Ein tödlicher Autounfall, nicht real, sondern Beispiel für die Gesprächsrunde “Frankfurt Flair”, die Aspekte von Schuld und Schuldgefühl zu unterscheiden. Der Fahrer könnte Gründe vorbringen, warum er nicht schuldig ist: „Mir ist eine Fliege zwischen Brille und Auge geraten“ oder „Ein Fahrrad ist plötzlich von links gekommen, so dass ich ausweichen musste“ oder „Ein Hupen hat mich abgelenkt.“ Alles noch unterhalb der Grenze: „Ich bin zu schnell gefahren.“ Aber jemand war tot, er wird nicht mehr aus meinem Leben wegedacht werden können. Anders wenn jemand in mein Auto läuft und ich nicht mehr bremsen konnte. Oder hätte ich langsamer fahren müssen? Wann wird aus Fehlverhalten Schuld? Es scheint einen Übergang zu geben, wenn etwas zur Schuld wird.
Die Rote Linie
Wenn ich erst nachher die Folgen meines Handelns erkenne, löst sich das Schuldgefühl trotzdem nicht auf. Ich werde mir bewusst, dass ich bereits eine Verantwortung übernommen habe, wenn ich mich ins Auto setze. Ich muss aufmerksamer sein,als wenn ich in einem Park spazieren gehe.
Noch anspruchsvoller ist das Abschätzen der Langzeitfolgen. Wenn ich meine Gesundheit ruiniere, müssen Andere mich pflegen. Wenn ich mit meiner schlechten Laune nicht zurechtkomme, wirke ich auf die Stimmung im Team. Anstatt dass die Anderen von mir Energie bekommen, ziehe ich sie ihnen ab.
Ich lebe und konsumiere in noch viel größeren Zusammenhängen. Wenn ich eine Jeans kaufe, profitiere ich von dem Hungerlohn, mit dem Arbeiterinnen in Asien meinen Wohlstand finanzieren.
Schuld, so das Ergebnis einer ersten Runde, trifft mich, wenn ich eine Linie überschreite. Oft erkenne ich das Rot dieser Linie erst, wenn ich sie überschritten habe. Aber habe ich das nicht schon mit meiner Geburt getan?
schuldig, weil geboren?
Ich werde als Konsument geboren, der nur überlebt, wenn er sich etwas nimmt. Bin ich nicht schon deshalb schuldig, weil ich geboren wurde und daher Pflanzen und Tiere als Nahrung brauche? Diese Schuldfrage wird durch den Begriff “Erbsünde” nicht entschärft. Augustinus hat ihn eingeführt, um unsere Verstrickung in das Böse zu erklären. Nach seiner Vorstellung wird Schuld wie ein Gen von den Eltern weitergegeben, also mit dem Zeugungsakt. Aber ich habe mich doch nicht selber gemacht. Mütter bestehen darauf, dass das Neugeborene in ihren Armen nicht weitere Schuld in die Welt gebracht hat. Es hat keine Erbschuld in sich, sondern kommt in eine Welt, die sie immer wieder mit Alternativen konfrontieren kann, die nur eine Wahl zwischen zwei Übeln ermöglicht, z.B. einem Staat weiter zu dienen, der einen Krieg angezettelt hat oder die eigene Familie aufs Spiel zu setzen, weil man im Gefängnis landet. Es ist eher umgekehrt. Wer als Kind durch Armut, Missbrauch, Gewalt beeinträchtigt worden ist, also von der Welt, in die es hineingeboren wurde, neigt eher zu Aggressivität, um sich das mit Gewalt zu holen, was ihm vorenthalten wurde.
Perspektivwechsel hin zum Gestalten
Im weiteren Gesprächsverlauf drehte sich der Blick. Es bleibt nicht bei der Welt, die in vielen Krimis, Filmen und Romanen sich mit Schuld auseinandersetzt. Es gibt auch eine vom Schuldigwerden geprägtes Christentum. Die Bibel übergeht nicht all das, was Menschen sich antun. Sie eröffnet zugleich die Perspektive auf ein Reich, wir würden auf eine Gesellschaft, die nicht von Missbrauch, Ungerechtigkeit und Gewalt bestimmt wird. Zudem kann eine Welt, in der ihre Bewohner einer persönlichen Schuld nicht entkommen, nicht am Anfang gestanden haben. Deshalb erzählen sich die Völker rund um den Erdball Mythen, im Alten Testament ist es die Paradiesesgeschichte, wie Böses in die Welt kam. Adam und Eva haben in einen Apfel gebissen. Die Griechen haben einen anderen Erklärungsversuch, der besser auf unsere aktuellen Erfahrungen zutrifft.: Eine Büchse, die eine Pandora geöffnet und damit Böses freigesetzt hat. Keiner Generation ist es bisher gelungen, das Böse wieder einzufangen und mit dem Deckel zu verschließen. Geht man von der Liebe als Grundkraft aus, dann ist das Reich Gottes nicht vom Bösartigem bestimmt.
Im Abwägen der Facetten der Schuld traten langsam seine Konturen hervor. Es beraubt Andere ihrer Möglichkeiten und hindert sie, ihre Begabungen einzubringen. Geht man auf die Welt mit dem Blick aus Liebe zu, wird deutlich, dass es um ein „Mit“ Anderen geht. Ich bin dazu da, zu lieben, um so dem Entwurf der Welt und insbesondere der Menschenwelt gerecht zu werden. Für die Umsetzung dieses Entwurfes bin ich mit einer bestimmten Begabung ausgestattet. Wenn ich sie nicht ausspiele, halte ich den Anderen etwas vor. Wann hier die Linie zum Schuldigwerden überschritten wird, ist kaum auszumachen. Es trifft mich eher selber. Denn wenn ich mich vom Mitmachen ausschließe, wird mein Leben immer ärmer. Ich vertrockne wie eine Pflanze.
Gott räumt Schuld aus dem Weg
Der Liebe, die durch die Charismen gelebt wird, steht Schuld wie eine lähmende Kraft entgegen. Deshalb kann das Reich Gottes erst in voller Lebendigkeit wachsen, wenn die Schuld von den Schultern genommen wird - von Gott. Konkret gehört daher die Beichte zur Reich-Gottes-Konzeption. Sie verlangt nicht nur Reue, sondern auch Glaube, das Vertrauen, dass Gott mir nicht nur verzeiht, sondern die Last von meinen Schultern nimmt.
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