Will Gott Gewalt?

Wie kann Gott Gewalt wollen? Die meisten Gläubigen sind überzeugt, dass Gott Gewalt nicht wollen kann. Aber nicht erst heute, sondern in der Geschichte wurde Religion mit Gewalt verknüpft.  Die Frage spitzt sich zu, wenn eine Religion Gott als Erlöser der Menschen verkündet. Bahnt dann Gewalt der Erlösung den Weg? Es ist im Kern nicht mehr eine politische, sondern eine religiöse Frage. Deshalb kann die Religion das Gewaltthematik nicht an die Politik weitergeben.
Eckhard Bieger

Das Böse

Foto: hinsehen.net

Wenn im Jahr 2017 ein Syrer mit seinen Komplizen vor Gericht steht, weil er den Tod vieler Menschen in der Düsseldorfer Altstadt geplant hatte, sich dann aber der Polizei stellte, dann kann man von einer religiösen Bekehrung sprechen. Er hat erkannt, dass Gott nicht wollen kann, was er vorhatte. In Düsseldorf sollten die Menschen durch Selbstmordattentate in Panik versetzt werden, um bei ihrer panischen Flucht aus den engen Gassen mit Maschinenpistolen umgebracht zu werden. Was kann das Motiv einer solchen Tat sein: Sollten die Menschen bestraft werden, weil sie das Kneipenviertel besucht haben oder sollte Angst verbreitet werden, um das westliche Gemeinwesen zu destabilisieren und damit seine Brüchigkeit zu erweisen? Eines wird deutlich: Die Frage nach der Gewalt ist auch im Islam nicht entschieden, denn das geplante Attentat unterblieb nicht wegen logistischer Schwierigkeiten oder weil die Polizei den Tätern zuvor kam, sondern wegen eines Sinneswandels.

Gewalt im Namen Gottes braucht Gewaltbereitschaft

Das Beispiel zeigt weiter, dass Gott nicht direkt mit Blitz und Donner eingreift, sondern Menschen beauftragen müsste, die in seinem Namen solche Gewalttaten planen. Sie müssen also den Willen Gottes erkannt haben, um diesen dann in einer Planung zu konkretisieren und  dann umzusetzen. Was sind die Kriterien, um eindeutig den Willen Gottes ausmachen zu können? Ist der Einsatz des eigenen Lebens mit der Zündung eines Sprengstoffgürtels der Beweis, dass der Betreffende im Namen Gottes handelt? Dann wäre er nicht bloß „Selbstmordattentäter“, sondern Märtyrer, also Glaubenszeuge. Im Begriff „Märtyrer“ zeigt sich die religiöse Bedeutung, die die Gesellschaft verstehen müsste. Bisher ist es den Attentätern und ihren Auftraggebern nicht gleungen, die Menschen im Westen von dem Gottesauftrag zu überzeugen, so dass nicht mehr von Selbstmordattentätern, sondern von Märtyrern gesprochen werden kann. Das war in Hamburg nicht so schwierig. Die Straßenkämpfe beim G20-Gipfel sind eindeutig politisch zu verstehen, auch wenn Freude an der Randale erst das Ausmaß der Unruhen erklären kann. Gilt das auch für diejenigen, die aus Europa aufbrechen, um für den IS zu kämpfen? Gehen sie aus religiösen Motiven in den Kampf? Wenn sie sich als Märtyrer verstehen, dann kann nicht länger sagen: „Das hat mit dem Islam nichts zu tun.“

Gewalt, um zu bekehren

Im Blick auf die Christentumsgeschichte des Abendlandes kann man sagen, dass gewaltsame Bekehrung nicht den Erfolg der christlichen Mission begründete, sondern der Universalismus dieser Religion, verbunden mit der kulturellen Überlegenheit. Die Götter der Germanen und der Slawen hatten jeweils nur regionale Bedeutung. Keiner der Stämme hätte die anderen von der Überlegenheit ihrer Gottheit überzeugen können. Die Taufe des Frankenkönigs Chlodwig war Voraussetzung für den weiteren Aufstieg des Frankenreiches, auch wenn dieser König viele Verwandte umbringen ließ, die ihm entsprechend dem fränkischen Erbrecht die Königswürde hätten streitig machen können. Der Krieg Karls .d.Gr. gegen die Sachsen galt in den ersten Jahren nicht deren Bekehrung, sondern sollte ihre Raubzüge ins Gebiet der Franken unterbinden. Diese Raubzüge lohnten sich deshalb, weil die Franken die römische Zivilisation und damit viele Annehmlichkeiten wie funktionierende Verkehrswege, eine Verwaltung sowie einen höheren Lebensstandard übernommen hatten. Die Sachsen wussten sich zu immer neuen Kämpfen zu organisieren und konnten deshalb militärisch nicht besiegt werden. Erst ihre Christianisierung mit der Gründung von Bistümern und Abteien zusammen mit deren Schulen und Kulturarbeit befriedete die Sachsen. Die Parallele zur heutigen Auseinandersetzung mit dem Islam legt die gleiche Strategie nahe. Planungen wie das Attentat in der Düsseldorfer Altstadt sind eine Frage der kulturellen und vor allem religiösen Bildung. Der Syrienkrieg zeigt: Man kann durch Gewalt kein Gemeinwesen mit Schulen, Rechtspflege, Gesundheitsdiensten aufbauen. Der Krieg geht ja deshalb weiter, weil keine der Kriegsparteien, auch die regierenden Alawiten, dem Land eine Ordnung geben können, die die Menschen in ihrer Heimat bleiben lässt. Der Westen könnte von Karl d.Gr. lernen, dass ein militärischer Sieg der Gewalt kein Ende setzt, sondern nur die Einsicht, dass der Krieg zuende gehen muss. Das schiitischen Persien wie das sunnitischen Saudi Arabien, die in Syrien einen Stellvertreterkrieg führen, müssten als erste zeigen, wie ein Staat auf der Basis des islamischen Wertesystems funktionieren kann. Es kommt bei der Bekehrung der Germanen ein zentrales religiöses Moment hinzu:

