Foto: hinsehen.net E.B.

Kirchenwände, die erzählen

Moderne Kirchen haben nur kahle Wände. Sie wirken kühl und bieten wenige Hilfen, sich spirituell einzufinden. In der Romanik gab es zuerst auch nur große Wandflächen. Wände können aber auch anlocken, näher hinzugehen. Wie in der Romanik sind es heute Farbkombinationen, die eine Kirche lebendiger wirken lassen.

Aude van Eeckhout-Frey und Bruno Frey zeigen in der romanischen Kirche von Rosheim im Elsass, wie die Wände Farbe gewinnen. Irgendwann werden auch die Geschichten der Bibel zurückfinden. Sie werden in den Kirchen werden sie vorgelesen. Sie wurden an die Wände gemalt und in Szenen in Glasfenstern erzählt. In den neuen Kirchenräumen warten noch viele kahle Wände, dass sie erzählen dürfen.

Saints Pierre et Paul ist vor 900 Jahren erbaut, die Werke der Künstler heute wirken in dieser Kirche alles andere als Fremdkörper. Halten kahle Wände, ob in romanischen oder heutigen Kirchenräumen auf Distanz, geht man auf die Gemälde zu und entdeckt Zitate aus dem Johannesevangelium. Das Ehepaar Frey nimmt den Pinsel in die Hand und webt mit dem Faden weiter, der im 12. Jahrhundert schon die Wände zum Sprechen gebracht hat. 

In Rosheim, nicht weit von Straßburg, wartet die besondere Raumgestaltung einer romanischen Kirche auf Besucher. Im Oktober 2026 tritt man nicht in einen kargen Raum, sondern die Wände sprechen durch Farben. Die Bilder und Goblins des 21. Jahrhunderts wirken nicht wie eine Ausstellung, sonden sind für die Wände wie geschaffen. So als hallten die Worte, die vorgelesen werden, von den Wänden zurück. 

Wie die massiven Flächen einer romanischen Kirche auf Gestaltung gewartet haben, so die immer noch kahlen, in Beton gegossenen oder aus Ziegeln errichteten Kirchen des 20. Jahrhunderts. Zwar sind Wände erst einmal notwendig, damit ein Raum entsteht. Je höher der Raum, desto größer die Flächen. Kirchen sind jedoch nicht Hallen, aus denen man wie aus einer Bahnhofshalle aufbricht oder die man durchschreitet, um in einen Konferenzraum zu gelangen. In diesem Raum werden die Worte Jesu und sein Gedächtnismahl gefeiert. Sie lassen auch den heutigen Menschen an seiner Erlösung teilhaben, vollzogen in seiner Hinrichtung und der Auferstehung. Das Kreuz erinnert an sein Sterben, die aufgehende Sonne, die den nach Osten ausgerichteten Raum durchstrahlt, an seine Überwindung des Todes. 

Die Kirchen, die in großer Zahl nach dem Krieg gebaut wurden, sind Räume geblieben, die vergleichbar denen des frühen Mittelalters nur auf Ziegel, Bruchsteine oder Beton blicken lassen. Sie sagen nur mit dem Altar, dass etwas auf diesem Tisch passieren wird. Ein Metallkasten im Chorraum oder in einem Seitenschiff beinhaltet etwas Wertvolles, das aufbewahrt wird. Ein Pult, Ambo genannt, steht einem Redner zur Verfügung. Für einen Besucher von einem fremden Stern muss das ein rätselhaftes Gebäude sein. Von den Wänden kommt ihm nur Stoffliches entgegen. Es fehlen offensichtlich die Vorstellungen von Jesus und seinem Leben. Die Skulpturen von Maria und des Franziskaners Antonius und oft auch das Kruzifix stammen meist aus früheren Epochen. Die Baumeister und ihre Auftraggeber sahen wohl darin das Risiko gebändigt, dass alles, was Menschen von Gott sagen, nicht zutrifft. Deshalb ist Schweigen die Weise, von Gott zu sprechen. Versucht man, vor den Wänden zu meditieren, dann muss man im Stofflichen die Gegenwart Gottes suchen.

Die jetzige Epoche ähnelt der der Romanik. Diese hatte anfangs nur Wände, zögerlich begann sie aus dem Portal und an den Kapitellen Figuren aus dem Stein hervortreten zu lassen. Die wenigen Kirchen, die ihre Ausmalung behalten haben, suchen nicht eine realitätsnahe Wiedergabe, sondern das, was nicht sichtbar ist, symbolisch darzustellen. Romanische Kirchen erscheinen geheimnisvoller als die gotischen Lichttempel. Sie sind wie unsere Epoche auf der Suche.


Kategorie: Entdecken

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