Im Paradies fließt auch für Muslime der Wein

In vom Islam geprägten Ländern vermutet der Reisende nicht, dass er auf eine blühende Weinkultur trifft. Der Alkohol ist in muslimischen Ländern verboten und doch werden zum Beispiel in Kappadokien hervorragende Weine produziert und längst zählen einige türkische Weine zur Weltklasse. Zwar besteht bei wiederholtem Alkoholkonsum im Iran die Todesstrafe, doch das Alkoholverbot hat sich im Islam nicht wirklich durchgesetzt. Dionysos, der Gott der ungestümen Lebensfreude, erweist sich als stärker. Verbote, Vorsichtsmaßnahmen können die Sehnsucht des Menschen nach Rausch und Lust nicht verhindern.

Thomas Holtbernd

Im Koran findet sich Sure 16, Vers 67: „Und von der  Frucht der Palmbäume und den Weintrauben erhaltet ihr berauschende Getränke und auch gute Nahrung. Auch hierin liegt ein Zeichen für verständige Menschen.“ In Sure 5, Vers 91 heißt es jedoch: „O Gläubige, der Wein, das Spiel, Bilder und Loswerfen sind verabscheuungswürdig und ein Werk des Satans; vermeidet sie, damit es euch wohl ergehe.“ Sure 4, Vers 44 scheint den Hinweis darauf zu geben, dass das Zuviel gemeint ist: „O Gläubige, betet nicht in Trunkenheit, sondern erst bis ihr wieder wisst, was ihr redet,…“ Und sicher ist wohl, dass im Paradies reichlich Wein fließen wird: „So seht das Bild des Paradieses, das den Gottesfürchtigen verheißen ist: In diesem fließen Ströme von Wasser, das nie verdirbt; Ströme von Milch, deren Geschmack sich nie ändert; Ströme von Wein, lieblich für die Trinkenden; auch Ströme von gereinigtem Honig.“ (Sure 47, Vers 16) Die Exegeten streiten sich, wie diese Verse zu interpretieren seien und ob sich aus dem Koran ein Alkoholverbot tatsächlich ableiten lässt. Und dann gibt es noch die Anekdote von den Männern, die sich in illustrer Runde über Sexpraktiken unterhielten und einer in Rage geriet, weil er meinte, einen anderen des Beischlafs mit seiner Frau überführt zu haben. Es kam zur Prügelei. Da die Männer sturzbetrunken waren und der Prophet das böse Ende dem Alkohol zuschrieb, soll er das Alkoholverbot angeordnet haben. Wie dem auch sei, wirklich eindeutig scheint das Alkoholverbot im Islam nicht zu sein. Und die Wirklichkeit in muslimisch geprägten Gesellschaften ist noch einmal anders.

Foto: Th.Holtbernd

Die Traube wird nicht nur zur Rosine

Die Türkei könnte als das Ursprungsland für den Weinanbau betrachtet werden. Hier landete auf dem Berg Ararat Noach mit seiner Arche und begann mit dem Weinanbau. Das erste Ergebnis dieser Bemühungen war der Vollrausch Noahs. Jahwe fand das wohl weniger schlimm. Als eine nicht akzeptable Tat wurde das Tun Hams geahndet, der seinen Vater, der sich betrunken entblößt hatte, nicht bedeckte, sondern draußen den Brüdern davon erzählte. In der Türkei wird seit Noachs Zeiten sehr viel Wein angebaut. Davon wird jedoch der größte Anteil zu Rosinen oder Korinthen verarbeitet. Aber es wird eben auch Wein produziert.

Die Alltäglichkeit

Streift man durch Städte in Kappadokien, sind Weinlokale eine scheinbare völlig normale Angelegenheit. Weingüter erfreuen sich zahlreicher Besucher, werden von Schulklassen besucht und Touristen steuern diese Lokalitäten zielstrebig an. Die Weine, die man zum Beispiel bei  Turasan in Ürgüp verkosten und erwerben kann, sind für deutsche Verhältnisse recht preiswert. Die Qualität ist bestens, die Aromen sind manchmal etwas ungewohnt, weil autochthone, ortseigene Reben angebaut werden, die für an Riesling, Silvaner, Spätburgunder gewöhnte Weintrinker ungewohnt sind. Eine der bekanntesten Sorten ist das „Ochsenauge“. Zwischen 600 und 1200 autochthone Rebsorten soll es in der Türkei geben. Die Mitarbeiter in den Weinkellereien verhalten sich ein wenig anders als üblich. Sie erläutern weniger die Aromen, den Ausbau usw., stattdessen wird betont, welche Preise man bei internationalen Verkostungen erlangt hat. Etwas irritiert kostet man die Weine und ist begeistert. Der Wein schmeckt exzellent und kein Imam hebt mahnend den Zeigefinger. Nur wenn der Muezzin ruft, stellt man das Glas kurz ab. In einer Cocktailbar mit großem zur Stadt hin offenen Garten in Göreme ertönt westliche Rockmusik, feinster Jazz und der Kuba libre wird zwar in einem Martiniglas serviert, doch der Comandante scheint anwesend zu sein. Ertönt der Ruf des Muezzins, wird für kurze Zeit die Musik ausgestellt. Dieser Respekt wird den Gläubigen gezollt und danach geht es ganz normal mit der nächsten Cocktailrunde weiter. Im Ramadan zeigt man seinen Respekt, indem man in der Öffentlichkeit weder trinkt noch isst. Die Lokale allerdings sind geöffnet und offerieren ihre Speisen und Getränke.

Nicht nur Wein

In Göreme wird man auf der Suche nach guter Musik von lauten Klängen aus einem Shop angezogen. Dort gibt es erstklassigen Jazz und der Besitzer spielt seine Auswahl vor. Gar nicht nebenbei bemerkt er, dass diese CD Raki-Musik sei. Und man ahnt: Bei dieser Musik bleibt es nicht bei einem Glas. Kauft man dann einen feineren Raki, der schon Kosten von 34 Euro verursacht, dann schwelgt man dahin, weich und milchig trüb im Glas ist es ein Genuss, der so gar nicht zu den Vorstellungen über ein muslimisches Alkoholverbot passen will. Vielleicht schmeckt dieser Trank gerade deshalb so besonders gut, weil er verboten ist.

Der Widerspruch

Die Begegnung mit dem Alkoholverbot im Islam und der Wirklichkeit führt zu dem Schluss, dass sich das Gute durchsetzt. Der Rausch als Lebensfreude und Aufbrechen enger Fesseln ist dem Menschen und vielleicht auch den Tieren eigen. Die Loslösung aus der vorgegebenen Ordnung kann zum Genuss führen, der die Grenzen erweitert, und erahnen lässt, wie das Schöne mit dem Guten verbunden ist.

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