Gott fragt Kain, Autun, Foto: hinsehen.net E.B.

Die Evolutionskomponente der Auferstehung

Fing alles schon im Paradies an, was zu Judenvernichtung und nicht enden wollenden Syrienkrieg führte? Gab es überhaupt den paradiesischen Zustand oder liegt dieser in der Zukunft? Mit der Evolutionstheorie stellt sich die Geschichte anders dar. Nicht die Rückkehr ins Paradies, sondern das im Entstehen begriffene Reich Gottes wäre das Leitbild. Wolfgang Schreiner zeigt die Umrisse eines Weltbildes auf, das die Evolutionstheorie mit Vorstellungen der Bibel verbindet.

Ausgangspunkt ist die Schöpfung aller Lebewesen und des Menschen durch Evolution, Teilhard de Chardin hat die Mechanismen der Evolution die Werkzeuge Gottes für die Entwicklung der Lebewesen genannt. Durch diesen Prozess wurden nicht nur physische Gene, sondern auch zahlreiche Verhaltensweisen aus dem Tierreich auf den Menschen vererbt. Einige davon verursachen Leid bei anderen und sind daher aus christlicher Sicht kritikwürdig. Bergpredigt und Seligpreisungen wenden sich dagegen und fordern jeden Christen auf, sich aus dieser evolutionär ererbten Verhaltens-Knechtschaft zu lösen. Dies kann als Auferstehung aus einem rein evolutionär bestimmten Leben gewertet werden. Jesus war durch gesellschaftliche Kollateralschäden der Evolution zu Tode gekommen und ist als Erster aus dieser Niederlage auferstanden.

Schöpfung durch Evolution

Mechanismen: Zur Schöpfung aller Lebewesen und auch des Menschen hat sich Gott der Evolution als Werkzeug bedient, so die moderne Sicht der Theologie seit Teilhard de Chardin. Gott ist Urheber allen Seins, aber die eigentliche Schöpfung ist die eines Mechanismus, der Evolution, nicht die Herstellung einzelner Geschöpfe: „Gott macht, dass die Dinge sich machen“, so de Chardin. Diese Interpretation konnte die biblischen Texte der Genesis in Einklang bringen mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zur Evolution seit Darwin. Diskutiert wird nach wie vor, wie hoch der Anteil des Zufalls dabei ist.
Die Mechanismen der Evolution beginnen im Genom und sind heute sehr detailliert molekularbiologisch beschrieben. Grundlegend sind dabei zufällige Veränderungen, Mutationen, des Erbgutes, die sowohl vorteilhaft als auch nachteilig sein können. Dementsprechend entstehen Entwicklungsfortschritte oder auch Missbildungen und Krankheiten, so insbesondere Krebs. Allein diese Tatsache ist schon alarmierend, denn Schäden sind damit vorhersehbar und intrinsischer Teil der Schöpfungsmethode durch Evolution. Dies widerspricht vielen Aspekten eines liebenden und fürsorglichen Gottes, von dem Jesus sagt: „Aber auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt“, Lk 12,7). Besitzt Gott unvermutete Züge, und müssen Christen ihr Gottesbild revidieren? Hinzu kommt noch die Selektion als weiterer Mechanismus, durch den schwächere Individuen durch stärkere längerfristig verdrängt werden. Auch dies folgt ganz und gar nicht einer christlichen Ethik.

