Herr Loest an seinem Marktstand in Berlin nennt drei Motive, die im Osten zu denen hinzukommen, weswegen die AfD im Westen gewählt wir
- Der Westen schaut auf den Osten runter. Die Menschen dort seien noch nicht in der Demokratie angekommen. Aberin
- Bayern z.B. erreicht die Partei bei der Bundestagswahl 2025 bei einer Wahlbeteiligung von 84,4%, das sind 7,52Millionen Wähler, mit 20,1% 1,509 Millionen der Stimmen. In Sachsen erzielt die AfD 37,3 %, das sind bei 2,58 Wähler 958,401 Stimmen
- Im Osten sei man besonders sensibel, wenn Politiker etwas erzählen, was die Situation schönt oder was nicht zutrifft. Das Misstrauen gegenüber den Politikern und ihren Medien sei deshalb im Osten deutlicher.
Zum West-Ost noch andere Stimmen:
Der Gemeinschaftssinn, die Erfahrung von Gemeinschaft seien verloren gegangen. Die Zivilisation, die der Westen dem Osten gebracht habe, sei wirtschaftlich akzeptiert, aber der Preis, sich nicht mehr im Team, in der Nachbarschaft aufgehoben zu fühlen, sei zu hoch. Das westliche System sortiere sehr viel stärker nach Leistungsfähigkeit. Das ist kein ostdeutsches Vorurteil. Ich finde bei Katholiken von den Philippinen, aus Afrika und Indien dieselbe Beobachtung. Die Gottesdienste seien in Deutschland eine Versammlung von Individuen. Sie selbst gingen zum Gottesdienst auch deshalb, um die Anderen zu treffen. Die Individualisierung früherer Gemeinden führt dazu, dass mehr Menschen den Gottesdienst am Fernsehen mitfeiern als in den Kirchenbänken. Ich spüre das als deutscher Priester. Ich fühle mich anders aufgenommen, wenn ich mit der Gemeinde der vielen Nationen feiere. Obwohl sie aus sehr verschiedenen religiösen Kulturen kommen, lebt der Gottesdienst viel mehr aus der Gemeinde heraus. Es ist keine Veranstaltung des Priesters.
Vielleicht haben sich die Westdeutschen an die Vereinzelung gewöhnt, so dass sie Zusammengehörigkeit als etwas Besonderes erleben, das man erst aufbauen muss. Dazu-Gehören ist nicht mehr selbstverständlich.
Wenn die Westdeutschen auf den Osten herabschauen, gibt es keine Bereitschaft, das im Westen aufzugreifen, was die Menschen im Kommunismus an Lebensqualität entwickelt haben. Sie erleben sich beurteilt, weil in den Augen der Westdeutschen alles im kommunistischen System schlecht gewesen sei.
Die hohen Stimmenanteile für die AfD können auch durch das Gemeinschaftsgefühl mit zustande kommen, weil der Einzelnen wählt, was auch die Anderen wählen.
Der raue Ton einer Männerpartei
Es sind fast immer Männer, die die Partei repräsentieren. Die Vorsitzende muss sich wohl dem rauen Ton anpassen. Ein weiterer Aspekt des West-Ost-Gefälles war die Arbeitslosigkeit. Nach der Wiedervereinigung hatten die Berufstätigen in einer Planwirtschaft nicht mit Arbeitsplatzverlust gerechnet. Zudem wurden im Westen sehr viel weniger Arbeitsplätze gestrichen als in den Neuen Bundesländern. Wer Arbeit finden wollte, musste daher in den Westen ziehen. Das waren mehr Frauen als Männer. Diese sehen die Migranten eher als Konkurrenten um einen Arbeitsplatz. Die Wähler der AfD sind deshalb national orientiert, weil sie einen Identifikationspunkt suchen, wo Deutsch gesprochen wird. Sie können nicht darauf setzen, sich mit Argumenten durchzusetzen. Deshalb wird von ihren Repräsentanten ein aggressiver Ton gepflegt. Es geht mehr um Gefühle als um eine politische Perspektive
AfD-ähnliche Parteien
Es gibt in Ländern mit langer und ungefragter liberaler Tradition die Schweden-Demokraten, die Einmannpartei Geert Wilders in den Niederlanden, der Vlaams Blok und seit 1972 den Front National in Frankreich. Eine rechts-nationale Partei ist kein typisch deutsches Phänomen. Es kann also Gegenbewegung gegen die jahrzehntelange Dominanz des sozial-liberalen Konzepts in den Medien und im Bildungssystem verstanden werden. Es hat die bildungs-benachteiligten Schichten kaum motivieren können, zu wählen. Deshalb gewinnt die AfD viele Stimmen der bisherigen Nicht-Wähler. Karrieren in diesen beiden Bereichen waren nur möglich, wenn man diese Sicht von Gesellschaft verinnerlicht hatte. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, prägt nicht nur die Menschen in den Neuen Bundesländern. Ein Teil auch der westdeutschen Bevölkerung fühlt sich schon lange “abgehängt. Die Dynamik lässt sich sowohl an der SPD wie auch an der Katholischen Kirche ablesen.
