Wasserspeier am Freiburger Münster, Foto: hinsehen.net E.B.

Das Böse gibt es nicht

Es wäre eine ständig wirkende Kraft oder der Teufel selbst, wenn es ein „Das“ des Bösen gäbe. Wenn jedoch kein Teufel, was dann? Und gibt es Dämonen, wie es in vielen Kulturen die Überzeugung ist? Ein Kommentar zur Fastenzeit.

Es hängt von der Weise ab, wie wir über das Böse reden. Im Folgenden die Erfahrung aus der monatlichen Gesprächsrunde von Frankfurt Flair. Der Einstieg wurde über Erfahrungen mit Bösem gewählt. Wir hätten auch mit den Theorien anfangen können, die über das Böse entwickelt worden sind. Dann wäre wahrscheinlich die Frage, ob es „Das Böse“ in der Gestalt von Dämonen gibt, nicht entscheidbar geworden. In dem Anhörkreis, in dem die Einzelnen sagten, wie sie Böses erfahren, kam ein Teufel oder eine von außen wirkende Kraft nicht vor. „Das Böse“ wurde im Menschen gesehen. Das entspricht der biblischen Überlieferung. In der Auseinandersetzung um die jüdischen Reinheitsgebote geht es nicht nur um Hygiene, sondern zumindest um kultische Reinheit und weiter um moralisches Verhalten. Im 7. Kapitel bei Markus wird ein Streitgespräch Jesu mit Pharisäern und Schriftgelehrten wiedergegeben.

 „Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. …..
Seht ihr nicht ein, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. ….
Weiter sagte er: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.“

Wenn wir von den Erfahrungen mit übler Nachrede, Mobbing, Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg ausgehen, dann sind es Menschen, die das betreiben. Das Böse kommt nach unseren Beobachtungen nicht von außen, es entsteht zwischen Menschen. Wir reagieren auf Benachteiligung, Missachtung, Verletzung, Verleumdung mit Gefühlen. Diese entstehen immer wieder. Es braucht keinen Teufel, um das Böse zu erklären. Jedoch muss erklärt werden, warum Missachtung zu einem Mord führen kann. 

Die eigenen Reaktionen unter Kontrolle halten:  Enttäuschung, Wut, Rache, Gewalt sind Reaktionen, die wohl in die Genetik eingebaut sind. Allerdings ist nicht mehr wie bei Tieren eine Beißhemmung programmiert. Z.B. wenn der unterlegene Wolf dem anderen seine Halsschlagader zeigt, dieser nicht zubeißen kann. Da uns Instinkte nicht vom Schlimmsten abhalten, ist unser Verstand gefragt. 

Resilienz: Beobachtungen auf Schulhöfen führen zu einer weiteren, im Menschen angelegten Dynamik. Kinder, die ohne elterliche Zuwendung aufgewachsen sind, die kaum Liebe erfahren haben, jedoch Gewalt, können ihre Reaktionen meist nicht mehr steuern. Da sie sich schnell angegriffen fühlen, reagieren sie mit Gewalt. Dabei nimmt Gewalt nicht ab, sondern verstärkt sich oft. Man kann sogar von einer rauschähnlichen Dynamik sprechen. Resilienz wäre die Befähigung, Beeinträchtigungen auszuhalten. Dazu führt das christliche Verständnis, mit Ungerechtigkeit und Verletzung umzugehen. 

7x70mal verzeihen: Jesus spricht von der immer wieder neuen Herausforderung, mit Verletzungen so umzugehen, dass sie nicht zu Rache und Gewalt führen. Das Vaterunser geht davon aus, dass wir selbst Nachsicht und Verzeihung brauchen und diese daher anderen gewähren sollen. Die Feindesliebe wird damit begründet, dass Gott jeden und jede liebt.

Böses - ob Teufel oder in uns eingebaut? Es gibt Böses, das wir erfahren und selbst verüben. Dahinter steht wohl keine Macht, sei es der Teufel, Dämonen oder Sterne. Diese sind Bilder, um die Kräfte einzuordnen, die so bedrohlich sind. 

Legitimierung von Gewalt: Es gibt ein Außen, das aber auch von Menschen gemacht ist. Die Gruppe, die Familie, auch die Bevölkerung entwickeln unterschiedliche Normen, die Gewalt rechtfertigen. Das wird an der Verwendung von Messern deutlich. Das ist in einigen Kulturen selbstverständlich, in anderen nicht. Wer ein Gewehr besitzen darf, wird eher zurückschlagen als diejenigen, die nur mit Worten reagieren können.

Dämonen: Nach afrikanischer Vorstellung treiben Verstorbene, die wegen ihrer Untaten keine Aufnahme im Himmel gefunden haben, ihr Unwesen weiter. Sie bleiben als Dämonen präsent. Dieses negative Erbe ist auch in Kulturen wirksam, die nicht von der Existenz von Dämonen ausgehen. Eine neue Therapieform kann zeigen, dass es diese Kräfte tatsächlich gibt – im Bösen wie m Guten. Was viele Kulturen, auch die Evangelien, Dämonen zuordnen, kann beobachtet werden. Deshalb eine kurze Beschreibung:

Systemische Therapie – wie Böses weitergegeben wird.   