Frühere Entwicklungen in der Evolution des Menschen wirken weiter fort

Wir (Christen) müssen zur Kenntnis nehmen, dass Selektion in der jahr-millionenlangen Entwicklung aller pflanzlichen und tierischen Organismen maßgeblich war – so auch bei der Entstehung des Menschen. Als der homo sapiens auf den Plan trat, hatte der Neandertaler keine Chance mehr. Positive Genomänderungen hatten ein Großhirn entstehen lassen, das sprachlich formulieren und vorausblicken kann und damit extreme handlungsmäßige Überlegenheit begründet. Seine Leistungen - oder besser vielleicht ‚Auswirkungen‘ -  haben die gesamte Welt in einem Ausmaß verändert, das wir derzeit in vollem Umfang kaum mehr überblicken noch abschätzen können. Gleichzeitig waren aber die früheren Mechanismen, etwa Verhaltensmuster, damit nicht ausgeschaltet. Sie wirken aus den verbliebenen, älteren Gehirnteilen, auch im modernen Menschen fort. Er ist noch immer in hohem Ausmaß beeinflusst von Instinkten und Trieben, die wir als ‚tierisch‘ bezeichnen würden, wir von Konrad Lorenz treffend beschrieben. Diese Grundlagen wirken hinein in das menschliche Verhalten und in die Sozietät, bis hinauf in Politik und Staatswesen, sodass auch in diesen Dimensionen evolutionsartige Mechanismen ablaufen, wie von Jablonka treffend charakterisiert. Wollen wir Christen realistisch sein, muss dies berücksichtigt werden, etwa durch das Konzept einer ‚Erblast‘. Die Heilige Schrift trägt dem Rechnung durch Aussagen wie „Der Gerechte fällt siebenmal am Tag“ (Spr 24, 15-16), „der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Mt 26,41) sowie „Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft im Streit liegt und mich gefangen hält im Gesetz der Sünde, von dem meine Glieder beherrscht werden“ (Röm 7,23) und „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Röm 7,19).
Die intellektuellen Leistungen der Sprache und Voraussicht sind per se wertneutral, können aber unterschiedlich motiviert sein und damit positiv oder negativ wirksam gemacht werden:

  1. Steuerung des Intellekts durch das evolutionär ererbte Inventar (eeI):
    Wird der Intellekt zur Verstärkung der Intentionen des eeI benutzt, befinden wir uns mitten in der vor- oder unchristlichen Welt. Vor und neben dem Christentum gibt es auch andere Religionen und ethische Wertesysteme mit ähnlichem Anspruch. Diese sind jeweils summarisch mit-gemeint, werden aber aus Gründen der Kürze nicht jedes Mal explizit genannt. Auch die Evangelien nehmen mehrfach darauf Bezug und beschreiben realistisch, was wir als ‚ungerecht‘ empfinden: Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32), der Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1–16
    ) und dem ungerechten Verwalter (Lk 16,1-13). Der Herr lobt den ungerechten Verwalter sogar: „Die Kinder dieser Welt sind oftmals klüger als die Kinder des Lichtes“. Hier erscheint Gott das „Getriebe dieser Welt“ und seine Auswirkungen als Faktum anzuerkennen. Auch seinen eigenen Sohn hat Gott genau in dieses Getriebe entsandt. Überlassen Menschen also dem eeI die Steuerung ihres Intellekts, dann steigern sie ihre ‚Effektivität‘ im Sinne der evolutionären Gesetze, zumeist mit wenig Rücksicht auf andere. Der Mensch ‚übertrifft‘ dabei alle anderen Lebewesen in Raffinesse und globaler Auswirkung, zumindest anscheinend und kurzfristig. Der evolutionär geerbte Drang zur Aggression nutzt den Intellekt als Hilfsmittel und regt ihn zu Höchstleistungen bei der Konstruktion möglichst effektiver Waffen an. Dies findet sich zugespitzt im Sprichwort „Der Krieg ist Vater aller Dinge“ (Heraklit von Ephesos), weiter)
    Jesus nahm, trotz menschlicher Todesangst am Ölberg, als ‚Mitglied der göttlichen Familie‘ gleichsam die Mitverantwortung für die gesellschaftlichen Folgen der Schöpfungsmethode ‚Evolution‘ auf sich und unterzog sich freiwillig einem ihrer schlimmsten Auswüchse: Die ungerechte Justiz einer korrupten, herrschende Klasse in Jerusalem sowie der Verrat durch die eigenen Freude kosteten ihn das Leben. Indem er dies freiwillig durchlitt, konnte er zeigen‚ ganz bei den Menschen zu sein‘, an deren Schicksal mitzuleiden (συμπαθεῖν, „sym-pathein“), Sympathie) und dadurch Trost zu spenden. In diesem Sinne sieht die Evolutionstheologie den Tod Jesu als Opfer für die Menschen und nicht nur als Sühne für deren Sünden oder als Wiedergutmachung gegenüber einem erzürnten Vater. Diese Deutung des Todes Jesu haben Kritiker der Erlösungslehre der konventionellen Theologie vielfach unterstellt, unter Bezugnahme auf den Römerbrief (Röm 3,1.24-25).
  2. Steuerung des Intellekts im Sinne christlicher Ethik:
    Der Intellekt kann aufgrund seiner Möglichkeit zur Voraussicht Handlungen erdenken, die für andere förderlich sind. Er kann aber auch solche identifizieren, die für andere oder sich selbst schädlich sind und beide im Voraus bewerten. Im Gegensatz zu Tieren verfügt der Mensch über die Vorab-Information der Konsequenzen und besitzt prinzipiell eine Wahlmöglichkeit. Wie frei diese ist, steht in Frage, insbesondere wenn der ständige Zug des eeI berücksichtigt wird: Wie frei ist ein Schwimmer gegen den Strom?
    Entscheidet ein Mensch sich gemäß christlicher Ethik, bedeutet das oftmals einen Kampf gegen das eeI , auch „fighting evolution“ genannt. Der Mensch entzieht sich dabei dem Sog der ererbten Neigungen, befreit sich aus deren Vorherrschaft. Es ist gleichsam eine ‚geistige Auferstehung‘, in der ein Mensch evolutionäre Mechanismen überwinden kann. Paulus nennt dies „den neuen Menschen anziehen“ (Eph 4,24).

