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Wer Humor erklärt, ist humorlos

Man könnte das Buch mit den Worten zusammenfassen: Er war stets bemüht, doch der Witz hat nicht gezündet. Man könnte auch formulieren: Wer sich in den Humor begibt, kommt darin um. Ein Buch für die Fastenzeit „Humor in Psychiatrie und Psychotherapie“, herausgegeben von Barbara Wild; in zweiter Auflage erschienen.

Ein Philosoph würde sagen: Es lässt sich nicht über eine Sache disputieren, wenn die Begrifflichkeit ungeklärt ist. In der zweiten Auflage des Humorbuches von Barbara Wild wurden zwei Beiträge neu aufgenommen, die Humor als Atmosphäre oder Stimmung anschaulich machen. Hierin liegt ein Ansatz, der für kommende Forschungen und wissenschaftliche Auseinandersetzungen maßgeblich werden könnte.

Humor soll messbar werden

Der Mensch liebt eine fröhliche und heitere Stimmung, manchmal ist auch das melancholische Betrachten der Welt schmerzlich schön. Betrübte Situationen lassen sich durch einen Witz, durch Komik, Satire, Ironie u. ä. aufheitern. Warum die Pointe eines Witzes Lacher erzeugt, kann als recht gut erforscht gelten. Es ist mit den technischen Möglichkeiten der Neurowissenschaften möglich, die Vorgänge im Gehirn beim Verstehen eines Witzes wie auch beim Lachen nachzuvollziehen. Ein Humorzentrum dagegen haben die Forscher bei ihren Untersuchungen nicht gefunden. Warum das auch gar nicht möglich ist, wird im Artikel von Willibald Ruch deutlich. Der Begriff Humor wird sehr unterschiedlich benutzt und bei der Operationalisierung werden theoretisch notwendige Überlegungen übersprungen. Wie auch in anderen naturwissenschaftlich orientierten Forschungsbereichen wird unter Vernachlässigung einer Klärung der Grundlagen das Ziel der Untersuchungen mit dem Fokus der konkreten Messbarkeit angegangen. Dieses Vorgehen zeigt gerade bei einem Thema wie dem Humor seine Schwächen. Die Theoretiker beschreiben einen spezifischen Aspekt, den sie irgendwie dem Thema Humor zuordnen und damit die Ungenauigkeit erhöhen. Die Praktiker fühlen sich durch isolierte Forschungsergebnisse bestätigt und nehmen den Begriff Humor als begründende Theorie für ihr Handeln.

Von der Heilkraft des Humors

Zwar gehen Förderer des Humors wie Eckart von Hirschhausen oder von C. G Jung geprägte Psychotherapeuten wie Verena Kast davon aus, dass der Humor im Umgang mit kranken Menschen hilfreich ist, doch nutzen auch solche theoretisch ausgewiesene Praktiker den Begriff Humor sehr unspezifisch. Es wird auch keine Unterscheidung zwischen Gesundung und Heilung gemacht. Gerade hierin könnte allerdings eine hilfreiche Differenzierung bestehen. Getreu der Devise „wer heilt, hat recht“ müssen die Pflegekraft, der Klinikclown, der Humorberater und andere, die sich unter dem Namen Humor um eine bessere Welt bemühen, auch nicht fragen lassen, ob ihr Tun wissenschaftlich abgesichert ist und sie mit dem Wort Humor den richtigen Begriff gewählt haben. Für dieses praktische Handeln bietet das Buch „Humor in Psychiatrie und Psychotherapie“ reichlich Material. Es werden verschiedene Bereiche im Gesundheitswesen behandelt. Erfahrene und anerkannte Protagonisten der Humorszene wie Rolf. D. Hirsch, E. Noni Höfner, Michael Titze, Beat Hänni, Irina Falkenberg, Paul McGhee u. a. erläutern „ihre Humorarbeit“ und hinterlassen den Impuls, die eigene Arbeit mal anders anzugehen. Nach der Lektüre des Buches hat man reichlich Übungen, praktische Hinweise, Empfehlungen für den Einsatz von Humor und auch viele Argumente, um die eigene Humorarbeit begründen zu können. Kurzum, wer Humor in seinem Arbeitsleben nutzen will, der hat mit diesem Buch ein Standardwerk. Es dürfte wohl das Standardbuch zum Thema Humor in sozialen Arbeitsfeldern sein. Wer dieses Buch nicht gelesen hat, kann in der Humorszene nicht ernstgenommen werden: HaHaHa!

Humor als Atmosphäre

Die in der zweiten Auflage hinzugenommenen Artikel von Christoph Müller und Florian Laudest ergänzen sich gegenseitig und sind eine konstruktive Verengung der Humorforschung bzw. -praxis. Florian Laudest ist ein ehemaliger Psychiatriepatient und macht in seinen Antworten auf die Fragen von Barbara Wild deutlich, was im Artikel von Christoph Müller angedacht wird. Ausgehend von den geschilderten Erfahrungen des aus dem Karneval bekannten Willibert Pauels, der wegen einer schweren Depression in der Psychiatrie behandelt wurde, stellt Christoph Müller die heilende Wirkung des Humors in Frage. Der Humor ist kein Medikament, das solitär oder unterstützend eingesetzt werden könnte. Es ist vielmehr so, dass ein Patient mit einer schweren Depression wie Willibert Pauels durch eine medikamentöse Behandlung, eine Elektrokrampftherapie oder Gespräche aus der Tiefe seiner Traurigkeit und Lähmung herauskommt. In welcher Welt aber taucht ein „Kranker“ dann auf? Es ist die Atmosphäre, die Pflegekräfte, Ärzte und die weiteren Mitarbeiter ermöglichen. Warum soll ein „Gesundeter“ gesund bleiben, wenn das Umfeld nur eine miese Stimmung bietet? Wie eine solche Atmosphäre erzeugt und gepflegt werden kann, das dürfte in der weiteren Humorforschung wichtig werden.

Das Buch jedenfalls sollte man vielleicht nicht in der Karnevalszeit lesen, da geht es um Helau und Alaaf, nach Aschermittwoch kann man sich dann dem Ernst des Humor in angemessener Weise widmen und „Humor in Psychiatrie und Psychotherapie“ studieren.

Barbara Wild (Hg.), 2016. Humor in Psychiatrie und Psychotherapie. Neurobiologie – Methoden – Praxis, 2. Auflage. Stuttgart: Schattauer 44,99 Euro

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