Eine Wirkung vorausgegangener Generationen wird durch die systemische Therapieform bestätigt. Diese analysiert nicht ihre Klienten durch intensive Gespräche, sondern stellt das familiäre oder berufliche Beziehungsgefüge mit Personen dar. Der Klient stellt Personen als Großeltern, deren Geschwister, die Elterngeneration in ihrem Beziehungsgefüge auf. Diese Personen vertreten ein Familien- oder Teammitglied. Derjenige, der aufstellt, wählt auch eine Person, die ihn vertritt. Erstaunlicherweise reagieren die Personen, ohne die Familienangehörigen des “Aufstellers” gekannt zu haben. Der Klient hat drei Möglichkeiten, eine Person in der Aufstellung zu platzieren. Es sind der Platz innerhalb des Gefüges, der Abstand zu den Einzelnen und die Blickrichtung. Damit wird das Beziehungsgefügen in seinen Gefühlen wieder präsent. Es ist also nicht notwendig, die Mutter als Verursacherin der psychischen Probleme eines Sohnes, einer Tochter auszumachen. Es kann die Schwester des Großvaters sein, die etwas in das Familiensystem eingespeist hat. Mit einem Selbstmordversuch z.B. kann einen Großneffen belasten. Dieser spürt unbewusst dieses Erbe und nimmt den zerstörerischen Impuls auf. Es gibt offensichtlich Böses, das nicht von noch Lebenden ausgeht. Die Methode “Systemische Aufstellung” erklärt wohl, warum wir einem Theaterstück oder einer Filmhandlung nicht nur beobachtend folgen können. Wir werden Teil des Beziehungsgefüges einer Freundesgruppe, einer militärischen Einheit, einer Familie, die vor uns auf der Leinwand oder der Theaterbühne handeln.  

Dämonen: Nicht mehr zur Erklärung von Naturkatastrophen

Dass wir für die Erklärung des Bösen den Teufel nicht mehr als Ursache, sondern nur als Bild gebrauchen, ermöglichen nicht zuletzt die Naturwissenschaften. Sie führe Naturkatastrophen und Krankheiten nicht mehr auf das Wirken von Dämonen zurück, sondern auf natürliche Ursachen. Ein Tsunami wird nicht durch einen Bösen Geist ausgelöst, sondern durch Erdschollen, die aufeinanderstoßen. Trotz der großen Erkenntnisfortschritte kommen die Wissenschaftler an Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens. Es schleicht sich dann eine magische Größe ein, um Wirkungen zu erklären.  

Die Magie des Zufalls

Naturwissenschaftler sind mit Phänomen konfrontiert, für die sie keine Erklärung gefunden haben. Oft bleiben sie nicht bei der naheliegenden Aussage, sie würden die Ursache nicht kennen. Da es immer eine Ursache geben muss, wird der Zufall zum Lückenbüßer. Das tun wir alle. Wenn sich kein Fehlverhalten als Ursache für Unglück ausmachen lässt oder eine Krankheit überfallartig jemanden „trifft“, sprechen sie zwar nicht von einem Dämon, aber von einer anonymen Macht oder von einem Zufall. Diese haben das Unglück oder die Krankheit verursacht. Der Zufall bleibt nicht eine theoretische Größe, sondern er hat i tatsächlich etwas bewirkt.
Wer ist aber dann dieser Zufall? Er bewirkt etwas. Deshalb könnte er ein Naturgesetz sein oder ein Wille. Das Naturgesetz scheint es nicht zu geben, ein Wille, z.B. der eines Sterns oder Gottes soll auch nicht herhalten. Denn das soll ausgeschlossen werden. Weil er aus dem Unbestimmten heraus wirkt, ist er eine magische Größe. Es wirkt etwas, man kann aber nicht wissen, warum es diese Wirkung erzeugt. Wenn man religiöse Kategorien heranzieht, um den Zufall einzuordnen, dann wirkt er nicht aus physikalischen Gesetzen heraus. Auch hat er keinen Willen, der etwas Bestimmtes bewirken will. Er bleibt eine undurchschaubare Macht, die mal so, mal anders wirkt.

Schädigen wollen ist böse

Böses setzt voraus, dass die Schädigung des Anderen bewusst gewollt ist. Böses geschieht durch den Menschen. Mit Verstand begabt, ist er verantwortlich für sein Handeln. Allerdings nicht nur der Einzelne für sich selber. Denn Kultur und Sprache tragen auch Werte in sich. Damit wirken sie auf die Einzelnen ein. Wenn Böses verübt wird, ist nicht nicht nur der Verursacher gefragt, sondern jeder Einzelne der Sprachgemeinschaft, welchen Anteil er daran hat. Das wird an einem Krieg deutlich. Nur wenn genügend Bürger mitmachen, setzt sich eine Division in Bewegung. Das gilt für die belarussischen Streitkräfte. Der dortige Kriegstreiber kann nicht sicher sein, dass sein Befehl zum Einmarsch in die Ukraine befolgt wird.


Kategorie: Analysiert

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Zum Seitenanfang