Diese Szene ist oft gemalt worden, weil sie bestätigt, dass Jesus der von Gott gesandte Messias ist. Wir sehen auf den Gemälden den Vater vom Himmel aus auf die Szene herabblicken. Es ist das Gegenbild zur Kreuzigung. In dieser Situation ist Gottes Stimme nicht zu hören. Wie sollen wir das so verstehen: Die Menschen, die an diesem Tag zum Jordan heruntergekommen sind, sollen diese Stimme gehört haben? Sollen wir sie auch hören? So ist es im Lukasevangelium beschrieben. Die Umstehenden sehen den Himmel offen und hören die Stimme. Damit wird Jesus als der von Gott gesandte Messias erwiesen.
Anders jedoch Markus und Matthäus. Es ist nur eine kleine sprachliche Veränderung, die jedoch unseren Blick auf die Szene grundlegend verändert. Es heißt im älteren Evangelium bei Markus:
„Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“
Jesus hatte eine Vision
Er sah den Himmel offen und hörte die Stimme. Von den Umstehenden wird das bei Markus und Matthäus nicht gesagt. Johannes der Täufer und die Umstehenden sahen vielleicht bei Jesus eine Reaktion. Denn er kam zu dem Entschluss, zu predigen. Was die Evangelisten schreiben, bringt uns Jesus nahe. Auch wir können mit 30 und sogar in fortgeschrittenem Alter mit einer solchen Erfahrung beschenkt werden. Ich erfasse, was vor mir liegt, für was ich da bin, warum ich es bin, dem diese Aufgabe zugeteilt wird. Ich bin der, der aufbrechen soll, weil ein größeres Leben auf mich wartet. Oder der Entschluss, meine Aufgaben an Jüngere abzugeben. Wir nennen das, wenn der Ruf uns im Alter von Jesus erreicht, Berufung. Es ist ein Ruf, der mich auf eine neue Schiene setzt. Manchmal müssen wir geliebte Menschen zurücklassen, aber meistens nicht, auf jeden Fall nicht die, die für uns bestimmt sind.
Es ist nur eine kleine Variante der überlieferten Texte
Die unterschiedliche Zuordnung der Stimme, ob sie nur Jesus gehört oder ob sie zu den Umstehenden gesprochen hat, hat mein Lehrer, Fritz Leo Lentzendeis herausgefunden. Ich habe allerdings lange gebraucht, zu verstehen, was Lukas beschreibt. Dass die Menschen, die Jesus kannten, bei dem Zimmermannsgesellen eine Sendung wahrgenommen haben. Das nimmt von uns den Vorbehalt, ob tatsächlich eine Stimme zu hören war. Dass Jesus eine Sendung hatte, konnte jeder beobachten. Was wir auch aus seinen Worten heraushören: Er war sich sicher vor der Zeit seines öffentlichen Predigers sich seiner Aufgabe bewusst. Das geschah nicht plötzlich bei der Taufe, so wie auch bei uns tiefgehende Entscheidungen schon länger bewusst waren. Auch ir suchen vor dem Entschluss einen anderen Ort auf. Denn wenn wir unser Leben eine andere Richtung geben wollen, dürfen wir vom Gewohnten nicht festgehalten werden. Dass er sich auf seine Aufgabe vorbereitet hat, ist an seiner Menschenkenntnis abzulesen. Seine Gleichnisse und Predigten zeigen, wie gut er Menschen einschätzen konnte. Dass Jesus die Stimme des Vaters, der ihn gesandt hat, gehört hat, müssen wir nicht prüfen. Aus seinem Auftreten wird unmissverständlich deutlich, dass er einen Auftrag hatte. Er hat nicht seine eigene Karriere betrieben, sondern das Reich Gottes verkündet.
Warum wir in manche Zweifel geraten
Die Wissenschaft fordert Beweise, dass das, was die Bibel berichtet, auch wirklich so gewesen sein soll. Für die Erfahrung Jesu bei der Taufe durch Johannes müsste es Zeugen geben, die belegen, dass eine Stimme zu hören war. Es dann wird es für die Wissenschaft „wirklich“ ist. In der Geschichtswissenschaft sind es Quellen, also Schriftliches von Anderen. Jemand von den Umstehenden muss aufgeschrieben haben, was die Evangelisten berichten. Wenn ein solches zweites Dokument nicht vorliegt, dann müssen wir erst einmal davon ausgehen, dass der Bericht von der Taufe erfunden ist.
In unserem Zusammenleben braucht es solche Beweise nicht. Wir erkennen ohne Beweise Menschen, die einer inneren Berufung und nicht nur der Anweisung eines Vorgesetzten folgen. Nicht nur bei Priestern, sondern für jeden Beruf gehen wir davon aus, dass jemand aus innerem Antrieb seine Aufgaben erfüllt. Wir mokieren uns sogar, wenn wir das nicht spüren. Wie der innere Vorgang, der aus Überlegungen einen Entschluss werden lässt, dargestellt wird, ist abhängig von der Kultur und ihrer Sprache, mit der sie innere Erfahrungen darstellt. So bildhaft wie die Evangelien können wir das nicht mehr.
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