Der Mensch kann seinen Intellekt also dazu benutzen, „als ‚Kind dieser Welt‘ jene evolutionären Mechanismen zu verstärken, die auf Kosten der Anderen gehen, wie Selektion, Unterdrücken der schwächeren und Krieg. Er kann aber auch die Kollateralschäden evolutionärer Vorgänge abschwächen, so durch Menschenrechte, ausgefeilte Rechtssysteme, Staatswesen, Caritas, etc.. Tut er letzteres, ist er aus dem Urgrund der Evolution „auferstanden“.
Immer wieder wurde darauf hingewiesen und auch in Modellrechnungen nachgebildet, dass die Evolution nicht nur blanken Egoismus positiv selektiert: Auch das vorchristlich-jüdische Paradigma „Aug‘ um Aug‘, Zahn um Zahn“ (
Exodus 21,23–25), sowie kooperative Mechanismen werden positiv selektiert. In diesem Sinne wäre die obige Darstellung abzuschwächen bzw. zu erweitern: Der kooperative Teil des eeI erscheint aus christlicher Sicht durchaus förderungswürdig. Allerdings gibt es auch fundierte Kritik, dass äußerlich beobachtbare Kooperationen oftmals in Wahrheit getarnten Gruppenegoismus darstellt. Eine solche Art von Kooperation gilt im christlichen Sinne keineswegs als ‚wertvoll‘, wie bei Matthäus explizit bewertet (Mt 5, 46-48). Einer genaueren Bewertung müssen auch jene Kooperationen unterzogen werden, die Harari als Grundlage der menschlichen Dominanz über alle anderen „Tierarten“ nennt, nämlich die Entwicklung allgemein verbindlicher Regeln und Mythen wie von Harari im „Homo Deus“ dargestellt. Diese können äußerst unterschiedliche Ergebnisse zeitigen: Sowohl die Erzeugung einer Atombombe – ebenso wie Sozialengagement, etwa das Heilige Experiment, beruhen laut Harari auf Kooperation auf Basis vereinbarter Regeln und Mythen (Wissenschaft bzw. Religion). Es hängt also vom Einzelfall ab, ob eine Kooperation eher zu negativen oder positiven Ergebnissen führt.

Auferstehung als Weitentwicklung und Überwindung der evolutionären Mechanismen

Fightung Evolution‘- hier als Terminus eingeführt, um die durch den Intellekt gesteuerten Bemühungen zu subsummieren, Kollateralschäden der evolutionären Mechanismen zu reduzieren bzw. zu vermeiden -  ist auf körperlicher Ebene durch Leistungen der Medizin schon vielfach gelungen. Sie ermöglicht eine ‚Auferstehung‘ als Ablösung von der Evolution, man denke an Blinddarmentzündung, Kaiserschnitt, Impfungen gegen tödliche Krankheiten, aber auch ‚Kleinigkeiten‘ wie Sehschwäche oder Mandelentzündung. Während in der ‚freien‘ Evolution - ohne die Medizin - Menschen mit diesen Problemen in den vergangenen Jahrtausenden verstarben bzw. lebenslang geschwächt waren, genießen sie durch das ‚fighting evolution‘ der heutigen Medizin ein weitgehend unbeeinträchtigtes Leben. Klar ist aber, dass das Ausschalten der Selektion über längere Zeit hinweg den Prozentsatz der Betroffenen vergrößern wird. Diese Sorge muss hintanstehen angesichts des moralischen Imperativs zur Hilfeleistung für den einzelnen Kranken, die im hippokratischer Eid beschworen wird.

