Religion und Gewalt; Raymond Schwager

Raymund Schwager war Theologieprofessor in Innsbruck. Er war Dogmatiker und hat eine Rehabilitierung des Dogmas auf den Weg gebracht. In seiner Werkausgabe beschäftigt sich der 5 Band mit dem Verhältnis von Gewalt und Religion. In der hier vorgestellten Buchbesprechung wird das Denken Schwagers in einen größeren Zusammenhang gestellt.

Vorstellung des Dogmatiker Raymond Schwager durch Ludger Verst:

Als der Schweizer Jesuit Raymund Schwager bei einer medizinischen Untersuchung 2004 im Alter von 69 Jahren überraschend starb, hinterließ er das unvollendete Manuskript eines Werkes, das ihn seit Mitte der 1990er Jahre intensiv beschäftigte. Die Pauschalkritik, das kirchliche Dogma sei seinem Wesen nach gewaltgenerierend, war für ihn die Herausforderung zu einem überaus umfangreichen Forschungsprogramm. Unter dem Titel „Dogma und dramatische Geschichte — Christologie im Kontext von Judentum, Islam und moderner Marktkultur“ liegt seit 2014 als Band 5 der Gesammelten Schriften Raymund Schwagers eine im Herder-Verlag erschienene Edition mit bislang unveröffentlichtem Material vor. In ihr geht es um nicht weniger als eine argumentative Rehabilitierung des kirchlichen Dogmas als einer seit langem fundamental in Frage gestellten theologischen Denkform. Um die Ambivalenz dogmatischer Formeln wissend, nimmt der bis zum Vorabend seines Todes in Innsbruck lehrende Dogmatikprofessor hier die Problematik der „Opferung Dritter“ für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft ins Visier, um Anhaltspunkte auch für die Aufarbeitung kirchlicher Konfliktgeschichte(n) zu gewinnen.

Ein theologisches Programm von enormer Aktualität

Als einer von wenigen Theologen hatte Schwager bereits in den frühen 1970er Jahren das Problemfeld von Religion und Gewalt als das zentrale religionspolitische und spirituelle Problem der Zukunft erkannt. Sein Engagement in der Friedensbewegung in der Zeit des Kalten Krieges war eng damit verbunden. Zugleich war er davon überzeugt, dass es gerade die dogmatisch verfasste Wahrheit sei, die gewaltmindernd, ja gewalttransformierend sein könne. Im Geschick Jesu deute sich der Inbegriff dessen an, was als existenzielle Wahrheit jenseits aller gewaltverhafteten Mechanismen menschlichen Zusammenlebens zu verstehen sei. Zur konkreten Ausdeutung eines derart verstandenen Geschicks Jesu verhalf Schwager die intensive Auseinandersetzung mit dem französischen Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologen und Religionsphilosophen René Girard. Abseits der seit Jahrzehnten vertrauten und ausgeleierten Muster der Säkularisierungsthese, aber auch abseits aller ressentimentgeladenen Reaktionen auf Säkularisierung versuchten beide, das schöpferische Potenzial von Religion für die Bewältigung der Krisen der Gegenwart neu zu entdecken und fruchtbar zu machen. Mit Hilfe umfassender vergleichender Studien zu mythischen Traditionen, zur griechischen Tragödie und zu zahlreichen anderen klassischen literarischen Werken hatte Girard eine kulturtheoretische Hypothese entwickelt, die den gesamten intellektuellen Diskurs der Nachkriegszeit auf den Kopf stellte. Er räumte der zunehmend marginalisierten Religion einen zentralen Platz im gesellschaftlichen Geschehen ein, sah in der archaischen Opferpraxis ein wirkungsvolles Mittel gegen die diffuse und scheinbar unkontrollierbare Aggressivität der Gruppe. Im Rahmen solcher Überlegungen erschien die Religion gerade nicht nur als das gesellschaftliche Gift, das schleunigst beseitigt gehöre, sondern als das entscheidende Gegengift gegen die Gifte der alltäglichen Aggression, der Rivalität und der diffusen Gewalt. Beiden – Girard und Schwager – war klar:

Religion hat in einer bestimmten Form die einzigartige Kraft, die Welt zu heilen.

