Korrektur auf dem Gepäckträger

Zen und die Kunst des Bogenschießens fahrradfahrenderweise am Beispiel einer Begegnung zwischen Henry Miller und Thomas Bernhard

Thomas Holtbernd

Foto: hinsehen.net

Ein Maitag lockte mich, der gerade den Schlauch seines Fahrrads geflickt hatte, in die Natur, oder einfach nur hinaus in eine Bewegung. „Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich.“ (Voltaire) Also packte ich ein Buch, „Korrektur“ von Thomas Bernhard, klemmte es auf den Gepäckträger meines Fahrrads, eine Korrektur dort, wo ich sonst Lasten, wenn auch nur kleine, transportierte. Die Korrektur als Gepäck. Ich saß auf meinem Drahtesel, mit der Korrektur beladen, die ich in irgendeiner Lichtung lesen wollte. Zunächst jedoch fuhr ich, besser ich trampelte, bewegte mich fort, brachte mich mit eigener Kraft nach vorne, wo auch immer dieses Vorne sein möge. Das war die Korrektur, die ich begriff, Radfahren als Fort-Bewegung, als Ruhelosigkeit, als schweigendes Bewegen, das schneller ist als das Gehen, welches wiederum mit dem Denken standhält. Gehen und Denken. Wie heißt es doch bei Thomas Bernhard? Gehen, „Es ist ein ständiges zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Kopfes Denken und zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Hirns Empfinden und zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Charakters Hinundhergezogenwerden.“

Das Fahrradfahren als Schutz vor dem Verrücktwerden oder anders, das fiel mir nun fahrradfahrend ein, das Radeln als literarische Fortbewegung.

Es ist schneller als das Gehen und holt das Denken ein, wird damit das Denken übersteigend literarisch. Aber nicht nur dieses, ich sah vor meinen inneren Augen Thomas Bernhard und Henry Miller nebeneinander durch das Münsterland radeln, beide schweigend, sich schon ausdenkend, meditativ erkundend, was der eine dem anderen übers Fahrradfahren erzählen werde. Über das Schweigen lässt sich nicht berichten, so Bernhard, alles Schweigen bringt dem dies Erlebenden zum Erzählen. Ja, so Miller, deshalb mein bester Freund, „Ob man es glaubt oder nicht, das war mein Fahrrad.“ Mein Fahrrad, so Bernhard Miller jetzt in einem Gartencafé gegenübersitzend, war der erste Versuch, ins freie Leben vorzudringen, eigene Wege zu gehen bzw. zu radeln, mein erster Weg, sagte Miller, so du, an Bernhard gerichtet, war ein gescheiterter, das Ziel, jetzt Bernhard, hatte ich nicht erreicht, musste umkehren, dann gar nicht so plötzlich, wurde zu einer Entziehung, „Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung“, und du, so Miller, entzogst dich in die Lehrjahre im Keller. Bewegung, so Bernhard, ist das, was uns verbindet, Fortbewegung auf dem Fahrrad. „Alles ist unregelmäßige und ständige Bewegung, ohne Führung und ohne Ziel.“ (Montaigne)

Meine erste Liebe, jetzt Miller, brachte mich in Bewegung, es war nichts mehr als Radfahren. Ich führte stumme Gespräche mit ihm. Aber nun, jetzt Bernhard, kehren wir an den Anfang zurück, Radfahren ist anders als Gehen, da musst du schon aufpassen, wenn du nicht stürzen willst. Komplizierte Gedankengänge, jetzt Miller, werden durchbrochen von der Notwendigkeit, sich im Gleichgewicht zu halten.

Vor meinen Augen verschwanden die beiden Radler, Bäume sah ich und den Weg. Was war nun das Radfahren für die Literatur? Es ist, so dachte ich, der Haltegriff des ständigen Wechsels, das Bleibende in der fortwährenden Bewegung, das Lachen des Geschichtenzerstörers, die Aufmerksamkeit, um nicht zu fallen. In einer Zeit, da die Fortbewegung motorisiert ist, wird die Fortbewegung einfach nur als Fortbewegung durch eigene Kraft beim Fahrradfahren spürbar, und was ist Literatur anderes als eine Bewegung aus eigener Kraft? Eine Bewegung, die um ihrer selbst willen inszeniert wird und gleichzeitig nach einem Gleichgewicht verlangt. Eine Fortbewegung ohne Stereoanlage, ohne Verkehrsfunk, eine Fortbewegung, die man schweigend ausübt und damit zum Erzählen bewegt. Ob aber nun das Radfahren bei Bernhard und Miller nur ein zufälliges ist oder ob es für Literaturschreibende notwendig sei und ob das Fahrradfahren durch eine ähnliche Tätigkeit ersetzbar sei, das muss als Frage bleiben.

(bereits veröffentlich in Ulcus Molle 4/6 1988)

 

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