Überwindung der Erblast der Evolution

Auf der Ebene der Verhaltensweisen und der Gesellschaft lieferte das Christentum, neben anderen Religionen, äußerst wichtige und wirksame Konzepte für eine Auferstehung aus der Evolution, sowohl in Form von Normen als auch durch Nächstenliebe und Caritas.

  1. Ein Teil der Gebote war durch Hygiene und Gesundheitsvorsorge begründet, wie sie schon seit dem Alten Testament bekannt waren. Heute würde man sie nicht mehr im religiöse Kontext motivieren, sondern durch Vernunftgründe. Weitere Normen etablierte das von konkreten Menschen (Kirchen) vertretene Christentum bis herauf in die Neuzeit sehr nachdrücklich mit Geboten und Verboten, beide unter Sanktionsdrohungen in Form zeitlicher und ewiger Sündenstrafen. Dies wurde scharf kritisiert, sowohl theologisch (‚negative Moral‘), psychologisch - züchten von Neurosen durch eine Ethik der Angst - als auch philosophisch. Die Sündenstrafen und die Hölle seien erfunden worden, um Menschen zu gängeln, in Abhängigkeit zu bringen und letztlich zu beherrschen. Man möge sich aber vorstellen, wieviel zusätzliche Verbrechen ohne diese vielgeschmähte ‚christliche Moral‘ verübt worden wären! Wären deren Folgen nicht wesentlich gravierender als jene beklagten Neurosen? Fraglos hatte aber diese Art von ‚christlicher Therapie‘ zur Gesundung der Gesellschaft auch negative Nebenwirkungen, wie jedes potente Medikament sie hat.
  2. Innerhalb der Kirche wurde die Emanzipation aus den Zwängen der Evolution am radikalsten durch Orden verwirklicht. Sie hatten sich vielfach ‚Abtöten‘ auf die Fahnen geschrieben, welches sich gegen zahlreiche ererbte Funktionalitäten richtete, insbesondere auch gegen die Fortpflanzung und die dahin führende Sexualität. Diese ist ja das Paradebeispiel eines ‚triebgesteuerten‘ Mechanismus, der zwar die aller wertvollsten Teile, nämlich die Nachkommen der Gesellschaft, massiv determiniert - ohne auch nur grundlegende Anforderungen intellektueller Voraussicht zu erfüllen. ‚Liebe macht blind‘ ist die Kurzform dafür. Dass Abtöten allein keine allgemeingültige Lösung sein kann, ist im Falle der Fortpflanzung evident. Abgesehen davon bedeuten Wege der Askese per definitionem eine bewusste Emanzipation aus evolutionären Zwängen. Luther hat es die „Freiheit eines Christenmenschen“ genannt, in Anlehnung an Paulus „Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm 8,2).
  3. Ein dritter ‚Auferstehungsmechanismus‘, der auch heute noch unisono geschätzt wird, war und ist das soziale Engagement der christlichen Kirchen. Es wurden, in reinster Nachfolge der Anweisungen Jesu, caritative Werke vollbracht – so etwa Häuser für Kranke und Aussätzige errichtet und betrieben. Aber auch Schulen wurden immer schon unter kirchlicher Ägide gegründet und betrieben, insbesondere durch Orden.

Weitere „Auferstehungs-Erfolge“ wurden in der neueren Zeit durch die Zivilgesellschaft geleistet - auf soziologischer Ebene, durch Aufklärung und durch die Psychologie.