Aus dieser Überzeugung resultiert ein theologisches Programm von verblüffender Aktualität. Mit Girard hatte nämlich Schwager früh erkannt, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen den archaischen Religionen und der biblischen Offenbarung gebe. Diese sei zwar strukturell ähnlich im gesellschaftlichen Geschehen positioniert — es habe sich hinreichend gezeigt, dass auch sakramentale Gemeinschaften Opfer verursachen —, die biblische Logik leiste aber gleichzeitig in grundstürzender Weise eine fundamentale Kritik an den lügnerischen und gewaltschwangeren Mechanismen menschlichen Miteinanders. Mit der von ihr grundgelegten Praxis einer umfassenden Versöhnung eröffne sie neue Wege zu einem gelingenden Zusammenleben trotz aller Abgründe von Hass und Gewalt.
Der von Józef Niewiadomski und Mathias Moosbrugger herausgegebene Band 5 dokumentiert diese Einsichten in erstmals zusammenhängender Form. Er verknüpft dogmengeschichtliche Rekonstruktionen Schwagers (S. 67-220) mit der spirituellen und kulturellen Wirkungsgeschichte der abendländischen Christologie (S. 221-319), um im dritten Kapitel in Auseinandersetzung mit der Säkularisierungsthese Elemente christlicher Geschichtstheologie zu entwickeln (S. 320-349). Ein Nachtrag von Wilhelm Guggenberger „Anmerkungen zu Raymund Schwagers fragmentarisch gebliebenen Ausführungen zu Islam, Gesellschaftsgeschichte und Wirtschaft“ (S. 405-425) schließt den Band ab. Der Editionsplan des österreichischen FWF-Forschungsprojekts sieht bis 2017 eine Erweiterung der Gesammelten Schriften Raymund Schwagers auf insgesamt acht Werke vor.

Die Kirchengeschichte zeigt: Es gibt „massive Grenzen in der kirchlichen Versöhnungsfähigkeit“.

Gerade weil (Offenbarungs-)Religionen mit universalem Geltungsanspruch heute heftige, teils auch berechtigte Kritik erfahren und auch das Lehramt der katholischen Kirche Anfragen an das Dogma lange Zeit zurückdrängte, überzeugt Schwagers theologischer Entwurf durch eine enge Anknüpfung an kirchengeschichtliche Konflikterfahrungen einerseits und eine kritische, dramatisch strukturierte Rationalität andererseits. Mit großer Klarheit werden die Ambivalenzen der altkirchlichen Dogmatisierungsprozesse, so zum Beispiel die Verfemung des Nestorius als Erzhäretiker und sein bis heute währender Ausschluss, als „massive Grenzen in der kirchlichen Versöhnungsfähigkeit“ (S. 219) veranschaulicht. Präzise weist Schwager nach, wie die Kirche in der Frage der Gewalt lediglich pragmatische Urteile gefällt habe, die vom jeweiligen Nutzen für die eigene Sache abhingen, obwohl sich im theologischen Ringen um die Gestalt Jesu Christi, der selber zum Opfer von Gewalt wurde, eine grundsätzliche Klärung dieser Frage aufgedrängt hätte: „Im Kontext der transhistorischen Erfahrung der Jagd auf Sündenböcke, die in den biblischen Büchern in einzigartiger Weise offengelegt wird, wird die Wahrheit Jesu als Aufdeckung der verschleierten Gewaltstrukturen, als Überwindung der Gewaltmechanismen und als Quelle des Lebens für alle artikuliert“ (22f.). So haben wir es in Dogma und dramatische Geschichte mit einer dialogisch ansetzenden Dogmatik zu tun, die ihre Positionen nicht oder zumindest nicht primär in objektivierenden Satzwahrheiten, sondern in sensiblen, den Andersdenkenden zu verstehen suchenden Kommunikationsprozessen gewinnt.

Ein radikal neuer soteriologischer Entwurf

Bereits in seiner ersten großen christologischen Arbeit „Jesus-Nachfolge“, die 1973 und damit vor der Begegnung mit Girard veröffentlicht worden war, hatte Schwager eine radikale Neudeutung des traditionellen Gottesbildes und des mit ihm verbundenen Erlösungsverständnisses skizziert. Der Gott, den Jesus als seinen Vater aufzeige, sei kein Staats- und Kultgott, kein Gott einer religiösen Tradition. Gerade von dieser Tradition werde Jesus wegen Gotteslästerung verurteilt. Jesus offenbare einen Gott, der nichts verkläre und dem Leben nichts von seiner Härte nehme. Durch die Begegnung mit Girard und durch ihren über Jahre geführten Dialog konnte Schwager seine frühen theologischen Intuitionen zu einem radikal neuen soteriologischen Entwurf ausbauen. In der Folgezeit verdichtete der Jesuit diesen Entwurf immer mehr zu einem systematisch kohärenten Modell von großer Erklärungskraft und spiritueller Tiefe, das als Dramatische Theologie inzwischen schulbildend geworden ist. Das Potenzial dieses Modells ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Ludger Verst ist Inhaber von INTERFAITH — Labor für soziale Kommunikation in Dreieich/Frankfurt. Neben seiner publizistischen Arbeit und Lehrtätigkeit ist Verst Schul- und Krisenseelsorger im Bistum Mainz.

Christologie im Kontext von Judentum, Islam und moderner Marktkultur
Raymund Schwager (Autor), Wilhelm Guggenberger (Herausgeber), Józef Niewiadomski (Herausgeber), Mathias Moosbrugger (Herausgeber)