Für die Segmente Bildung, Medien, Öffentlicher Dienst führt der Faktor “Bildung” zu einem größeren Abstand zwischen den im Bildungssystem Erfolgreichen und denen, die nicht mithalten und daher von sich aus den Abstand nie überbrücken können. Das lässt sich einfacher an der Katholischen Kirche ablesen. Als ich Pfadfinder war, gab es neben mir nur noch zwei Gymnasiasten. Die Anderen sahen einen Handwerksberuf als ihre Zielvorstellung. Sie wurden nicht Studenten, sondern Lehrlinge. Als die Zahl der Oberschüler zunahm, verschwanden die Hauptschüler und die Lehrlinge wie bei anderen Jugendverbänden aus den Gruppen. Die Gymnasiasten hatten das Wort und setzten die Themen. In der Gruppe der Gleichaltrigen waren in meiner Jugend die Erfahrungen mit den Lehrstellen Thema, nicht der Mathematik- oder Englischlehrer. Zugleich entwickelte sich ein Individualismus, der die Mitgliedschaft in einem Verband, der die Einzelnen auch überregional vernetzte, nicht mehr für wichtig hielt. Es gibt weniger Festlegungen, das Handy ermöglicht eine viel flexiblere Terminplanung. Was bei den Jugendverbänden in einem überschaubaren Lebensraum zu beobachten ist, zeigt sich auch in der Breite Bevölkerung. Waren die Absolventen eines Gymnasiums und damit die Studenten eine Minderheit, sind sie heute die bestimmende Bevölkerungsschicht. War früher die Perspektive der Mehrheit ein Lehrberuf, soll es heute ein Studium sein. Für viele Söhne und Töchter von Arbeitern, Verkäuferinnen, Krankenschwestern u.a. wurden das Gymnasium oder die Gesamtschule erreichbar. Dabei sind die Haupt- und Realschulabgänger aus dem Blick geraten und fühlen sich als Minderheit abgehängt. Deren Gefühle haben kaum in Biographien und Romanen Ausdruck gefunden. Diese stellen meist den Weg in eine höhere Bildungsschicht dar. Die Gefühle der Zurückgeblieben sind nicht so interessant. In der ehemaligen DDR führte die größere Zahl der Oberschüler nicht zu so einem Auseinanderdriften der Gesellschaft. Auch ein Motiv für das Ressentiment. An der SPD ist abzulesen, warum sie die Hauptschulabgänger verloren hat.
Die Kehrseite der Bildungspolitik
Die SPD hat die Bildungsdynamik besonders vorangetrieben. Das hat die Partei noch stärker verändert als die katholischen Gemeinden. Die Kirche hatte schon lange weltweit ein Schul- und Universitätssystem aufgebaut und so z.B. den Einwanderern in den USA Aufstiegschancen eröffnet. Die SPD hat über ihre Regierungsbeteiligung den Gymnasialbereich massiv ausgebaut. Auf diesem Weg sind Politologen und Soziologen in die Partei eingetreten und haben wichtige Funktionen übernommen. Sie stellen inzwischen den Großteil der Führungsebene und der Minister. Aufstieg nicht mehr vom Gewerkschaftsfunktionär zum Vorsitzenden und Minister, sondern vom Studienabschluss zur Parteikarriere. Auch hier führt das wie in den katholischen Verbänden zu Dominanz derjenigen, die über den größeren Wortschatz verfügen.
Die Zahl der Wähler, die in den westlichen Bundesländern AFD wählen, kann durch diese über Jahre sich verstärken Dynamiken etwas besser verstanden werden. Die Dynamik in den Neuen Bundesländern verschärft sich durch den Eindruck, für Westdeutsche als Bürger zweiter Klasse zu gelten. Wer schulisch und durch Universitäts- und Fachhochschulstudium aufgestiegen ist, hat auch seine Sprache dem universitären Milieu angepasst. Wer eine Fremdsprache beherrscht, drängt die anderen in die Identifikation mit der deutschen Sprache und Nation. Politik kann diese Abstände zwischen den Bevölkerungsschichten nicht verringern. Die Westdeutschen müssen von ihrem Podest heruntersteigen.
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