Teilen, eine Dimension der Gerechtigkeit

Ellbogengesellschaft, Leistung muss sich lohnen, Sozialromantiker, verkaufsoffene Sonntage und viele andere Schlagwörter ließen sich anführen, die deutlich machen, dass es in unserer Gesellschaft vor allem um ökonomische Ziele geht und der Gedanke des Teilens eher den Naiven oder sogar Verlierern zugeordnet wird. Eine grundlegende Frage ist jedoch, ob das Teilen nicht eine positive Setzung ist, die eher die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens sein kann als die auf Wachstum fixierte Bestimmung des wirtschaftlichen Lebens.

Thomas Holtbernd

Fast jede Diskussion um wirtschaftliche Fragen endet mit dem Totschlagargument, dass es um Arbeitsplätze geht. Dagegen scheint jedes Argument unmoralisch zu sein. Allerdings kann man radikal zurückfragen, was Vollbeschäftigung bei gleichzeitiger Vernichtung von Menschenleben und ganzen Landstrichen für ein Gewicht hat. In Kroatien, Serbien und anderen ehemaligen Kriegsgebieten sind manche Buchten, Landstriche immer noch Schutzzonen. Das Betreten dieser Areale kann lange nach Kriegsende immer noch den Tod bedeuten. Schafe werden auf solche Gebiete getrieben, die dann die Tretminen zur Explosion bringen. Es kann nur als zynisch bezeichnet werden, wenn der Erhalt von Arbeitsplätzen damit aufgewogen wird. Peter Sloterdijk hat mit der „Kritik der zynischen Vernunft“ bereits in den 80ziger Jahren auf solche Argumentationsformen hingewiesen.

Voraussetzungen des Miteinanders

Das Argument, dass Arbeitsplätze gesichert würden, enthält eine Voraussetzung, die zutiefst negativ ist. Es geht nämlich davon aus, dass Arbeitnehmern ihr eigener Nutzen wichtiger sei als das Allgemeinwohl. Es wird gar nicht in Betracht gezogen, dass ein Arbeitssuchender andere Werte haben kann, dass es überhaupt andere Perspektiven geben könnte. Rüstung und Autoindustrie sind von einem typischen Lobbyistentum geprägt. Die Interessen dieser Gruppen werden zynisch mit angeblich ähnlichen Interessen der Arbeitnehmer verbunden. Das Menschenbild entspricht dem Motto „Der Mensch ist des Menschen Wolf“. Die Idee, dass ein Mensch Positives tun will, wird kategorisch ausgeschlossen. Das Argument von der Komplexität wird genutzt, um die „bösen“ Absichten als eigentlich wohlwollend zu deklarieren. Es wird als eine unzulässige Vereinfachung definiert, was das Benennen einseitiger Voraussetzungen ist. Verschwiegen wird, dass die Priorität Arbeitsplatz ein zutiefst negatives Bild vom Menschen voraussetzt und auch generiert.

Teilen als positive Kraft

Während das Argument Arbeitsplatz zur Voraussetzung hat, dass die eigenen Interessen im Vordergrund stehen und die Politiker oder Wirtschaftsfachleute scheinbar nur dem Nutzen des Einzelnen dienen, hat das Teilen eine positive Dimension. Dies ist nicht darin begründet, dass es moralisch gut sei, anderen etwas vom eigenen Reichtum abzugeben. Oft erscheint eine solche Art des Sponsorings oder Spendens wie eine Dispens. Dafür, dass jemand mit unlauteren Mitteln und auf Kosten anderer reich geworden ist, zahlt er einen kleinen Teil des Gewinns als Ablass. Teilen wird als moralische Tat definiert. Auch ein Robin Hood, der Gerechtigkeit durch den Raub bei den Reichen erreichen will, ist lediglich ein Moralist. Das Teilen kann jedoch als eine zutiefst menschliche Veranlagung verstanden werden. Eltern, die ihr Leben mit denen ihrer Kinder teilen, tun dies nicht aus moralischen Gründen.  Sie machen das einfach, weil es der menschlichen Natur entspricht. Bei Tieren ist es ebenso. Der Mensch ist in der Lage, diese ihm vorgebende Gabe zu reflektieren. Indem der Mensch teilt, setzt er ein Positivum. Es wird erfahrbar, dass andere dieser Veranlagung folgen und nicht von moralischen Forderungen motiviert sind. Moralische Forderungen sind bedingt, sie können diskutiert werden, man kann seine moralischen Einstellungen verändern. Ist das Teilen voraussetzungslos und naturgegeben, dann ist es unbedingt, es gibt über die Richtigkeit keinen Zweifel. Gleichzeitig setzt das Teilen jedoch eine positive Erfahrung. Das Teilen ist vom aktiven Part aus voraussetzungslos. Der Empfangene macht die Erfahrung, dass er ohne Ansprüche etwas erhält. Diesen Vorgang könnte man als einen unbewussten beschreiben. Der Mensch ist jedoch in der Lage, sein Verhalten zu reflektieren. Indem er das Teilen in sein Bewusstsein holt, bestimmt er gleichzeitig das Teilen als einen grundlegend positiven Aspekt des Miteinanders. Leitet er aus dieser Erfahrung moralische Konsequenzen oder Überzeugungen ab, so sind diese vom Wunsch um Erhalt oder Weiterentwicklung geprägt. Keineswegs stehen Verbote oder Regeln im Vordergrund, die den animalischen Charakter des Menschen unter Kontrolle halten sollen.

 

Zum Thema Teilen findet vom 07.10.2017 bis zum 08.10.2017 ein Symposion in Essen statt. Sie interessieren sich: hier die Mailadresse von Thomas Holtbernd: holtbernd(a)t-online.de

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