Entzug des Göttlichen

Bei einer Podiumsdiskussion warf ein Atheist einem Theologen vor, die Katholiken würden neben ihrer theologischen Argumentation gerne genauso die Gegenposition vertreten. Sie würden die Perspektive eines Ungläubigen annehmen und das trotzdem als Glauben definieren. Und der Theologe antwortete, er würde lieber mit Atheisten diskutieren als mit Christen, die stur ihren Glauben verteidigen wollen. Diese „frommen“ Christen freuen sich darüber, dass manche Zeitdiagnostiker von einer Rückkehr der Religionen sprechen. Und der kritische Theologe befürchtet, dass die angebliche Rückkehr der Religionen nur ein neuer Rückschritt ist.

Entzug des Göttlichen

D“rommen“ Christen freuen sich darüber, dass manche Zeitdiagnostiker von einer Rückkehr der Religionen sprechen. Und der kritische Theologe befürchtet, dass die angebliche Rückkehr der Religionen nur ein neuer Rückschritt ist. Das Christentum ist eine nichtreligiöse Weltanschauung, die Abschaffung oder Überwindung der Religion ist quasi der Kern des Christentums: „Das Christentum als Religion fällt für ihn [Nancy] gleichsam mit der Selbst-Dekonstruktion von Religion zusammen.“ Oder, um es mit Paulus zu formulieren: „Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.“ (Römer 13,8) Für viele ist es schwierig zu ertragen, dass die Forderung nach umfassender Liebe eine totale Öffnung einschließt. Der Film „Silence“ von Martin Scorsese hat diese Problematik zwar versucht, endete allerdings mit einer Auflösung, die diese Spannung wieder aufgehoben hat. Die Apologeten des Christentums argumentieren gegen atheistische Positionen, freuen sich, wenn der neue Atheismus, der sich auf Evolutionstheorien beruft, relativ leicht als eine Farce zu entlarven ist, doch möglicherweise haben selbst diese Atheisten mehr vom Christentum verstanden als ihre Verteidiger.

Die Dekonstruktion

„Indem Dekonstruktion somit eine dem Christentum wesentliche, reflexive Spannung darstellt, welche zugleich über es selbst hinausweist, lässt sich nach Nancy das Wesen des Christentums schließlich als Öffnung, als Ent>schließung< (déclosion) im Gegensatz zu einem abschießenden, dogmatischen Wesen fassen.“ Der Philosoph Jean-Luc Nancy hätte 2008 mit „Die Dekonstruktion des Christentums“ die kritische Öffentlichkeit erschüttern können. Eine allgemeine Diskussion hat dieses Buch jedoch nicht ausgelöst. Es ist daher erfreulich, dass aus einer interdisziplinären Tagung von Nachwuchswissenschaftlern ein Band mit fachlich unterschiedlichen Ansätzen vom Karl Alber Verlag publiziert wurde. Die Problematik der Vorstellung einer Selbstdekonstruktion des Christentums besteht darin, dass es sich hierbei nicht um eine religiöse Philosophie handelt und doch die Zusammenhänge von Gesellschaft und Christentum angegangen werden. Ein grundlegender Gedanke bei Nancy besteht darin, die säkulare Welt sich nicht doch wieder durch eine theologische Deutung anzueignen und umgekehrt religiöse Phänomene nicht in säkulare Sprache zu überführen. Kirchliche Bemühungen gehen oft dahin, in nichtreligiöser Sprache Gläubige gewinnen zu wollen oder Umfragen mit der Frage zu starten, warum jemand aus der Kirche ausgetreten oder ihr fernstehend sei, um aus den Ergebnissen dann passgenaue Angebote zu generieren. Solche Bemühungen lösen die Spannung auf, indem sie aus dem Glauben ein austauschbares Sinnangebot machen. Umgekehrt versuchen konservative Kreise, den Glauben zu einem geschlossenen System zu machen und mit apologetischen Angriffen die selbstkritische Öffnung zur Welt hin einzugrenzen.

Weder Atheismus noch Glaube

Nach der Lektüre von „Dekonstruktion des Christentums“ und „Entzug des Göttlichen“ wird der Leser, die Leserin vorsichtig sein, atheistische Positionen als Kampfansagen an das Christentum zu verstehen. Ebenso wird es schwer sein, Glauben einfachhin als eine subjektive Weltanschauung mit transzendenten Aspekten zu denken. Die ecclesia semper reformanda schließt eine selbstkritische und damit sich selbstauflösenkönnende Dynamik mit ein. Der Atheismus ist quasi notwendiges Element des Christentums und das nicht als ein methodisches Mittel.

Das Christentum hat nichts von einer Religion

Jean-Luc Nancy definiert das Christentum als eine Wendung des „Universellen“ und „Unendlichen“. Wie dies genauer zu verstehen ist, versuchen die Autoren in „Entzug des Göttlichen“. Es wird zunächst der Ansatz Nancys dargestellt. Anschließend werden verschiedene Aspekte dieser Philosophie erörtert: der transimmanente Sinn, das bleibende Erlösungsbedürfnis, die Vorstellung von Verkündigung, Gebet als Anbetung, Kirche als Gemeinschaft, das Verständnis von Körper, die Bedeutung von Ethik, die Anwesenheit der Abwesenheit. Gelungen ist an diesem Band, dass im Anschluss an die Aufsätze die Autoren Fragen an Jean-Luc Nancy stellen und dieser darauf antwortet. Dies dient als eine Art Zusammenfassung mit Pointierung und Ausblick.

Hoffnung

Im Buch selber ist zwar von Hoffnung nicht die Rede, doch stellt sie sich beim Lesen ein. Die Hoffnung darauf, dass das Christentum die Dimension der Autodestruktion erkennt und mit dieser reflexiven Spannung zum Verkünder einer „religionsfreien“ Welt wird. Die Bereitschaft, Religion aufgeben zu können und damit den Krieg der Religionen zu beenden, ist im Christentum angelegt. Glauben geht nur mit dieser Spannung. Und diese Aufgabe sollten die Christen annehmen.

Thomas Holtbernd

 

Literatur:

Friederike Rass, Anita Sophia Horn, Michael U. Braunschweig (Hg.), 2017. Entzug des Göttlichen. Interdisziplinäre Beiträge zu Jean-Luc Nancys Projekt einer >Dekonstruktion des Christentum<. Freiburg/München: Verlag Karl Alber. 24,99 Euro

 

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