Ehemaliger grenzzaun, Point Alpha-Rhön Foto: hisnehen.net E.B.

Generation X - in welche Welt brachen sie vor 30 Jahren auf

Sie tragen die Hauptlast, fällen Entscheidungen, ihre Perspektive bestimmt das Land. In welche Welt sind sie als Zwanzigjährige in den späten achtziger Jahren eingetreten, was waren die Perspektiven derjenigen, die später die Generation X genannt werden?

Die Welt lag offen vor ihnen, der Eiserne Vorhang zerbröselte, Europa öffnete sich für die ehemaligen Satellitenstaaten Russlands. Die Grundangst vor einem Krieg war fast kaum noch zu spüren. Es ging plötzlich so viel. Ein Aufenthalt im Ausland winkte. Die Welt bot ihnen viele Möglichkeiten, Anlass für eine Revolution gab es nicht. Die Zukunft lag für gestaltende Initiativen vor ihnen, sie mussten nichts ändern, sondern konnten die Chancen ergreifen. Zudem spürten manche die Hoffnung, dass das sozialistische Gesellschaftsmodell, das den Profit nicht an die erste Stelle gesetzt hatte, dämpfend auf die ungehinderte Dynamik der Marktkräfte wirken könnte.

Umweltproblematik wird von der Wiedervereinigung an die Seite gedrängt

In der Erinnerung spielte die Umweltkrise bereits in der Schule eine Rolle. Das Ozon-Loch und das mit dem Schwefelausstoß zusammenhängende Waldsterben waren damals dringend. Energiezertifikate, CO²- Steuer u.a. Maßnahmen harrten der Umsetzung. Ihr Grundgedanke war: Die Entwicklung in die falsche Richtung zumindest verlangsamen, von der Natur möglichst viel bewahren. Diese Anliegen verloren in der Euphorie und dann den Problemen der Wiedervereinigung ihren vorderen Platz auf der Agenda. Das Bewusstsein, dass etwas grundlegend nicht stimmt, ist bei Vielen geblieben, die als Erwachsene den Freitagsdemonstrationen Rückhalt geben.

Neoliberalismus

Die Grundströmung, die nicht nur die Politik bestimmte, war die Freisetzung der Marktkräfte. Der Staat sollte als hemmender Faktor zurückgedrängt werden. Die Niedergang des kommunistischen Wirtschaftssystems hat diese Option für den Markt wohl nicht hervorgebracht, wurde aber der historische Beweis für die bestimmende Vorstellung, wie Wirtschaft optimal funktioniert. Staatsbetriebe wurden privatisiert, um sie effektiver zu führen. Die Herrschaft der Juristen wurde mit dem Argument abgelöst, sie verhinderten mit ihren Bedenken die freie Entfaltung der Markkräfte. Betriebswirtschaftslehre wurde zum Modefach und BWL-Absolventen schienen die geeigneteren Führungskräfte. 
Aus dieser Zeit ist der Vorbehalt noch wirksam, der Staat dürfe nicht so viel regeln, vor allem darf er die individuelle Freiheit, also den Autoverkehr, nicht einschränken.

Berufswahl

Damals war die Berufswahl schon deshalb schwierig, weil man mit der Festlegung auf eine Ausbildung oder ein Studienfach nicht 15, sondern mehr als 100 Möglichkeiten ausschließen musste. Im Rückblick wird die Berufsberatung als nicht sehr kompetent eingeschätzt. So wurde dringend vom Lehrerberuf abgeraten, obwohl absehbar war, dass 10 Jahre später Lehrer dringend gesucht würden. Für künstlerische und gestaltende Berufe schien sich mehr Raum zu öffnen. Kunst versprach, sich mit ihr mehr zum Menschen entwickeln zu können.
Das Grundgefühl war positiv. Der Beruf musste nicht mehr zuerst für den Broterwerb gewählt werden, sondern ermöglichte die Selbstentfaltung des einzelnen. Es gab für alle genug, wenn es gerecht verteilt wurde. Man startete von einem Wohlstandssockel, der nicht bedroht, sondern ausbaufähig schien. Das Ökologie-Anliegen hat bei nicht wenigen die berufliche Schwerpunktsetzung bestimmt, ob für die Juristen das Umweltrecht, Landschaftsarchitektur, Verkehrsplanung. Man kann sich dieser Herausforderung über viele Zugänge stellen.

Die Umbrüche und Einbrüche

In die Schul- und Ausbildungsphase fiel die Einführung des Internets und des preisgünstigen Telefonierens. Anders als von nachfolgenden Generationen wurden diese Kommunikationsmittel als Ausweitung der Möglichkeiten und noch nicht als Überforderung erlebt. Das traf auch auf die Reisemöglichkeiten zu. Zwar war das Fliegen noch nicht so günstig, aber Europa stand mit Interrail offen. Das Internet versprach eine Ausweitung des Marktes und damit großer Gewinne. Der Glanz der neuen digitalen Welt platze bereits mit der Dotcom-Krise 2010-2011, als viel Start-Ups, die mit großen Erwartungen an die Börse gegangen waren, Insolvenz anmeldeten. Auch die Hoffnungen auf eine Ausweitung des Fernsehmarktes endeten in diesen Jahren. Die Kommunikationsindustrie schuf nicht die neuen Arbeitsplätze, die in den traditionellen Industrien verloren gegangen waren. Der Aufbruch Europas, der den Blick über die deutschen Grenzen hinaus geöffnet hatte, zeigte sich als steinig. Die Länder der ehemalignen Sowjetunion durchliefen viele Krisen, die eigene Berufskarriere war nach dem Börsencrash 2000-2001 und der Bankenkriese sechs Jahr später schwieriger geworden. Es gab, auch durch den Stellenabbau in den ehemalignen Staatsbetrieben viel weniger Arbeitsplätze. Arbeitslosigkeit wurde zum vorherrschendne Problem. Was anfangs sich als europaweites Arbeitsfeld für interessierte junge Leute anbot, wurde zu einem Berufsalltag mit immer höheren Leistungsanforderungen.

Digitalisierung und Globalisierung

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Eintritt Chinas in den Welthandel weitete sich das Wirtschaftssystem des Westens über alle Kontinente aus. Durch die Globalisierung wurden billige Arbeitskräfte in vorher abgeschotteten Ländern zu Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Zugleich forderte der erhöhte Konkurrenzdruck mehr Leistung und konkret Überstunden. Da die Frauen fast alle eine Stelle antraten und die Anforderungen im Beruf gestiegen sind, bestimmt die Arbeitswelt immer stärker das Leben der Familie.

Wie die Welt heute sich für die Generation darstellt, wird Thema weiterer Beiträge

Gespräche mit Caro, Gaby, Alexander, Stephan im Sommer 2019



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