Ein Gebäude, das Streit auslöste, Foto: hinsehen.net E.B.

Skandal? Besser das Original

Manfred Lütz hat mal wieder ein Buch auf den Markt geworfen und man möchte es ihm gerne zurückgeben. Bereits in neunter Auflage ist von Arnold Angenendt „Toleranz und Gewalt“ erschienen, ein Buch, das über die Fachwelt hinaus Aufsehen und breite Anerkennung gefunden hat. Dieses profunde Werk wollte Manfred Lütz nun fürs Volk herunterdeklinieren. Ein Ansinnen, das nicht wirklich verständlich ist, weil Arnold Angenendt sehr lesbar schreibt. Die Intention, so muss man mutmaßen, war eine andere. Und das zeigt sich gleich im Titel. Es ist ein apologetisches Ansinnen, das so gar nicht mehr in die Zeit passt.

Es ist schon verdächtig, wenn ein Autor durch den Verweis auf andere Fachleute, die sein Werk kritisch gelesen und für sehr gut befunden haben, die Seriosität und wissenschaftliche Absicherung betont. Und wenn dann bereits im Untertitel darauf verwiesen wird, dass man – oder das Christentum – falsch verstanden und die Geschichte angeblich falsch geschrieben wurde. Dies bezeichnet Manfred Lütz als Skandal. Der Skandal besteht allerdings darin, dass es gar keinen Skandal gibt. Allenfalls könnte es als Skandal bezeichnet werden, dass Wissenschaftlichkeit vorgeben wird: „der Skandalgeschichte des Christentum vorurteilsfrei mit dem Skalpell der Wissenschaft zu Leibe zu rücken.“ Der Autor schreibt nicht wissenschaftlich, sondern wie einer, der in einer Talkshow mit seiner rheinländischen Art die „Gegner“ zu überzeugen versucht. Das Buch wäre ein großer Erfolg, wenn Leser / Leserinnen „Toleranz und Gewalt“ von Arnold Angenendt diesem Buch vorziehen oder es nach der Lektüre genauer wissen wollen und das Original lesen. Letztendlich gibt es sogar ein ganz schnödes Argument für das Buch von Arnold Angenendt, es kostet nur 19,80 Euro, während der Lützsche Abguss 22,00 Euro kostet.

Was ist die Frage?

„Am Ende dieser Geschichte des Christentums stellt sich die Frage, warum in aller Welt die längst wissenschaftlich widerlegten gängigen Falschinformationen nach wie vor so unverwüstlich sind und warum auf Korrekturen dieser Fehler nicht mit freundlicher Dankbarkeit reagiert, sondern eher leicht gereizt: >Das glaube ich Ihnen nicht!< Psychologisch gewendet: Warum gibt es da oft eher eine emotionale als eine rationale Reaktion?“ Der Psychiater Manfred Lütz gibt hier eine lapidare Antwort, während Arnold Angenendt die im Christentum wie im Islam sich zeigenden Widersprüche und Ambivalenzen aufzeigt. „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (Mt 10,34). Die von Jesus gemeinte Nachdrücklichkeit kann leicht in eine kämpferische Gewalt umschlagen. Und die Konflikte zwischen Christentum und Islam müssen mit der historischen Perspektive betrachtet werden, dass das Drama der Scholastik seinen Anfang bei den Arabern nimmt (Angenendt). Ein Psychiater hätte den durch die Geschichte laufenden Widerspruch oder Konflikt psychologisch erläutern können. Die von Manfred Lütz gestellte Frage ist berechtigt. Doch wirkt sie in seiner Formulierung nicht wie das Interesse an einer kritischen Durchdringung, sondern fast schon wie ein Vorwurf an die Ungläubigen. Es wäre tatsächlich äußerst spannend, der Frage nachzugehen, wie sich historisch die Beantwortung dieser Frage angehen lässt. Auch wäre die Frage interessant, wie sich Emotionalität und Rationalität zu religiösen Fragen verhalten und wie sich dieses Verhältnis historisch entwickelt hat. Zu diesen brennenden Fragen findet sich bei Manfred Lütz nichts. Diese Fragen müssten die Kirchen möglichst angstfrei zu beantworten versuchen. Einfache Antworten zu geben, mag bei konservativen Kräften Erfolg haben. Doch schnell wird sich zeigen, dass mittel- bis langfristig gerade eine unvollständige oder widersprüchliche Antwort der Komplexität einer modernen Gesellschaft angemessener ist, weil sie durch ihre Offenheit mehr Menschen einbeziehen kann.

Was wäre eine Antwort?

Zunächst kann wohl angenommen werden, dass Vergangenheit und Gegenwart mit Chiffren gelesen werden. Die „68ziger“ sind für die Bundesrepublik eine solche Lesart (siehe hierzu Armin Nassehi, Gab es 1968?). Für die Geschichte der Kirche sind Inquisition, Kreuzzüge, ‚Pillenenzyklika‘, die Konzilien usw. Chiffren, mit denen das Wesen der Kirche gedeutet wird. Man muss verstehen, dass es dabei nicht um eine geschichtliche Realität geht. Eine solche zu erfassen, ist sowieso kaum möglich. Die Chiffre Inquisition oder Hexenverbrennung bedeutet, dass Wahrheit erzwungen werden kann. Unabhängig von dem Leid und der Gewalt, die mit diesen Phänomenen verbunden sind, ist es heilsam, wenn Menschen die Fakten übertreiben und unverwüstlich an Falschinformationen festhalten. Denn dieses Beharren auf Falschinformationen dient dem selbstkritischen Rückblick darauf, dass ein Glaubensinhalt verraten wurde oder in eine falsche Richtung verlaufen ist. Schwierig ist es, trotz dieser starken Dynamik dennoch historisch exakt geschichtliche Entwicklungen darzustellen. Es bleibt eine Ambivalenz, die ausgehalten werden muss. Löst man das Ganze dahin auf, dass die Fakten eindeutig seien und die Widerständigen es doch einsehen müssten, wiederholt man genau das, worüber man sich streitet, dass nämlich mit Gewalt – und sei es die der Vernunft – eine Wahrheit erkämpft wird. Dies verwechselt Manfred Lütz grundlegend. Die geheime Geschichte des Christentums ist nicht die, dass es gar nicht so schlimm war, sondern dass bestimmte Einseitigkeiten als Chiffren fokussiert wurden. Der Kampf um die wahre Lehre ist die geheime Geschichte des Christentums, die letztendlich, wenn sie vorurteilsfrei analysiert wird, nicht um Wahrheiten kreist, sondern um die Liebe und die ist nie eindeutig, weil sie durch Einseitigkeit ausschließen würde.

Manfred Lütz, 2018. Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums. Freiburg Basel Wien: Herder  22,00 Euro

Arnold Angenendt, 2018. Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert. 9. Auflage. Taschenbuch. Münster: Aschendorff  19,80 Euro

 

 



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