Foto: hinsehen.net J.M.

Ist Gott nicht mehr da?

Die Kirchen füllen sich auch sonntags kaum noch. Wenige junge Menschen studieren Theologie. Ist Gott nicht mehr da? Ist alles nur weltlich? Beobachtungen und der Versuch einer Diagnose:

Religion drängt auf Ausdruck. Nicht nur von innen alles zu umfassen. Die Kirchen, die Räume, in den sich Religion konkret entfaltet, soll das Religiöse in der Religion zur Darstellung zu kommen. Religion muss, wenn sie sich nicht an einen Kirchenraum binden will, Text und damit Sprache werden. An den Räumen und der Sprache muss daher abzulesen sein, wie es mit der Religiosität in der Religion steht:

Kirchen sind die bevorzugten Gebäude, die Touristen besichtigen. In der Europastadt Straßburg oder der Bankenstadt Frankfurt sind es nicht die modernen Gebäude, sondern uralte, aus dem „Dunklen Mittelalter“ stammende. Die nach dem Krieg gebauten Kirchen ziehen kaum Touristen an. Ich wohne neben einer der gelungenen modernen Kirchen direkt unter den Hochhäusern, Sankt Ignatius in Frankfurt. Hierhin kommen die Touristen nicht, weil sie durch die Stadtführer nicht darauf aufmerksam gemacht werden. Die Hochhäuser würden allenfalls deshalb angesteuert, um einen Blick auf die Stadt werfen zu können. Zu den alten Kirchen finden sich Beschreibungen in den Büchern und im Internet. Sucht man dort nach dem Religiösen, nach dem, für was die Kirchen gebaut wurden, findet man nur Beschreibungen der Bauabschnitte, der Joche, des Gewölbes, der Kunstgegenstände. aber keine Erklärung der Symbolik, so der Zahl Acht, des Grundrisses in Kreuzform, der Ausrichtung nach Osten.

Die Kirchenwände:
Ob romanische oder moderne Kirche, man muss sich an einen solchen Raum gewöhnen, um darin beten zu können. Die kahlen Wände geben mir erst mal keine Anregung. Wenn ich in den Frankfurter Dom oder nach Sankt Leonard gehe, werde ich von einer Bilderwelt empfangen, nicht nur mit dem Kruzifix und einer Marienskulptur, sondern von Heiligen und Engeln, Altarbildern, gotischen Fenstern und noch einige erhaltenen Fresken versetzen mich in einen Raum voll Religion. Es gibt immer ein oder meist mehrere Altarbilder. Die meisten Besucher lassen den Raum auf sich wirken, bleiben aber selten für einen Gottesdienst. Könnte es sein, dass sie im Vorhof bleiben, weil ihnen die eigentliche Sinngebung des Raume, die Gegenwart Gottes, nicht zugänglich wird. Das trifft jedoch nicht ganz zu. Denn das Besondere eines Doms geht verloren, er verliert an Atmosphäre, und fühlt sich nur noch als Stein mit Kunstwerken an, wenn keine Gottesdienste mehr gefeiert werden und Beter keine Kerzen vor dem Marienbild mehr anzünden. Es drängt sich die Frage auf, warum Kirchen, die wir "modern" nennen, die Wände kahl lassen.

1.       Gemaltes und Geformtes, das erhalten wird: Die Skulpturen, die Altarbilder, die Glasfenster und Deckengemälde wurden über die Generationen hinweg erhalten und erst dann ersetzt, wenn sie zerstört wurden. In der ältesten gotischen Kirche, Saint Denis, heute ein Vorort von Paris, gibt es immer noch Glasfenster aus der ersten Bauperiode. Die Kirche wurde 1144 eingeweiht, 100 Jahre vor Baubeginn des Kölner Doms. Bei Kirchen, deren Bau nur Jahrzehnte zurückliegt, bleiben die Wände bis heute stumm. Das sagt zumindest: Wir trauen uns nicht, Maler und Bildhauer zu beauftragen, denn wir sind unsicher, ob deren Werke bleiben. Deshalb finden sich meist ein Kruzifix und eine Marienstatue aus früheren Epochen in den sonst nur aus Wänden gestalteten Räumen.

2.      Erklärung aus der Romanik: Im 11. und 12. Jahrhundert wurden massive Kirchen meist mit Seitenschiffen gebaut, um das Gewicht der schweren Gewölbe abzufangen. Durch die Säulen wurden die Wände des Mittelschiffs durchlässig. Diese Bauweise ist mit Beton und Eisenträgern nicht mehr erforderlich. Auch wenn die romanischen Kirchen trotz der Säulen nicht so viel “Wand” haben, blieben noch viele Flächen, die in einem großen Teil dieser Kirchen ausgemalt wurden. Die Romanik traute sich also immer mehr, etwas auf die Wände zu malen, was die nächste Generation nicht wieder abkratzen würde Erzählungen der Bibel und viele Heilige fanden so Platz, denn da konnte man sicher sein: Wenn die Kirchen Räume für die Liturgie bleiben, kann die Bibel aus ihnen nicht verschwinden. 

Was macht die Kirchen zu Gotteshäuser?
Wie komme ich Gott in einer Kirche näher, wenn ich zwischen weitgehend kahlen Wänden knie oder sitze. Zudem wird in den Kirchen über Jesus gepredigt, an vielen Wallfahrtsorten steht Maria im Zentrum. Gott, aus dem der Sohn und der Heilige Geist hervorgegangen sind, wird nicht dargestellt. Erst die späte Gotik und der Barock erfinden den alten Mann mit dem Bart. Eine solche Darstellung wäre in einer modernen Kirche nichts als ein Fremdkörper. Aber nicht nur Pinsel noch Schnitzmesser stellen nicht mehr, um was es in den Kirchen geht, auch die Sprache ist nicht in der Lage, das Heilige erscheinen zu lassen. Die Christenheit in Westeuropa findet nur wenige Worte, um Gott, den Ursprung von Allem, ins Wort zu bringen. Wir haben es in einem Gesprächskreis in einem Raum neben der Ignatiuskirche im Frankfurter Westend versucht. In mehreren Anläufen hat uns die Sprache eine Grenze des Sagbaren geführt:

"Gott ist so anders als wir Menschen. Er überragt er unsere Intelligenz, dass wir ihn in seiner Andersheit nicht erfassen können. Zugleich ist er uns ganz nahe, so nahe, dass wir ihn spüren können, wie er uns zum Guten lenkt, wir sind in ihn eingehüllt, spüren sein Vertrauen. Er will uns lebend. "

Wenn die Gläubigen so um Wort ringen müssen, dann sehen die Anderen nicht mehr die Möglichkeit, zu Gott zu gelangen. Blickt man auf die Romanik, kann man davon ausgehen, dass sich in diesen Jahren Neues in der Phase der Verpuppung befindet. Für die Christen im Western braucht es noch viel Meditation und noch mehr den Blick nach vorne. Es genügt nicht, die Kirchen wie auch die Theologie zu renovieren, es braucht Erwartung auf Neues, das neu fasziniert. Dann können wir auch neu und nicht in einem ausgeleierten Vokabular von Gott sprechen.



Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Zum Seitenanfang