Der siegreiche Christus und der siegreiche Islam

Kulturelle Überlegenheit und der Universalismus einer Religion können ihre Ausbreitung erklären, aber es braucht auch ein Motiv in der Religion selbst. Warum die Germanen das Christentum übernommen haben, ist schwer zu eruieren, denn es gibt erst ab 1000 in der Edda eine Darstellung der germanischen religiösen Vorstellungen. In der isländischen Edda kommt uns eine düstere Welt entgegen. Die Götter werden von den Riesen bedroht und unterliegen diesen. Es könnte also sehr gut sein, dass der in seiner Auferstehung siegreiche Christus Licht in diese dunkle Welt gebracht hat. Welches Licht bringt der Islam in die westliche Welt. Warum verlangt er Unterwerfung und warum zeigt er einen Gott, der diejenigen mit dem Tod bestraft, der sich ihm gegenüber gleichgültig verhalten?

Die Kehrseite des Sieges: Der strafende Gott

Hat Gott sich als Befreier und Erlöser gezeigt, dann sind diejenigen auf dem falschen Weg, die diesem Gott nicht folgen. Noch mehr zugespitzt: Wer die Erlösung ausschlägt, die Gott großzügig anbietet, verwirkt sein Leben. Und versperrt nicht auch derjenige, der über Gott abfällig redet, den anderen den Zugang zu ihrer Begegnung mit Gott und damit zu ihrer Erlösung. Wer diese religiösen Motive übergeht, kann der religiös motivierten Gewalt auf der religiösen Ebene nicht antworten. Solange der Westen und seine Kirchen den Dialog auf der religiösen Ebene nicht einfordern, bleibt es bei dem Einsatz von Waffen und damit der Eskalation der Gewalt. Auch der christliche Antijudaismus hatte nicht nur bei Luther dieses Motiv. Die Juden hatten auch die durch die Reformation gereinigte christliche Botschaft abgelehnt. Es scheint nicht hinnehmbar, dass Menschen sich der Anerkennung dieses Angebotes verweigern. Nicht zu sündigen ist die größere Sünde, sondern die Vergebung der Sünde zu verweigern. Hier ist nur noch Verdammnis möglich. Diese Logik ist auch heute wirksam und muss thematisiert werden

Das Heil aller

Tareq Oubrou verknüpft die unaufhebbare Verbundenheit, ja Schicksalsgemeinschaft von Islam und Christentum mit dem universellen Heil, das diese gegenüber allen Menschen versprechen. Wenn die Muslime diese Überzeugung teilen, dann müssten sie auch eine Antwort auf die Frage finden, ob Gott tatsächlich den Tod der Besucher der Düsseldorfer Altstadt will, die ja als lange Theke des westlichen Ruhrgebietes gilt. Der geplante Anschlag hätte nur dann Sinn gemacht, wenn die Menschen der Verdammnis verfallen wären. Wenn diese Menschen, die umgekommen wären, aber gar nicht von Gott in die Verdammnis geschickt würden, dann müssten die Attentäter ihre Opfer im Himmel wieder treffen. Was würde aber dann passieren. Im Himmel müssten sie ja ohne Gewalt miteinander auskommen.

Es gibt zentrale religiöse Themen, die die Christen bei den Vertretern des Islam einfordern müssen. Sie könnten mit dem religiösen Dialog sehr viel zu einer Verständigung beitragen, die Gewalt dann auch religiös nicht nur ächtet, sondern in ihrer religiösen Dynamik auflöst. Die Muslime im Westen müssen schon allein deshalb an dem Dialog interessiert sein, weil die Attentate und nicht der Koran das Bild des Islam und damit sein Gottesbild vermitteln. Der Dialog muss erst richtig beginnen. Er wird den Westen über Jahrzehnte fordern.

Es braucht einen Islam, der sich auf die Moderne einlässt

3 Gedanken zu “Will Gott Gewalt?

  1. Gewalt kann auch als Mittel eigesetzt werden, ebenso, wie eine Blendgranate.
    Die Gründe von Gewalt können sehr vielseitig sein, oft dient sie, oder zumindest ihre Erscheinungsbilder als ein Mittel zum Zweck

  2. Pingback: Links: Religion (weekly) – MatthiasHeil.de

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