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Nur Mut

Das Buch „Nur Mut“ von Stephan Sigg für Jugendliche ab 12 Jahren hat mich auf die Idee gebracht, einmal über den Mut nachzudenken, den Erwachse brauchen. Er sollte früh eingeübt werden.

Entscheidungen brauchen Mut

Wenn ich mutig bin, entscheide ich mich für „Etwas“. Ich traue mich, Neuland zu betreten oder Situationen anzugehen, in denen ich schlechte Erfahrungen gemacht habe. Mut hilft auch, eine Herausforderung zu akzeptieren und anzugehen, die sich mir bislang noch nicht gestellt hat. Mut brauche ich auch, um einen Konflikt anzusprechen, ins Flugzeug zu steigen, wenn ich Flugangst habe. Auch nach einem Autounfall sich wieder ans Steuer zu setzen und für viele andere Situationen gibt Mut erst die Kraft, damit fertig zu werden. Mut braucht mein Wollen, meine Entscheidung, mein Ja, denn mit dieser Entscheidung „ich will“ übernehme ich auch die Verantwortung und die Konsequenzen, die aus meiner Entscheidung entstehen. Ansonsten wäre mein Mut blauäugig, leichtsinnig, riskant und vielleicht sogar gefährlich.

Mut heißt „Hinstehen“

Wenn ich mutig auf etwas zugehe, das mir im ersten Moment Angst macht, überwinde ich eine Hürde. Es geht schon um etwas Wichtiges, wenn ich diese Hürde nehmen möchte z. B. für Klarheit zu sorgen, wenn es um die Wahrheit geht, die unter dem Tisch gehalten wird, Nein zu sagen, wenn es doch viel einfacher wäre, den Mund zu halten. Gegenüber mir selbst braucht es Mut, mich zu einem Fehler zu bekennen und diesen nicht Anderen oder den Umständen anzulasten.

Mut brauche ich täglich

Eigentlich passieren jeden Tag Dinge, für die ich Mut brauche. Es sind manchmal ganz banale Situationen z.B. wenn ich als Seniorin eine Buskarte am Automaten kaufen will und ich noch nie mit diesem Automaten zu tun hatte. Frage ich jemanden? Habe ich den Mut, mich mit meiner Frage zu outen, dass ich keine Ahnung habe? Es kostet Überwindung, eigene Schwächen zuzugeben.
Diese Überwindung an der Bushaltestelle, ist noch einfach, aber bringe ich es fertig, bei einem Fest, auf dem ich niemanden außer die Einladende kenne, auf andere Gäste zuzugehen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Oder bleibe ich als Mauerblümchen am Rande stehen und warte, dass mich jemand anspricht?
Noch existentieller: „Traue ich mich eine Wohnung zu kaufen? Ich habe ein bisschen Eigenkapital, aber den größten Anteil muss ich als Hypothek aufnehmen. Ich verschulde mich mit diesem Kauf auf viele Jahre.  Wird dieses Objekt mich in den Ruin stürzen? Die Angst kann mich nachts überfallen. Wenn ich die Entscheidung zum Kauf treffe, brauche ich einen klaren Blick, muss die Eventualitäten durchgehen, aber auch das Restrisiko akzeptieren, weil nichts bis zum glücklichen Ende planbar ist. Ich muss schon meine Angst zu scheitern überwinden. Dafür brauche ich Mut.

Konflikte auflösen

Eine besondere Form von Mut benötige ich, wenn ich einen schwelenden zwischenmenschlichen Konflikt ansprechen muss. Wenn ein Problem zwischen mir und einer anderen Person liegt, der nicht bearbeitet ist. Ich muss meine Angst überwinden, dass es womöglich nicht gut ausgeht, es noch schlimmer wird als vorher. Was ist, wenn der andere mein Problem nicht verstehen will? Dann ist die Gefahr groß, dass der Konflikt sich hochschaukelt? Ich befürchte, dass der oder die andere mich angreift, vielleicht sogar neu verletzt. Die Hoffnung, dass ich zu einem Ausgleich mit dem anderen komme, ist deshalb fraglich, weil im Konfliktfall nicht selten jeder auf seinem Recht besteht und weniger danach Ausschau hält, wie man zu einem gegenseitigen Verständnis, zu einer Lösung kommt, die beide mittragen können. Weil Konflikte als ein gefährliches Terrain erlebt werden, bleiben sie oft ungeklärt liegen. Mut zur Klärung ist gefragt.

Jede mutige Entscheidung, die gut ausgeht, macht mich auch stärker. Diese Stärke gibt mir dann für viele andere Lebenssituationen Handlungssicherheit. Ich brauche sie dringend, wenn ich in Krisen gerate, damit ich nicht kopflos reagiere.

In „Nur Mut“, machen die an junge Leser adressierten 14 Geschichten von Stephan Sigg stark. Jugendliche können sich in Situationen versetzen, die sie ähnlich auch aus dem eigenen Erleben kennen. Es geht um die Überwindung von Ängsten auf unterschiedlichen Ebenen, sich im Dunkeln auf den Weg machen, den Schrecken in der Nacht bei unheimlichen Geräuschen, nicht Nein sagen können, peinliche Situationen vor anderen aushalten, etc…Es sind Beispielgeschichten, die Jugendliche kennen, mit denen sie sich identifizieren und Anregungen für das eigene Handeln abschauen können.
Da spielt es eine große Rolle, ob ich zu mir und meiner Wahrheit stehe, ob andere mir den Rücken stärken, damit ich mutig auf etwas zugehen kann, ob ich aufgefangen werde, wenn ich überfordert bin, ob es auch Erwachsene gibt, die mich ernst nehmen und mir zuhören, ob ich Freunde habe, die zu mir stehen, wenn es kritisch wird.
Deutlich wird in den Geschichten, dass ich mir mehr zutrauen kann, wenn mein Umfeld  mir den Rücken stärkt, wenn ich sicher sein kann, dass die anderen zu mir stehen,  wenn etwas schief geht.
Jugendliche lernen durch die Überwindung ihrer Ängste mutiges Handeln, damit gewinnen sie auch die ersten Kompetenzen zur Entwicklung ihrer eigenen Resilienz, ihrer Belastbarkeit, die sie im Erwachsenenalter dringend brauchen, wenn sie in Problemsituationen oder Krisen geraten.

Ein aufmunterndes, leicht lesbares, lebendig erzähltes Buch, mit wertvollen Erkenntnissen und Tiefgang. Die Sprache ist der der Jugendlichen angeglichen, was es für Erwachsene beim Lesen nicht immer einfach macht. Ein Büchlein zum Verschenken. 

Nur Mut, 14 Geschichten, die stark machen von Stephan Sigg im Tyrolia Verlag

 

 

 

 

 

 

 


Kategorie: Verstehen

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