Muss man jetzt Atheist sein? – Die Thesen von Michel Onfray

Der populäre französische Philosoph Michel Onfray ist seit Jahren mit einem areligiösen Alternativprogramm unterwegs. In Caen gründete er eine Art „Universität für alle“, die „Université Populaire“, in der eine eine säkulare Philosophie als neue Gegentheologie verkündet. Er sieht den Atheismus als große Befreiung und Menschwerdung an. Sind seine Thesen überzeugend?

Aufklärung statt Religion

„Der Obskurantismus – der Humus der Religionen – steht im Gegensatz zur rationalistischen Tradition der westlichen Welt, wo der rechte Gebrauch des eigenen Verstandes, die Lenkung des Geistes nach den Regeln der Vernunft, die Entwicklung einer wahrhaft kritischen Haltung, die generelle Aktivierung der Intelligenz und das Bemühen um eine in sich schlüssige Argumentation genug Möglichkeiten bieten, um die Gespenster zurückdrängen zu können. Deshalb also eine Rückbesinnung auf den Geist der Aufklärung, die dem 18. Jahrhundert ihren Namen gegeben hat.“ – M. Onfray

Mit diesen Worten beschreibt Onfray zu Beginn eines Buches sein Programm: Aufklärung statt Religion. Wo Religion finster sei, sei Aufklärung hell, wo Religion krank, Aufklärung gesund usw. Es ist das typische moderne Narrativ, das in der Postmoderne eigentlich als überholt gilt, weiß man doch um die Dialektik der Aufklärung und die große Gleichgültigkeit gegenüber allen Überzeugungen. Onfray ist, insofern er auf die Aufklärung rekurriert, ein konservativer atheistischer Denker, was er nur untermauert, indem er „Feuerbach, Nietzsche, Marx, Freud“ als Vertreter der Aufklärung nennt. Allesamt Denker der Vor-Postmoderne.  Damit kann man aber heute niemanden mehr begeistern, denn die Heilsgeschichte der Moderne ist gescheitert. Keine immanentistische Philosophie hat es geschafft, den Menschen wirklich frei und glücklich zu machen, denn die Schwäche des Menschen bleibt bestehen. Stattdessen sind neue totalitäre Systeme geschaffen wurden: Nationalismus, Kommunismus, Konsumismus. Onfray muss sich am postmodernen Denken ausrichten, wenn er Anhänger finden will, er muss sich an Bedürfnissen und Hedonismus ausrichten, nicht an Ideologien. Zu seinem eigenen Nutzen tut er das auch:

Der postmoderne Atheismus

„Der postmoderne Atheismus schafft beim Aufbau seiner Moral sowohl den theologischen als auch den wissenschaftlichen Bezug ab. Es geht nicht mehr um Gott, die Wissenschaft, den verstandesmäßig erfaßbaren Himmel, die Zusammenstellung mathematischer Lehrsätze, nicht mehr um Thomas von Aquin, Auguste Comte oder Karl Marx, sondern um die Philosophie, die Vernunft, den Nutzen, den Pragmatismus und den individuellen und sozialen Hedonismus. Alles Aufforderungen, um auf dem Gebiet der reinen Immananz etwas zu entwickeln, und zwar unter der Obhut der Menschen, für sie und durch sie, und nicht für Gott und durch Gott.“ – M. Onfray

Hier also ist ein Programm, das zeitgemäß ist: Säkularhumanismus und Säkularhedonismus: für den Menschen, für die Lust. Was richtig und falsch ist, macht Onfray davon abhängig ob es es „nützlich und für das Glück der meisten Menschen entscheidend“ ist. Es geht ihm um einen „hedonistische[n] Vertrag“, der der menschlichen Natur entspreche.

