Die Klugheit und die Eule

Die Eule kann man nur selten sehen, denn dieser Vogel ist nachtaktiv. Im alten Athen gab es überall Eulenbilder und –statuen zur Ehre der Göttin Athene, denn der Kauz war das Begleittier dieser Göttin. Die Eule galt als klug oder weise. Es mag daran gelegen haben, dass ihr Blick ruhig und durchdringend erscheint. Doch genauso sah man auch bereits im alten Athen die Eule als einen Unglücksboten. In Indien galt die Eule als dumm und gar als Schimpfwort im Sinne von ‚Idiot‘. Solche verschiedenen Bedeutungszuschreibungen sind ein Hinweis darauf, dass der Mensch Eigenarten auf ein Objekt projizieren möchte. Was verändert sich an diesem „Verfahren“, wenn die Zahl der Bilder unüberschaubar und auf ihren Informationswert beschränkt werden?

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Bild: hinsehen.net

 

Kultur und Bedeutung

Bestimmte Wesen, Tiere, Objekte haben in unserer Kultur eine ganz bestimmte Zuschreibung. Was eine dumme Kuh, ein dummes Kamel, eine blöde Gans, ein blöder Esel, eine schlaue Schlange u. ä. sind, scheint jeder zu wissen. Es scheint irgendwie aus dem Objekt selbst entnommen zu sein, welche Bedeutung man ihm zuschreibt. Im Vergleich über die Kulturen hinweg stellt man dann fest, dass in der Wüste von ihren Bewohnern zum Beispiel das Kamel für schlau gehalten wird. Dass also die Bedeutung im Kamel eindeutig zu erkennen sei, kann hiermit als widerlegt gelten. Die Lebensbedingungen, die Religion, die Gesellschaftsform und andere Einflussfaktoren dürften eher ausschlaggebend für das sein, was man in einem Objekt sehen will. Auch die Annahme von Archetypen, wie sie C. G. Jung annahm, ist keine objektive Feststellung.

Bilderwelten

Die Frühgeschichte der menschlichen Kultur ist eng verbunden mit den Höhlenmalereien, die möglicherweise einen rituellen Charakter hatten. Mit den Bildern versuchten die Höhlenbewohner an einer Macht teilzuhaben. Einen solchen Wert können Bilder jedoch nur dann erlangen, wenn sie etwas Besonderes sind. In barocken Kirchen empfinden viele das Angebot an Bildern als zu mächtig. Das einzelne Bild und seine Botschaft gehen fast schon verloren. In der digitalen Medienwelt ist das Bild nur noch von geringer Bedeutung. Es wird gezeigt, es bezeugt etwas, doch die Präsentationsdauer ist viel zu kurz, um dem einzelnen Bild eine Bedeutung zuzuschreiben. Skandalöse Bilder konnten noch Aufmerksamkeit erregen. Manche Fotografen schafften es, Bilder von Bedeutung festzuhalten wie das kleine Flüchtlingskind, was tot am Strand liegt. Inzwischen kann jeder mit seinem Smartphone ähnliche Bilder machen. Bei vielen Unfällen gibt es Menschen, die die Sensation fotografieren und dann bei Facebook posten oder sonstwie verbreiten. Die Bilderflut ist so riesig, dass nur noch selten ein Bild von Bedeutung entsteht, das quasi die Brennlupe für eine bestimmte Situation darstellen könnte. Bilder haben ihren originellen Wert verloren und sind doch als Informationsquelle immer wichtiger geworden.

Bilderdeutung

Bilder haben einen Funktionswert bekommen und wahrscheinlich werden Dinge, die visuell wahrgenommen werden können, insgesamt von ihrem Informationswert her bewertet. Auf der anderen Seite gibt es in der Malerei die Tendenz hin zum Schönen. Kunst soll ästhetisch gefallen. Die Bedeutung wird vom Empfinden her erfasst. Ein Bild zu schaffen, dass ganz offensichtlich und für das Gros erkennbar nur eine ganz bestimmte Bedeutung hat, dürfte kaum möglich sein. Die Sehgewohnheiten haben sich verändert. Im Straßenverkehr ist es wichtig, Ampeln, Schilder, Zeichen zu erkennen und die Information zu erfassen, die zum Beispiel ein Schild hat. Wir werden über Piktogramme gleitet, ein Symbol soll uns helfen, schnell und sicher dort anzukommen, wohin wir wollen. Würde ein Naturmensch, der solche Schilder, Hinweise, Piktogramme usw. nicht kennt, etwas anderes als den Informationswert sehen wollen, käme er nicht weit. Wenn unser Alltag so sehr von dieser Art der Wahrnehmung geprägt ist, verändert sich womöglich auch das Gefühl für Bedeutung. Ein Bild verweist nicht auf eine andere Dimension, sondern ist eine genau zu befolgende Nachricht.

Die Klugheit der Eule

Ob die Eule tatsächlich weise ist, lässt sich wohl kaum entscheiden. Es ist jedoch klug, auf den Verweis der Haltung einer Eule zu achten. Und das dürfte der zielgerichtete Blick sein. Die Eule scheint gelassen auf etwas schauen zu können. Und es dürfte klug sein, sich etwas sehr genau anzuschauen. Die Eule bekommt mit einer solchen Betrachtung keinen Informationswert, sondern wird als Projektionsobjekt benutzt, um mehr über sich zu erfahren. Die Klugheit besteht also darin, über die Eule hinwegzusehen, sich weder von einem meditativ-empathischen Betrachten irritieren zu lassen, noch auf eine Botschaft der Eule warten zu wollen. Der Bedeutungszuschreibung bewusst kann man sich ganz auf Klugheit einlassen. Es ist nicht die Eule, die klug ist und es ist auch nicht der Mensch, der klug analysiert. Der Mensch gibt sich mit der Bedeutungszuschreibung ein Ziel vor und arbeitet sich daran ab.

Thomas Holtbernd

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