Verlorene Heimat
So unergründlich ist es mir versunken,
wie eine Märchenstadt im Meer verschwand,
als hätten wir den Lethewein getrunken,
der uns vergessen macht das Heimatland,
als wär nie der Nebel zu durchdringen,
der plötzlich es gespensterhaft umgab,
als läge es, wo keine Vögel singen
und wo kein Grün gedeiht, in tiefem Gras.
Als wäre so viel zwischen uns vergangen,
daß die Erinnerung ihren Halt verlor,
als fühlte ich nicht eben ein Verlangen,
zurückzukehren durch das offene Tor
des Hauses, das ich wie kein anderes kannte,
das mich so lang beschützt hat und betreut,
als ob zu Asche alles das verbrannte,
die nun der Sturmwind durch die Weiten streut.
War mir auch längst die Stätte schon verboten,
wo meine beste Lebenszeit verrann,
so ist sie mir erst jetzt ein Reich der Toten,
aus dem kein Hauch zu mir mehr kommen kann.
Es fehlt der Grund, auf den ich mich beziehe,
als käm ich aus dem Nichts und wäre Nichts,
wenn ich zu Träumen von der Zukunft fliehe,
bleib ich im Spiel des eigenen Gedichts.
Die Sehnsucht hat nichts mehr davon zu zehren
Vergangenes ist vergangen ganz und gar
Will ich mich gegen einen Vorwurf wehren -
leer liegt der Platz, wo einst die Heimat war.
Ich rufe laut; kein Echo wird erwidern.
Der Stern, der einst mir Licht gab, ist zerstört.
Ganz einsam bin ich nun mit meinen Liedern,
Ein Heimatloser, der zu Nichts gehört.
Max Herrmann-Neiße
Was der Verlust der Heimat für Flüchtlinge und Migranten bedeutet, hat der Dichter Max Herrmann-Neiße (1886-1941) aus Oberschlesien in desillusionierten Versen und mit klarem, schonungslosem Blick festgehalten, Er betrauert darin seine Heimatstadt Neiße, eine der ältesten Städte Schlesiens. Wegen ihrer prachtvollen Sakralarchitektur wurde sie auch “Schlesisches Rom” genannt. Sie ist für ihn auf immer verloren.
Biographie: Max Herrrmannn Neiße
Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!