Wir brauchen Gott: Warum Hedonismus kein Glück bringt

„Wohin bewegen wir uns?“ – So fragt Nietzsche nach dem Ausruf des Gottestodes. Diese Frage ist keine rhetorische, sondern eine todernste. Es zeigt sich, dass darauf geradezu zwangsläufig hedonistische Konzepte folgen, die aber das versprochene Glück nicht schaffen können.

Foto: Christian Schnaubelt

Foto: Geburtskirche Jesu in Bethlehem // hinsehen.net

Nacht und mehr Nacht

Was kommt nach dem Gottestod? Zunächst kommt, wie Nietzsche treffend analysiert: „Nacht und mehr Nacht“. Selbst am hellen Tag müssen Laternen angezündet werden, denn: „Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? […] Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“

Es gibt nach diesem „religiösen“ Gottesmord zunächst einmal keinen Trost und Nietzsche fragt daher verständlicherweise: „Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?“ – Nur wird der Mensch dies nie können. Wenn Gott als Lebensmittelpunkt, Grund und Ziel allen Daseins ermordet wurde, muss man mit etwas ganz Neuem beginnen.

„Die Große Gesundheit“

Die Therapie liegt nach „Nietzsche daher auch in einem völligen Neuanfang, den er „die große Gesundheit“ nennt:

Die große Gesundheit. – Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen, wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft – wir bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren, gewitzteren, zäheren, verwegneren, lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren. […] Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir niemanden überreden möchten, weil wir niemandem so leicht das Recht darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heißt ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit allem spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hieß; für den das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Wertmaß hat, bereits so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das Ideal eines menschlich-über menschlichen Wohlseins und Wohlwollens, das oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel wenn es sich neben den ganzen bisherigen Erden-Ernst, neben alle Art Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie deren leibhafteste, unfreiwillige Parodie hinstellt – und mit dem, trotzalledem, vielleicht der große Ernst erst anhebt, das eigentliche Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet, der Zeiger rückt, die Tragödie beginnt

Eine Tragödie ohne Ende…

Wie wahr: Die Tragödie beginnt. Denn dieses „Ideal eines menschlich-über menschlichen Wohlseins“ ist letztlich nichts als ein hedonistisches Unwohlsein. Was das bisher nebulöse Pathos konkret heißt, kommt in „Ecce homo“ zum Vorschein. Es geht um die Fokussierung auf „das Fleischliche“. Dies erläuert Nietzsche mit dem Ausdruck „Der heilige Geist des Lebens“.  Nietzsche sieht diesen Geist gleichsam als Antigeist zum Heiligen Geist des Neuen Testamentes. Während das biblisches Pneuma geistlich orientiert sei, sei der heilige Geist des Lebens die radikale Bejahung alles Geschlechtlichen und Fleischlichen: „Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff ‚unrein‘ ist das Verbrechen selbst am Leben, – ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens.“

Man kann den „heiligen Geist des Lebens“ als all das bezeichnen, was weltlich Lust verschafft, es ist also eine Theorie des Hedonismus. Bereits die Wüstenväter haben jedoch in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt durch ihre Lebenserfahrung gelernt, dass der Mensch eben nicht glücklich und frei, sondern gefangen wird, wenn er sich unter seine Begierden stellt. Wer die Begierden füttert, braucht wie bei Drogen immer mehr, um den gleichen Lusteffekt zu erhalten. Höher, schneller, weiter, mehr, mehr, mehr: Eine Tragödie in ewigen Akten. Da ist keine Hoffnung und keine Zuversicht, keine Freiheit und kein Ende. Dies führt entweder in die völlige Depression oder in den kalten Egoismus. Der Mensch ist nämlich kein reines Instinkt- und Triebwesen, kein nacktes Tier, das mit durch Nahrung, Sexualität und Gemeinschaft vollends erfüllt werden kann. Der Mensch ist auf Wahrheit, Sinn und Hingabe ausgerichtet.

Neu nach Gott fragen

Als transzendentes Wesen fragt der Mensch über sich selbst hinaus. Auch Nietzsche kommt davon nicht los. Der von ihm verkündete Tod Gottes ist zuerst, wie Bernhard Welte schreibt, eine analytische Anfrage an die Wirkmächtigkeit Gottes in seiner Zeit: „Diese geschichtliche Möglichkeit des Leer- und Totwerdens des Gedanken Gottes kann, wenn sie eingetreten ist, auch durch das nicht einfach aus der Welt geschafft werden, was als Gottesbeweis etwa formuliert werden kann und formuliert worden ist. […] Was von Nietzsche her in Frage steht, ist nicht deren logische Geltung, sondern deren geschichtliche Macht.“

Was Nietzsche mit dem Gottestod ausdrückt, ist eine Metapher für das radikale Ende alles Bisherigen und die Entscheidung für einen absoluten Neuanfang. Das bisher Geglaubte erwies sich für Nietzsche wohl als ohnmächtig, gleichgültig, nutzlos, morsch. So muss er neu nach dem fragen, was stärker ist und wirklich erlösen kann:

„Aber irgendwann, in einer stärkeren Zeit, als diese morsche, selbstzweiflerische Gegenwart ist, muß er uns doch kommen, der erlösende Mensch der großen Liebe und Verachtung, der schöpferische Geist, den seine drängende Kraft aus allem Abseits und Jenseits immer wieder wegtreibt, dessen Einsamkeit vom Volke mißverstanden wird, wie als ob sie eine Flucht vor der Wirklichkeit sei – während sie nur seine Versenkung, Vergrabung, Vertiefung in die Wirklichkeit ist, damit er einst aus ihr, wenn er wieder ans Licht kommt, die Erlösung dieser Wirklichkeit heimbringe: ihre Erlösung von dem Fluche, den das bisherige Ideal auf sie gelegt hat. Dieser Mensch der Zukunft, der uns ebenso vom bisherigen Ideal erlösen wird als von dem, was aus ihm wachsen mußte, vom großen Ekel, vom Willen zum Nichts, vom Nihilismus, dieser Glockenschlag des Mittags und der großen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückgibt [….] – er muß einst kommen“ (Zur Genealogie der Moral)

Die Frage und Sehnsucht nach Erlösung, nach dem wirklich Erfüllenden und Befreienden bleibt also. Nietzsche hofft, das er kommt. Damit ist er mitten im Evangelium: „Bist du der Kommende?“, lässt Johannes der Täufer im Gefängnis seine Jünger Jesus fragen. Und diese  Frage, voll Hoffnung und Zweifel, stellt Nietzsche in der Moderne auf seine Weise neu – aber nicht an Christus, wie der Kontext des Zitates zeigt, was hier aber nicht erwähnt werden kann. 

Die Frage danach, wer aus den ganzen existentiellen Ängsten erlösen kann, ist immer aktuell und wird besonders in der Not zur entscheidenden Frage. Es handelt sich dabei „um die ernsteste, die abendländischste, die menschlichste […], die es gibt […].“ (Welte) Niemand wird dieser Frage daher dauerhaft ausweichen können. Es bleibt nur zu hoffen, dass die richtige Antwort begegnet.

Josef Jung

Ein Gedanke zu “Wir brauchen Gott: Warum Hedonismus kein Glück bringt

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