Gesellschaftliche Entwicklungen

Auf politischer Ebene sind die Durchsetzung von Demokratie und Rechtsstaat Meilensteine der Auferstehung aus der Evolution: Nicht mehr die physische Gewalt Einzelner noch jene von Gruppen soll entscheiden, sondern Mehrheiten für die innerstaatlichen Belange und politische Verhandlungen zwischen den Staaten. Der Leser mag selbst beurteilen, wie weit diese Konzepte in der heutigen Welt schon funktionieren. Der Jesuitenstaat war ein bewegendes Beispiel. Mühsam wurde Vieles erreicht und auch wieder verloren, wie die Geschichte zeigt. Immerhin ist der letzte Weltkrieg, als Maximalversagen von Auferstehung, weniger als 80 Jahre her. In Europa herrscht momentan äußerer Frieden, aber die emotionalen Grundfunktionalitäten der Gehirne sind noch weitgehend dieselben wie vor 2000 Jahren. Intellektuelle Errungenschaften in Form von Rechtssystemen, die Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative, Soziologie, Psychologie und demokratischen Verfassungen haben in der westlichen Welt weitgehende Ruhe in das aktuellen Geschehen einkehren lassen. In den Kriegsgebieten der Welt ist die grundlegende psychische Befindlichkeit, die ‚Hardware der Gefühle‘ der Menschen auch keine andere als bei uns, und dennoch ist dort massives Leid allgegenwärtig, als Kollateralschaden evolutionär ererbter Verhaltensweisen.

Auferstehung aus der Evolution muss erarbeitet werden 

Die Fortschritte können auch wieder verloren gehen! Im steten Bemühen ist Christen Unterstützung durch den Heiligen Geist zugesagt. Dieser ist somit eigentlich ein ‚Ermöglicher‘ der Auferstehung aus der Evolution. Dieser Aspekt der Auferstehung soll nicht erst in einer fernen Zukunft wirksam werden, dieser ist auch nicht auf die Epoche nach dem Jüngsten Tag verschoben, sondern Christen können sie selbst erleben und durch eigenes Bemühen voranbringen: Durch ‚Anziehen des Neuen Menschen‘ in der ‚Erfüllung von Gottes Willen‘ kann jeder in gewissem Ausmaß den Himmel auf Erden erschaffen.
Das Vaterunser enthält eine Bitte diesbezüglich: „Erlöse uns von dem Bösen“: Dies kann verstanden werden als Bitte, die Menschen von den Auswirkungen jener Mechanismen zu befreien, die zu unserer Schöpfung durch Evolution nötig und erfolgreich waren! Denn hätten sich nicht jeweils die Stärkeren und Besseren auf Kosten der Schwächeren durchgesetzt, würden wir heute armselig dastehen. Heute sind diese Mechanismen vornehmlich Ballast und Ärgernis. Als Sinnbild kann der ‚Affe mit Handgranate in der Hand‘ gelten: Emotionen, die im Tierreich auf den Bäumen sinnvoll waren, stecken immer noch tief in uns heutigen Menschen. Dies erscheint brandgefährlich. Die Weiterentwicklung der Emotionen und ihrer Kontrolle konnte in keiner Weise schritthalten mit den rationalen Leistungen des Intellekts, etwa betreffend die Waffenentwicklung.
Quintessenz ist die evolutionär begründbare Diskrepanz zwischen tiefliegenden Funktionalitäten aus der evolutionären Vergangenheit, die ‚emotionale Hardware‘ und den jüngst seit 2000 Jahren hinzugefügten christlichen/ethischen Normen, die als ‚Software‘ verstanden werden können.

