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Die Zerstreuung des Individuums

In der Geschichte der Menschheit gibt es in den letzten Jahrhunderten die großen Kränkungen durch Kopernikus, Charles Darwin, Karl Marx und Sigmund Freud. Hatte der Mensch gedacht, er stünde im Mittelpunkt des Universums, der Gesellschaft und seiner eigenen Person, so musste er erfahren, dass die Welt nicht um ihn kreist, er nur ein unwichtiger Punkt im Weltall ist, eine Stufe der Evolution, ein Produkt des Seins und noch nicht einmal der Herr im eigenen Haus. Die Globalisierung wurde bislang noch nicht in der Reihenfolge der Kränkungen beleuchtet. Das Besondere an dieser Kränkung dürfte sein, dass der Mensch selbst einen Zustand verursacht hat, der ihn in seiner Identität in Frage stellt.

Die großen Kränkungen beziehen sich auf einen Ort, nicht auf die Person, die sich an diesem Ort befindet. Sigmund Freud, der von der kosmologischen, biologischen und psychologischen Kränkung sprach, nahm noch an, dass es eine Instanz im Menschen gäbe, die er Ich nannte. Dieses Ich war gekränkt und musste mit diesen Kränkungen umgehen. Die Nachfolger Freuds beobachteten oder beschrieben, dass der Mensch in seiner Persönlichkeit bereits gestört ist. Ich-Störungen wie die Borderline-Symptomatik wurden von Adolph Stern, Otto F. Kernberg und anderen beschrieben sowie diskutiert. Als Folge davon wurde auch das Setting in der Psychoanalyse verändert. Viele Analytiker kamen zu der Überzeugung, dass der Patient Augenkontakt bräuchte und das Liegen auf der Couch eine unangemessene Überforderung darstelle, da persönlichkeitsgestörte Menschen das Erleben eines konkreten Gegenübers brauchen. In der Psychoanalyse ging es nicht mehr nur um die Kränkungen des Ichs, sondern um die Instanz, die gekränkt ist. Diese Instanz ist nicht mehr nur nicht Herr im eigenen Haus, sondern auch als Herr fragwürdig geworden.

Globalisierung und Individuum

Von Globalisierung wird erst in den letzten Jahrzehnten gesprochen. Durch die Digitalisierung ist fast jeder Mensch an diesem Prozess beteiligt und erfährt die Auswirkungen direkt. Die Anfänge der Globalisierung dürften mit den Möglichkeiten des Reisens verbunden sein. Wenn weite Strecken per Schiff, Bahn, Flugzeug, Auto relativ problemlos zu überwinden sind und im Prinzip jeder auch reisen kann, wird die Welt kleiner. Es gibt keine terra incognita mehr, via Satellit kann die gesamte Erdoberfläche beobachtet werden. Es gibt kein unwegsames Gelände mehr, das nicht doch bezwungen werden könnte. Auf der einen Seite kann sich der Kommunikator Mensch mit allen auf dem Globus verbunden fühlen und jeden persönlich treffen oder mit ihm in Kommunikation treten. Auf der anderen Seite zeigen sich starke Regionalisierungstendenzen. Je weiter die Globalisierung voranschreitet, desto klarer wird, dass der einzelne Kommunikator nur ein Knotenpunkt im digitalen Netz ist. Es ist der Mensch, der nicht mehr im Mittelpunkt steht. Der Mensch erfährt sich als jemand, dessen biologisches Dasein für seine Identität belanglos wird. Die Wichtigkeit des Individuums ist heruntergesetzt. Das Ich ist gar nicht mehr gekränkt, das Ich wird als Instanz spürbar überflüssig. Diese ist eine neue oder andere Art der Kränkung. Es ist letztendlich gar keine Kränkung, weil keine Instanz vorhanden ist, die gekränkt werden könnte. Die Identität des Menschen im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung ist eine zerstreute. Der Mensch kann sich Parallelwelten schaffen und eine konstruierte Identität leben, von der er nicht fürchten muss, dass sie mal mit einer anderen Realität konfrontiert würde. Dieser Identitätsvielfalt steht die nicht gegebene Notwendigkeit gegenüber, einen Persönlichkeitskern finden oder wollen zu müssen. Das Individuum muss sich nicht als Identität definieren und kann es womöglich auch gar nicht mehr. Wenn allerdings existenzielle Krisen auftreten oder Aufgaben erfüllt werden müssen, die mehr sind als eine ‚Spielerei‘, fehlen nicht nur die Kompetenzen, sondern auch die innere Instanz, die die Aktivitäten koordinieren würde.

Die Globalisierung ist mehr als Ökonomie

Eine Weltgesellschaft, die sich berechtigterweise als eine solche verstehen kann, entwickelt einen Binnenhalt. Dieser Halt wäre allerdings so zu denken, wie Gruppen ansonsten in ihrer Dynamik funktionieren. Der innere Zusammenhalt wird stärker, wenn ein äußerer Feind auftritt. Einen solchen Feind gibt es jedoch nicht in persona. Also werden Gefahren beschworen, die zwar real vorhanden sind und auch nicht verharmlost werden dürfen, allerdings instrumentalisiert werden. Der Klimawandel und seine bedrohlichen Auswirkungen werden von nur wenigen bestritten, allerdings bekommt das Verhalten hierzu eine identitätsstiftende Bedeutung zugewiesen. Wer den Klimawandel anzweifelt, ist ein Verräter an der Gemeinschaft, weil er das Identitätsstiftende der Gefahr als äußeren Feind bloßstellt. Stark narzisstisch geprägte Menschen wiederum stellen die Identität einer Gruppe durch die Konzentration auf ihre Person her und bestreiten die äußere Gefahr, weil dadurch die Aufmerksamkeit von ihnen auf die Gefahr abgelenkt würde. Probleme wie der IS die Klimakatastrophe, Flüchtlingsströme, Diktaturen, Kriegsgefahren müssen auch als psychodynamische Phänomene analysiert werden, ansonsten sind notwendige Maßnahmen durch Widerstände im Individuum oder der ‚Volksseele‘ blockiert.



Kommentare (1)

  1. walter am 20.01.2018
    das Spekulative und das Dogmatische...
    Sehnsucht (z.B. nach Herrschaftswissen) wäre somit Ausdruck oder ein Phänomen des Mangels.
    Das erkannten schon die "Alten" ,siehe z.B. die Erzählungen zum Schöpfungsepos:
    das Geschöpf, hier- der Mensch - ein Defizit-Wesen, weil von seinem Schöpfer verflucht und aus dem Garten Eden /Paradies vertrieben...
    Er tut, was er kann und wird so zum Zauberlehrling !

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