Rast auf der Flucht
Laß mich das Leben noch schmecken,
eh die Vernichtung uns trifft:
Gaskrieg, Marter, Verrecken,
Bombe, tückisches Gift.
Sommerlich sind noch die Stühle
auf die Straßen gestellt,
Bilder, Farben, Gefühle,
Schmuck einer glücklichen Welt.
Gönne mir noch diesen weichen,
kindlich verspielten Genuß,
morgen vielleicht trifft zur gleichen
Zeit der tödliche Schuß.
Heute noch am Springbrunnen träumen
in den tönenden Tag,
sich an das Schöne versäumen
kurz vor dem Glockenschlag,
der das alles beendet,
den letzten, den man vernimmt.
Was das Geschick dann sendet,
werde, wie es bestimmt.
Max Herrmann Neiße, Paris, September 1933
Was Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit für Flüchtlinge bedeutet, hat der Dichter Max Herrmann-Neiße (23. Mai 1886 - 8. April 1941) als Betroffener in vielen seiner Gedichte zur Sprache gebracht. Er war Jude und floh mit seiner Frau Leni am Tag nach dem Reichstagsbrand via Schweiz, Niederlande und Frankreich nach London. Sein Gedicht “Rast auf der Flucht” in Paris im September 1933 entstanden, hält die Gefühle auf einer seiner Fluchtstationen fest.
Hinweis: Die Rechtschreibung folgt den damaligen Regeln
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