Schlussfolgerung

Zur Zeit Jesu erregte die Rede von einer leiblichen Auferstehung maximale Aufmerksamkeit. Für ein rational nicht erklärbares Geschehen gaben die Autoren der Evangelien eine durch Inspiration entstandene Erklärung, um die Wichtigkeit der christlichen Botschaft optimal zu unterstreichen. Der Glaubensinhalt der Auferstehung Jesu wird durch die Erzählungen vom leeren Grab und den Erscheinungen Jesu bestmöglich verstärkt und dargestellt. Mit dem damaligen Wissen hätte man die oben umrissenen, hinzukommenden evolutionären Zusammenhänge auch gar nicht verstehen können. Die leibliche Auferstehung bleibt dabei ein einzigartiger Vorgang und ist daher mit den Mitteln der Vernunft nicht erklärbar. Sie ist nur im Kontext des Glaubens verständlich.
Die Berichte im Neuen Testament deuten bereits an, dass die physische Identität des Auferstandenen für seine Umgebung nicht so ganz klar war. Er war nicht ad hoc und unzweifelhaft identifizierbar: Während einer langen Strecke gemeinsamen Gehens nach Emmaus erkannten seine Jünger ihn nicht als Jesus, erst am Abend dann, beim Brotbrechen (Lk 24,13–35). Von Thomas wurde der Auferstandene aufgefordert, die Wundmale zu zeigen, um seine Identität zu beweisen (Joh 20,19-31). Am See Genezareth erkennen Petrus, Thomas, Johannes und Jakobus ihn lange Zeit nicht, sondern erst als Jesus mit dem reichen Fischfang ein Wunder wirkt. In Jerusalem gibt sich der Auferstandene gleich von vornherein zu erkennen, indem er seine Wundmale zeigt. Bei diesem Auftritt folgte dann Jesu Auftrag an die Apostel für die Zeit, in der sie die Mission Jesu fortführen sollen. Im Evangelium von Johannes heißt es: „Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“ (Kap 20,21-23). Die Jünger anerkannten ihn als Auferstandenen auch an seinem mit Vollmacht ausgesprochenen Auftrag, an seinem ‚geistigen Nachlass‘: So wurde auch zu Jesu Himmelfahrt wörtlich formuliert, dass das Wesen des Auferstandenen in fortwährender geistiger Präsenz bestehe: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mk 28,20). Gemeint ist sein ‚geistiges‘ Dabeisein.
Die Jünger erkannten den Auferstandenen also nicht per se, sondern erst in bestimmten Zusammenhängen und an seinen Schlüsselworten. Und das ist genau, was auch die Evolutionstheologie vorschlägt, in einem neuen Rahmen, der aufgrund unseres heutigen Wissens um die Evolution hinzugefügt werden kann. Damals bestanden die relevanten Zusammenhänge aus direkt sichtbaren Zeichen, wie Wundmale, Segnung und Brotbrechen. Heute wissen wir, dass Details und Mechanismen der Evolution über mehrere Ebenen, nämlich Genom, Epigenom, Emotionen bis hinauf in soziale Beziehungen fortwirken. Dies eröffnet eine zusätzliche Interpretationsmöglichkeit: Viele Teile des evolutionär ererbten Inventars werden durch die alttestamentlichen Gebote und Jesu Lehre verurteilt (Dekalog, Ex 20,2–17, Bergpredigt Mt 5, 21-48) und konträre Positionen eingemahnt, so in den Seligpreisungen. (Mt 5, 1-12a), um ein neues Leben als Christ zu beginnen. Jeder Mensch, der diesen Anweisungen und Empfehlungen folgt, ist gleichsam aus dem Sumpf der ererbten Eigenschaften und Verhaltensweisen ‚auferstanden‘ und lebt hinfort in Christus.
Jesus selbst hat dies im Paradigma einer physischen Auferstehung vorgezeigt oder diese zumindest berichten lassen, um in der damaligen Zeit jenen starken Eindruck zu erwecken, der für eine Lebensumstellung, das Anziehen des neuen Menschen, notwendig war und ist.
Der Text im Glaubensbekenntnis „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ bedeutet in evolutionärer Auslegung, dass Jesus hinabgestiegen ist in die Welt der evolutionären Mechanismen, dorthin, wo alle Tiere noch immer sind und bleiben. „Auferstanden von den Toten“ bedeutet den gegenteiligen Vorgang. Jesus vollzog ihn physisch nach christlichem Glauben, und wir sind aufgefordert, diese Auferstehung durch Verhalten und Glaube zu entfalten.
Der katholische Liturgietext formuliert diese nicht vollkommen verstehbaren Vorgänge etwas verschleiernd als ‚Geheimnis des Glaubens‘: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“ Die nachfolgende Sendung des Heiligen Geistes passt perfekt zu dieser Interpretation, denn es geht um eine geistige Auferstehung, die für jeden Christen schwierig und langwierig ist, und nur durch weiteren geistigen Support bewältigt werden kann. Genau daran denken Christen zu Pfingsten, aber auch in jedem Moment, in dem sie schwierige Situationen in christlich-ethischem Sinne zu bewältigen versuchen.
„Lass uns nicht in Versuchung geraten“, heißt es folgerichtig in einer der neuen Versionen der 6. Vater-Unser-Bitte.