Die Frage nach der Anthropologie

Onfrays säkularhedonistischer Ansatz ist zeitgemäß und anziehend, weil er sehr zur Postmoderne passt. Die Frage ist, ob er Recht hat mit der Behauptung, dass Hedonismus der menschlichen Natur mehr entspricht als andere Konzepte. Wird denn der Mensch glücklich, wenn er alle seine Leidenschaften, Laster und Lüste auslebt? Ist das die höchte Freiheit und das höchste Glück des Menschen? Onfray macht mit seiner bitteren und zynischen Religionsablehnung, die sein ganzes Buch durchzieht, deutlich, dass er eigentlich keine frohe Botschaft des Säkularhedonismus verkündet, sondern vom Christentum enttäuscht ist und dessen Heilsgeschichte nicht mehr glaubt. Er gibt konsequenterweise zu, dass es in seinem Konzept kein ewiges Heil, keine letzte Gerechtigkeit und keinen letzten Seelenfrieden geben kann. Wie Nietzsche hat der Gottestod immer eine Dunkelheit, die es auszuhalten und zu akzeptieren gilt, will man im Atheismus sein Glück finden. Für Onfray gibt es nur einen guten Weg: den des Hedonismus. Aber er bleibt dabei in der Absurdität, denn in seiner naturalistischen Welt, der blinden Materie gibt es letztlich keine Gerechtigkeit, keinen Sinn und keine Hoffnung. Was soll daran befreiend sein?

Josef Jung

Literatur:

Onfray, Michael, Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muß, München/Zürich 42006.

4 Gedanken zu “Muss man jetzt Atheist sein? – Die Thesen von Michel Onfray

  1. Dieser hedonistische Atheismus stellt den Fortbestand der Menschheit infrage, da er keine Verantwortung für die Mitmenschen und die Zukunft übernimmt. Er ist nur an den Interessen des jeweiligen Individuums, auch gerne auf Kosten anderer interessiert.
    In meinen Augen ist er die gefährlichste Weltanschauung überhaupt! Sie in die Schranken zu weisen, sollte jetzt die Aufgabe aller Menschen sein und nicht erst die Aufgabe des Weltenrichters am jüngsten Gericht!
    Wer diese Ideen ernsthaft vertritt, ist , solange er dies tut, gemeingefährlich und kann sich nicht auf Meinungs- und Religionsfreiheit berufen, denn sie/er verleugnet die Grundrechte, wie sie im Grundgesetz niedergeschrieben sind.

  2. Sehr lesenswert wie immer, was Josef Jung schreibt. In ein paar Punkten melde ich mal Widerspruch an:
    Dieser Satz: „Es ist das typische moderne Narrativ, das in der Postmoderne eigentlich als überholt gilt“: Ich wüsste nicht, was die Postmoderne überholt hat. Die Dialektik der Aufklärung, so wie Horkheimer/Adorno das schreiben ist ja keine Antiaufklärung; davon abgesehen, dass der Typus dieses Textes wieder eher Richtung Erzählung ist, sondern zeigt halt die Schwierigkeit und Begrenzung der Aufklärung, und dass man die Aufklärung nicht absolut setzen soll.

    Dieser Rekurs oder Flucht vieler Kirchen(naher) in die Postmoderne – ich will jetzt gar nicht soweit gehen, wie manche Theologen damals vor gut zwanzig Jahren als ich Theologie studierte und der Postmoderne da eine Nähe zum Antichristlichen oder Faschismus zu unterstellen – das kann nicht die Lösung sein. Die Postmoderne bietet dafür zu wenig und ein Glaube der sich da auf die Postmoderne gegen die Moderne beruft erfüllt solche Dinge, wie sie 1 Petr 3,15 fordert, nicht.
    BTW: Mir ist schon bewusst, dass Zur Zeit mancher der Theologen an eine solche Lösung glaubt; so ist zumindest der Eindruck, den ich jetzt wieder beim Studium gewinne

  3. Pingback: Links: Religion (weekly) – MatthiasHeil.de

  4. das Pech (?) des Bastards…
    der Hundebastard „mendelt“ zurück zum Wolf.
    Gleichermassen der Bastard Mensch, der zum Faustkeil-Primaten zurückmendelt, so man ihn denn- frei hedonistisch- die Rolle rückwärts ( : ohne Gott -) machen lässt.

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