Foto: E.Bieger

Wo führt das Sterben hin?

Wir sind vergänglich. An jedem Abend werden wir daran erinnert, wenn wir den Tag verabschieden. Der November mit seinen kalten Nebeln senkt dieses Wissen noch tiefer in uns ein: Es vergeht alles. Aber es stirbt nicht nur um mich herum. Ich selbst sterbe, nicht nur mein Körper. Wo bleibt dann dieses Ich?

Ich bleibe nicht in diesem Kosmos. Waren die Menschen bis in die Moderne noch davon überzeugt, dass die Sterne unverrückbar am Himmel stehen, sind sie für uns vergänglich geworden, so wie wir selbst. Sie  verschwinden in Schwarzen Löchern. Die Römer konnten noch einen Helden und später die Kaiser für unsterblich erklären, wenn sie einen Stern nach ihnen benannten. Wir wissen, dass das innerhalb dieses Kosmos unmöglich ist. Die Sterne sind in ständiger Umwandlung begriffen, so wie die Sonne. Auch wenn unsere Erde um die 4,5 Milliarden Jahre in einer stabilen Umlaufbahn um die Sonne kreist, muss das nicht so bleiben.

Es bleibt etwas von meinem Leben

Herbst heißt aber nicht nur Hoffnungslosigkeit. Es ist auch die Zeit, die Früchte der eigenen Arbeit und die, die man geschenkt bekommen hat, zu genießen. Wir lesen, hören Kompositionen, reisen in Städte mit renommierten Bauwerken. Auch der Herbst zeigt seine schönen Seiten, einen klaren Himmel, die Farbenpracht der Baumreihen. Es gibt Gansbraten, Pilze, Wild zu Essen. Ich kann auch im Herbst auf die Ernte meines Lebens blicken, die Menschen, die zu mir stehen, was mir gelungen ist, was ich auf die Beine gestellt, großgezogen habe.
Wo geht das alles hin? Wenn es in diesem Kosmos bleibt, dann wird es vergehen. Mit meinem Körper bin ich in dieses Sternensystem hineingebunden. Auf dieser Erde hat sich Leben herausgebildet, am Ende von Millionen Entwicklungsschritten stehe ich und kann die entscheidenden Fragen stellen. Im Herbst heißt sie: Was wird aus mir, wird aus uns? Was wird aus all dem, was ich liebgewonnen habe?

Ich muss diese Welt verlassen

Solange ich diesen Körper habe, bin ich in diese Welt hinein gebunden. Sie ist vergänglich. Es ist nach den heutigen Kenntnissen der Astrophysik nicht abzusehen, dass sich dieser Kosmos aus sich selbst heraus so verändern könnte, dass ich dem Sterben entgehe. Hier kann ich nur „enden“.
Wenn ich nicht mit dieser Welt vergehen soll, dann muss ich sie verlassen. Ich verlasse dann auch Raum und Zeit. Das ist auch eine Erkenntnis der Physik. Raum und Zeit gibt es erst seit dem Urknall. Außerhalb des Kosmos gibt es auch keinen Raum und keine Zeit. Wir stellen uns zwar Gott in einem gemeinsamen Raum vor, er wird ja thronend über uns dargestellt, aber zugleich wissen wir mit dem Verstand, dass er nicht räumlich und zeitlich und damit auch nicht ausgedehnt ist. Er muss anders „da sein“. Das können wir in Etwa erahnen, denn auch wir sind ja nicht nur körperlich da. Mit dem Geist haben wir eine ganz andere Präsenz. Der Geist muss auch etwas anderes als Materie sein, können wir doch mit ihm die Gesetze der Materie erkennen und über all das, was wir sehen und greifen können, hinausdenken.

Der Körper muss hier bleiben

 

Was uns in dieser Welt festhält, ist unser Körper. Wie dieser Kosmos ist er auch der Vergänglichkeit ausgeliefert. Es ist logisch, dass wir ihn zurücklassen müssen, wenn wir Raum und Zeit entkommen wollen. Da das Geistige nicht an diese Welt gebunden ist, haben schon die Menschen in der Steinzeit sich auf eine andere Existenzweise eingestellt, indem sie ihre Toten begraben und Höhlen bemalt haben. Ein weiterer Hinweis auf eine andere Existenzweise gibt uns die Sprache. Wir sagen nicht, dass „mein Körper stirbt“, sondern dass Ich sterbe. Das wird heute meist so verstanden, dass mein Ich sich irgendwie mit dem Körper auflöst. Es meint aber wohl, dass ich dem Eingebundensein in diese Welt absterbe, dass sich eben etwas verwandeln muss, damit ich in einer anderen Existenzweise weiter sein kann.

Sokrates sagt im Phaidon, dass wir deshalb uns mehr um die Seele als um die Angelegenheiten in dieser Welt kümmern sollen, weil dies alles hier zurücklassen und wir unsere Seele auf die Existenz in einer anderen Welt vorbereiten sollen.

 



Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Zum Seitenanfang