Sieg über den Tod – Überwindung der Erblast der Evolution

Die konventionelle und approbierte Deutung der Auferstehung Jesu stellt den ‚Sieg über den Tod‘ in den Vordergrund. Auch gläubigen Christen ist eine solche leibliche Auferstehung versprochen, für den jüngsten Tag. Jesus war gleichsam der erste Mensch, dem diese zuteilwurde. In evolutionärer Deutung bedeutet Auferstehung darüber hinaus die Überwindung der evolutionär ererbten, leidbringenden Mechanismen in Psyche und Gesellschaft, ein Sieg beim ‚fighting evolution‘ gleichsam. Man kann nun fragen, welche der beiden Deutungen gültig sein soll, falls man beide als ausschließende Alternativen sehen wollte. Im Grunde sind beide aber Deutungen verwandt, sie können zumindest so gesehen werden: Auch bei der konventionellen Deutung wird nicht nur der Tod per se überwunden, sondern auch jener menschlich-moralische Abgrund, der zum Tode Jesu geführt hat: Die korrupte Elite Israels hat Jesus zwar zu Tode gebracht, er jedoch ist auferstanden und hat damit diesen Mechanismus ‚überwunden‘. Genau darum geht es aber auch in der evolutionären Deutung, hier gibt es eine bedeutungsvolle Überschneidung.
Konventionelle und evolutionäre Deutung können also auch nebeneinander gesehen werden. Sie beleuchten unterschiedliche Aspekte ein- und desselben Phänomens, das in seiner Gesamtheit unsere intuitive Vorstellungskraft übersteigt. Wie auch sollen wir uns etwas realistisch vorstellen, das unseren Sinnen unzugänglich ist
und für das es in unserem Erleben kein Analogon gibt?

Duale Sicht des gleichen Sachverhalts: Die zwei Schöpfungsberichte

Die Physik kann hier zwei beispielhafte Analoga beisteuern, die den Vorteil haben, beim heutigen Wissenstand inhaltlich vollkommen geklärt zu sein: Die relativistische Addition von Geschwindigkeiten und der duale Charakter des Lichtes als Welle und Teilchen. Beide Beispiele zeigen Wirklichkeiten, die unserer Anschauung vollkommen zuwiderlaufen. Wir sind gezwungen anzuerkennen, dass unsere Anschauung zu kurz greift. Der duale Charakter des Lichtes zeigt zusätzlich, dass zwei anscheinend total widersprechende intuitive Anschauungen dennoch gleichzeitig gültig sein können.
Eine solche duale Sicht findet sich auch in der Heiligen Schrift durch zwei Schöpfungsberichte, die umgekehrte Reihenfolgen darstellen: In Genesis, Kap.1 beginnt die Schöpfung mit Himmel und Erde und endet beim Menschen. Diese Reihenfolge entspricht der evolutionären Sicht. Der zweite Schöpfungsbericht in Genesis Kap. 2 ab Vers 4 hingegen beginnt mit dem Menschen. Um ihn herum wird sodann der Garten Edens erschaffen. Aufgrund unseres heutigen Wissens konnte damit nicht jene physische Natur gemeint sein, die wir um uns herum vorfinden, denn diese war definitiv vor dem Menschen vorhanden. Sehr wohl aber passt die Beschreibung auf ein Paradies, das durch den Menschen zu erschaffen ist und daher erst nach seinem Auftreten entstehen kann. Es repräsentiert jenes Paradies, das durch Überwindung der evolutionären Erblast erzeugt werden kann, mit Gottes Hilfe und im Sinne der Botschaft Jesu. Gott als Schöpfer hat sich dazu eines Geschöpfs, nämlich des Menschen, bedient. Gesamthaft wären in dieser Deutung also zunächst die Evolutionsgesetze geschaffen worden, damit die Biosphäre ‚sich selbst machen konnte‘ (De Chardin). Anschließend lässt Gott sein Wort durch Jesus implementieren, quasi als Saatkorn, aus dem sich dann der neue Himmel auf Erden entwickeln kann. Der Sukkus aus alldem für die Frage der Auferstehung besteht darin, dass für ein komplexes Phänomen zwei unterschiedliche Deutungen nebeneinander existieren können, ohne einander auszuschließen: Physische Auferstehung wie auch Auferstehung durch Überwindung der Erblast. Christen könnten also beide Sichtweisen der Auferstehung in ihren Glauben integrieren.

