Foto: hinsehen.net E.B.

Rast auf der Flucht

Millionen Menschen sind auf der Flucht, ein jüdischer Dichter gibt ihnen bis heute eine Stimme. Max Herrmann Neiße wusste nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933, was den Juden bevorstand. Er floh früh genug. Viele hielten nicht für möglich, was ihnen dann angetan wurde. Ein Gedicht zum Weltflüchtlingstag am letzten Sonntag im September, wiederentdeckt von Helmut Zimmermann.

 

Rast auf der Flucht

Laß mich das Leben noch schmecken,

eh die Vernichtung uns trifft:

Gaskrieg, Marter, Verrecken,

Bombe, tückisches Gift.

Sommerlich sind noch die Stühle

auf die Straßen gestellt,

Bilder, Farben, Gefühle, 

Schmuck einer glücklichen Welt. 

Gönne mir noch diesen weichen,

kindlich verspielten Genuß,

morgen vielleicht trifft zur gleichen

Zeit der tödliche Schuß.

Heute noch am Springbrunnen träumen 

in den tönenden Tag,

sich an das Schöne versäumen

kurz vor dem Glockenschlag,

der das alles beendet, 

den letzten, den man vernimmt.

Was das Geschick dann sendet,

werde, wie es bestimmt.

Max Herrmann Neiße, Paris, September 1933

 

Was Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit für Flüchtlinge bedeutet, hat der Dichter Max Herrmann-Neiße (23. Mai 1886 - 8. April 1941) als Betroffener in vielen seiner Gedichte zur Sprache gebracht. Er war Jude und floh mit seiner Frau Leni am Tag nach dem Reichstagsbrand via Schweiz, Niederlande und Frankreich nach London. Sein Gedicht “Rast auf der Flucht” in Paris im September 1933 entstanden, hält die Gefühle auf einer seiner Fluchtstationen fest.
Hinweis: Die Rechtschreibung folgt den damaligen Regeln


Kategorie: Entdecken

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