Nicht ohne meinen Geist – Digitalismus und Transzendenz

Die Unterscheidung zwischen echt und nicht echt scheint im Digitalismus zunehmend unwichtiger zu werden. Die Leitfrage lautet vielmehr: Was kommt gut an, womit erreichen wir die Leute? Das ist die Logik der Digital-Monopolisten.

flickr.com / Gamaliel Cabana (CC BY 2.0)

Die Digital-Giganten gaukeln uns vor, es sei alles beim Alten geblieben. Es sei nur alles besser und einfacher als früher. Die Konzerne wollen uns glauben machen, es sei gerade keine Realität, was in den Digitalen Welten passiert. Die Tatsache, dass Facebook so zögerlich ist, restriktiv auf Hasskommentare zu reagieren, zeigt: Facebook will nicht, dass die Menschen aufhören, sich frei von der Seele weg zu äußern. Das würde die Illusion von völliger Freiheit im Internet zerstören.

Die allermeisten Facebook-Nutzer äußern sich im nicht-Digitalen Leben nicht so wie in Facebook-Kommentaren. Offenbar halten sie es nicht für real genug, keine Person aus Fleisch und Blut steht ihnen gegenüber, der sie das ins Gesicht sagen könnten, sondern eben nur ein digitales Abbild. Man geht wohl zurecht davon aus, dass weite Teile des Profils, dessen, was ich digital sehen kann, selbstgebaut sind. Sie entsprechen nicht dem, was ich sehen würde, wenn ich dem analogen Alter Ego im analogen Leben begegnen würde.

Digital wirkt auf analogen Alltag

Im Netz bildet sich auch Gemeinschaft, man tauscht sich in Gruppen aus, es entwickelt sich ein Zugehörigkeitsgefühl. Die eigene Identität lässt sich fast beliebig formen – das alles wirkt zurück in unser nicht-digitales Leben, unseren analogen Alltag. Unsere Existenz in Fleisch und Blut wird beeinflusst, unser Denken, unsere Wahrnehmung verändert sich. Der analoge Alltag hat sich schon jetzt massiv verändert. Unsere Kommunikation, Mediennutzung, das Verhalten in der Partnersuche, der Umgang in der Familie.

Denkmuster verändern sich

Was bedeutet Freiheit, wenn ich jederzeit alles bestellen kann? Was bedeuten Liebe und Erotik angesichts von Tinder und unzähligen Pornoseiten? Was sind Nachrichten, was ist Meinung und was ist Satire oder Fake, wenn alles direkt nebeneinander auf der Facebook-Timeline steht?

Und was bedeutet Religion im Digitalismus? Wenn Menschen im Internet gemeinsam beten, wem begegnen sie da eigentlich? Künstlich geschaffenen Avataren, Abbildern oder echten Menschen? Die Schnelllebigkeit lässt es kaum zu, dass wir bei den großen Mengen an Material differenzieren, ob jemand oder etwas genuin ist oder ob beim Video-Schnitt oder in Photoshop daran herumgedoktert wurde.

Virtualisierung und Transzendenz

Laut jüdisch-christlichem Verständnis ist der Mensch nach Gottes Abbild geschaffen. Repräsentieren unsere Identitäten im Digitalen wirklich uns selbst? Gott selbst ist transzendent. Er ist nicht Teil derselben Wirklichkeit wie wir, übersteigt unsere Wirklichkeit. Ist nicht die Begegnung mit Gott, ist nicht Gebet ohnehin irgendwie letztlich eine virtuelle Angelegenheit, weil Gott transzendent ist und nicht unmittelbar vor mir steht? Ist Gott auch nur ein Facebook-Profil? Kann tatsächlich Gemeinschaft stattfinden im Digitalen? Das Internet sieht eigentlich keine Religiosität vor, es ist in sich selbst immanent. Außerhalb ihrer Plattformen wollen die Digital-Monopolisten keine Realität sehen. Alles soll bei ihnen stattfinden.

Wer in der Virtual Reality vom Hochhaus fällt, landet zuhause auf dem Wohnzimmerboden und bleibt körperlich unversehrt. Wer im „realen Leben“ stirbt, behält seine Facebook-Seite, auch alle anderen digitalen Daten überleben. Wer in der Scheinwelt „Matrix“ im gleichnamigen Film stirbt, stirbt auch in der realen Welt. Begründung: Der Mensch kann ohne seinen Geist nicht überleben.

© Matthias Alexander Schmidt

Ein Gedanke zu “Nicht ohne meinen Geist – Digitalismus und Transzendenz

  1. Liebe hinsehen-Redaktion, ich finde den Artikel von Matthias Alexander Schmidt nicht sonderlich gut, da er mir zu pauschal und zu einseitig z.T. zutreffende Kritikpunkte an digitalen Medien hintereinander stellt. Beispiele: Natürlich exitiert das Phänomen, dass sich Facebook-Nutzer in der nicht-digitalen Welt anders äußeren als in ihren Faceboof-Kommentaren. Wie kommt er darauf, dass es die „allemeisten“ sind? Womit belegt er das? Zumindest in meinem „Facebook-Freundeskreis“ (der sicher nicht repräsentativ ist, aber welcher Facebook-Freunudeskreis ist die schon) erlebe ich dies nicht so. Den Satz: „Im Netz bildet sich Gemeinschaft, man tauscht sich in Gruppen aus…“ kann ich durchaus unterstreichen. Was ist daran – zunächst einmal – negativ? Ich erleb diese Kontaktmöglichkeit immer wieder durchaus als Chance, für mich (als kath. Priester) duchaus auch im seelsorglichen Sinn. Den wagemutigen Argumentationssprung des Autors zum nächsten Satz: „DIe Identität lässt sich fast beliebig formen“ kann ich kaum nachvollziehen. Dass es im Netz leichter möglich ist, seine „Identität zu formen“ ist durchaus zutreffend. Wie dies in Zusammenhang dazu steht, dass ich mich bei Facebook veerbidnen und in Gruppen austauschen kann, erschließt mir allerdings gar nicht. Und – Sie werden es kaum glauben – ich habe auch schon im Netz gebetet. Sie fragen, wem man dabei begegnet? Nun: ähnlich wie in der Telefonseelsorge ist es eine geistliche Kommunikation in einem gewissen Schutzraum, die Anonymität zu wahren (das ist älteste kath. Tradition, siehe die Beichte) und ich hoffe schwer, dass wie auch digital dem lebendigen Gottt begegnen, dessen Gegenwart sich sicherlich nicht auf die analoger Welt reduzieren lässt.
    Alles Gute, Georg Birwer, Pfarrer in Herne

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