Besonderer Dank gebührt Herrn Dr. Hubert Weber für inhaltliche Diskussionen, wertvolle theologische Hinweise und textliche Detaillierungen in diesem Artikel.

Link:
SCHREINER, W.; Göttliches Spiel / Evolutionstheologie, Holzhausen-Verlag Wien, 2013, 374 S. Die molekularen Vorgänge der Evolution werden analysiert im Hinblick auf eine Schöpfung durch Evolution. Neufassungen christlicher Glaubensinhalte werden vorgeschlagen, um bisherige Widersprüche zu beseitigen.

Leseempfehlungen:
ALBERTS, B., BRAY, D., HOPKIN, K., JOHNSON, A., LEWIS, J., RAFF, M., ROBERTS, K. & WALTER, P. 2005. Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie, Weinheim, Wiley-VCH
Alberts gibt didaktisch ausgezeichnet Einblick in die komplexen Zusammenhänge der Molekularbiologie. Seine Darstellung ist ein Standardwerk für den Einstieg in die Thematik.

STRACHAN, T. & READ, A. P. 2008. Human Molecular Genetics 3, New York, Garland Science
Strachan und Read behandeln molekulare Mechanismen im menschlichen Genom, relevant für Krankheiten, Veränderungen des menschlichen Erscheinungsbildes und Fragen der Evolution. Das Werk ist weiterführend, ausgehend von Alberts.

COLLINS, F. S. 2010. The language of life, New York, Harper Collins  
sowie COLLINS, F. S. 2011. Meine Gene - mein Leben, Heidelberg, Spektrum Akademischer Verlag
Collins leitete das Human Genome Project und ist damit einer der profiliertesten Naturwissenschaftler der Gegenwart. Gleichzeitig vertritt er als Christ seinen Glauben und behandelt insbesondere den Zusammenhang mit der Evolution: Gene werden durch Mutationen verändert, die - seiner Ansicht nach - für uns Menschen nur zufällig aussehen, in Wirklichkeit jedoch durch Gott gelenkt werden. Diese Sicht ist zwar nicht widerlegbar, jedoch heftigst umstritten.

JABLONKA, E. & LAMB, M. J. 2014. Evolution in Four Dimensions: Genetic, Epigenetic, Behavioral, and Symbolic Variation in the History of Life, Cambridge, Massachusetts, London, Bradford Book
Jablonka erläutert, dass Evolution auf mehreren Ebenen gleichzeitig abläuft: in der DNA, epigenetisch, in Verhaltensweisen und in Symbolen.
Danach werden physische, soziale und intellektuelle Paradigmen entlang ähnlicher Schemata entwickelt und sind gesamthaft - ineinander verwoben - zu sehen.

LEROI, A. M. 2004. Tanz der Gene: Von Zwittern, Zwergen und Zyklopen, München, Spektrum Akademischer Verlag
Im leicht lesbaren Stil eines Bestsellers gibt der Top-Forscher Leroi -Einblick in die Zusammenhänge zwischen Genom und äußerem Erscheinungsbild des Menschen und genombasierten Erkrankungen. Sehr empfehlenswert auch für Leser ohne naturwissenschaftliches Spezialwissen.  Sehr gut verständlich.

LORENZ, K. 2006. Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression, München,
Zahlreiche Verhaltensweisen, die beim Menschen als Böse gelten, finden sich bereits bei Tieren. Dort gelten sie jedoch nicht als Böse. Sie sind “Das sogenannte Böse”, das der Mensch als Erbstück von seinen tierischen Vorfahren mitbekommen hat.

LORENZ, K. 1973. Die Rückseite des Spiegels: Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens, München, Piper
Das Erkenntnisvermögen des Menschen hat sich nicht abstrakt entwickelt, sondern entlang all jener Wahrnehmungen, die im Laufe der Evolution gemacht werden konnten. Nicht nur die Sinnesorgane sind dadurch geformt, sondern auch das Denken. Es spiegelt die Umgebung ausgezeichnet und leistungsfähig wider, hat jedoch Schwierigkeiten mit vielem, das darüber hinaus geht.

  


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