Warten macht stark

Ich hab Hunger, ich will was Süßes, wann sind wir endlich da?“ – Kleine Kinder können sich mit ihren Bedürfnissen und Wünschen meistens nur ganz schwer gedulden. Sofort muss es sein. Aber: Kinder können abwarten, manche besser als andere – zum Beispiel, wenn man ihnen für ihre Geduld eine Belohnung verspricht. Und auch Erwachsene sollten sich öfter gedulden und langfristige Belohnungen setzen.

Die blonde Frau verlässt den Raum und schließt die Tür. Der kleine Junge im Vorschulalter ist jetzt allein in dem Raum. Beobachtet von versteckten Kameras. Mit großen Augen starrt er auf den leckeren braunen Mohrenkopf auf dem Teller direkt vor sich – zum Greifen nahe.

Haben Kinder genug Selbstkontrolle, um der unmittelbaren Versuchung zu widerstehen und eine Belohnung zu warten? Bereits in den 1960er Jahren hat der österreichisch-amerikanische Psychologe Walter Mischel dazu geforscht. Seine Versuche sind als Marshmallow-Experiment bekannt geworden. Bis zu 20 Minuten sollten Vorschulkinder dabei den Marshmallow vor sich unberührt lassen, mit dem Versprechen, dass sie dann einen zweiten bekommen. Walter Mischel fand heraus: Kinder, deren Willenskraft stark genug war, um auf die Belohnung zu warten, waren später als Erwachsene beruflich und privat erfolgreicher und glücklicher.

Geduld: Nicht bloß genetisch, auch Übung

Wie viel Geduld man hat, hängt nicht nur von den Genen ab. Selbstkontrolle kann man üben: Viele Kinder entwickeln zum Beispiel Strategien, um sich abzulenken. Sie nehmen den Mohrenkopf in die Hand, riechen daran und legen ihn wieder zurück. Andere zappeln rum, singen vor sich hin. Oder sie drehen sich weg, um das Objekt der Begierde nicht zu sehen. 

Für langfristige Entscheidungen ist im Gehirn der präfrontale Cortex zuständig. Mischel nennt ihn das „kalte System“. Evolutionär gesehen und bei Kindern reift aber zuerst das heiße System heran. Es steuert Hunger, Angst, Sexualtrieb. Kalt und heiß kämpfen ständig gegeneinander an.

Auch Erwachsene können ihr kaltes System trainieren. Die Belohnung oder den Erfolg sollte man sich bildlich vorstellen und sich ganz konkrete Ziele immer wieder selbst vorsagen. Reizen, von denen man weiß, dass sie einen verführen, sollte man sich gar nicht aussetzen. Visualisieren und verbalisieren sollte man stattdessen seine Ziele.

Wer die Finger nicht vom Smartphone lassen kann, schaltet es am besten mal komplett aus und legt für ein paar Stunden in den Schrank, um sich dem Reiz erst gar nicht auszusetzen. Wer aufhören möchte zu rauchen, soll nicht ständig davon sprechen, nicht mehr rauchen zu wollen, sondern etwa: „Ich möchte gesünder und fitter werden.“ Man kann sich darin üben, nicht immer alles sofort zu bekommen. Beim Online-Versandhändler mal nicht die „same-day“-Lieferung bestellen. Oder eine E-Mail nicht sofort beantworten.

Das Warten kann gleichsam eine asketische Wirkung haben und ist damit auch eine spirituelle Übung. Auf einmal öffnen sich Freiräume, die man selbst füllen kann. Das Gefühl von Selbstwirksamkeit stellt sich ein und die Erkenntnis: Ich bin nicht abhängig von kurzfristigen Reizen und Belohnungen.

(c) Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net

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(von Matthias Alexander Schmidt, hinsehen.net)

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