso es im Islam zu der engen Verbindung von politischer Herrschaft und Religion gekommen ist. Hat der Prophet nicht doch die Errichtung einer politischen Ordnung als seinen Auftrag gesehen? Ist nicht der Wechsel von Mekka nach Medina insofern religiös motiviert, so dass der Prophet ein Gemeinwesen aufbauen wollte, um dem Monotheismus einen Lebensraum zu eröffnen? Für die Christen war die Ausgangsposition anders. Sowohl Israel wie auch dann das Römische Reich waren funktionierende Staaten. Es gab Verfolgungen, zugleich aber auch ein Verkehrssystem, über das z.B. Paulus zu Fuß oder mit dem Schiff viele Orte erreichen konnte. Wie Jesus nutzte er die jüdischen Synagogen, um Zuhörer für seine Botschaft zu finden. Weiter waren die Christen deshalb nicht auf die Übernahme politischer Ämter aus, weil sie das baldige Ende dieser Welt erwarteten, während die Muslime der ersten Generationen diese Welt entsprechend den Vorgaben des Korans umgestalten wollten. Diese Perspektive, christliche Vorstellungen in die Gestaltung der Gesellschaft einzubringen und dafür politische Ämter zu nutzen, kamen in der Christenheit erst später auf und führten zu ähnlichen Verstrickungen, die Khorchide für den Islam beschreibt.

Es gibt allerdings Unterschiede. Vergleicht man die Eroberungszüge der durch den Islam geeinigten arabischen Stämme mit der Völkerwanderung der Germanen, dann haben letztere die Religion, die sie vorfanden, mit ihrer Schriftkultur übernommen. Die Sarazenen und später die Türken haben ihre Religion in den eroberten Gebieten eingepflanzt, sie wie die europäischen Länder auf beiden amerikanischen Kontinenten und in den im 19. Jahrhundert eroberten Kolonien. Für beide Religionen gilt: Wenn Mit-Gestaltung der Gesellschaft angestrebt wird, dann muss das Verhältnis zur Politik bestimmt werden. Die Christen haben ihren Einfluss vor allem durch Bildungsinstitutionen ausgeübt. Inwieweit der Islam auf Bildung heute setzt und in früheren Epochen mehr gesetzt hat, wäre einmal darzustellen. Wie das Christentum hat er eine Armenfürsorge, eine medizinische Versorgung, Betreuung von Wallfahrern und Reisenden entwickelt.

Khorchide hat mit seinem analytischen, an der Aufklärung und Marx orientierten Ansatz eine Tür geöffnet. Für den religiösen Dialog steht ein größeres Feld offen, nämlich wie die jeweilige Religion kulturell wirksam geworden ist. Ergebnis könnte sein, dass Christen und Muslime zusammen so etwas wie eine Soziallehre entwickeln und diese in die Programmarbeit der Parteien einbringen. Muslimische Mandatsträger hätten damit eine bessere Basis, mit christlichen Kollegen und Kolleginnen zu kooperieren.
Zu diesen Fragen hat Felix Körner eine Bestandaufnahme der christlichen wie der muslimischen Positionen vorgelegt. Eine Besprechung von „Politische Religion“ folgt demnächst.

Zum Foto oben: Die Al-Amin Moschee in Beirut wurde 2007 eingeweit. Die Figuren gehören nicht zum Ensemble der Moschee-Gebäude. Sie geben die Grundlinie des Buches wieder: Der Islam ist eine Religion der Subjektwerdung.

Mouhanad Khorchide, Gottes falsche Anwälte, Der Verrat am Islam, Herder 2020, 256 S.


Kategorie: Gelesen

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