Füllfederhalter und Identität

Das Schreiben ist im digitalen Zeitalter ein Finden der richtigen Tasten. Die meisten Texte werden heute am PC oder auf dem Smartphone und Tablet geschrieben. Und selbst das wird mittlerweile abgelöst von Sprachnachrichten sowie Sprachprogrammen, die aus einem gesprochenen Text gleich einen lesbaren Text machen. Bei einem Diktaphon musste die Sekretärin den aufgesprochenen Text noch auf der Schreibmaschine in lesbare Zeilen umwandeln. Mit einem Stift zu schreiben, gerät immer mehr aus der Übung. Eine kritische Anfrage an diese Entwicklung zu stellen, kann als Technikfeindlichkeit oder Rückwärtsgewandtheit verstanden werden. Unabhängig von einem solchen Vorwurf, kann die Frage nicht übergangen werden, was es als Bild oder Zeichen bedeutet, wenn das Wort digital umgesetzt wird oder die Wörter mit einem Stift auf ein Stück Papier geschrieben werden.

Thomas Holtbernd

Zunächst fällt eine Tatsache sehr deutlich auf, die Handschrift hat immer etwas Individuelles. Die Redewendung „eine eigene Handschrift tragen“ überträgt die Eigenart beim Schreiben sogar auf alle Ausdrucksformen. Die Graphologie ist eine Wissenschaft, die am Schriftbild, dem Schreibdruck usw. Persönlichkeitseigenschaften systematisch zu erfassen versucht. Ein graphologisches Gutachten ist bei mit dem PC u. ä. Geschriebenen nicht möglich. Der schreibende Mensch hat damit eine ganz persönliche Möglichkeit seines Erscheinens aufgegeben. Es ist ein Unterschied, ob ein Liebesbrief mit der Hand geschrieben ist oder zum Beispiel Lucida Handwriting  als Schrifttyp beim Schreibprogramm gewählt wurde. Der Schreibende drückt seine Kreativität oder seinen Wunsch des Einzigartigen durch die Auswahl vorgegebener Schrifttypen, Schriftgröße, Abstand und Farben aus. Er benutzt Emoticons, um das Sterile der Buchstaben auszugleichen. Doch auch hierbei nimmt er eines der Emoticons, die ihm angeboten werden.

Eigenart als Auswahlkunst

Das Schreiben kann symptomatisch für die Art und Weise sein, wie wir eine persönliche Note kreieren. Das Digitale zwingt uns fortwährende Entscheidungen auf, auch wenn wir dies im Alltag gar nicht so empfinden mögen. Wir wählen ständig zwischen Diesem und Jenem. Um eine Fahrkarte am Automaten zu kaufen, müssen wir Möglichkeiten antippen. Wenn wir bei einem Dienstleister anrufen, passiert es oft, dass wir aufgefordert werden, die 1 zu drücken, wenn wir Dieses wollen, wir werden durch einen Entscheidungsbaum geführt, bis wir schließlich einen konkreten Menschen am anderen Ende der Leitung sprechen und nicht wirklich sicher sein können, ob die Stimme nicht auch eine synthetische ist. Im Kaufhaus werden wir gezwungen, zwischen unzähligen Angeboten zu wählen. Anscheinend aufgeklärte Anwender klären uns darüber auf, dass wir selber wählen können und es lernen müssten, mit den digitalen Medien kritisch umzugehen. Verantwortung wird definiert als kluge Wahl und manchmal sogar als bewusste Askese.

Ausdruck statt Auswahl

Ein Mensch, der mit der Hand schreibt, trifft zunächst auch eine Auswahl. Er nimmt das Schreibgerät in die Hand, mit dem er schön schreiben kann. Für unterschiedliche Zwecke werden dementsprechende Schreibwerkzeuge gesucht. Um in einem Buch etwas zu unterstreichen und kleine Notizen zu machen, eignet sich ein Bleistift. Mitschriften zu machen, bei denen es nur darauf ankommt, dass man es nachher noch irgendwie lesen kann, kann man mit einem Kugelschreiber aufs Papier schmieren. Soll ein Dokument unterschrieben werden, greift man zu einem wertvolleren Schreibgerät. Verträge, die Staatsführer unterschreiben, erhalten ihre Wichtigkeit auch dadurch, dass ein wertvoller Füllfederhalter zur Verfügung gestellt wird. Das Besondere wird auch in der Form des Schreibens ausgedrückt. Eine Unterschrift wird genutzt, um damit die Persönlichkeit zu unterstreichen.  So ist das Handgeschriebene immer ein konkreter Abdruck, ein Stempel des Individuums. Die Eigenart entsteht als kompliziertes Zusammenspiel der Motorik, die von den Gefühlen beeinflusst werden kann. Ein getipptes Wort ist immer gleich und unabhängig vom Seelenzustand. Dasselbe Wort mit der Hand geschrieben vermittelt Informationen darüber, wie sich der Schreiber fühlt und was er dem Leser über den Inhalt hinaus sonst noch vermitteln will. So kann jemand einfach etwas dahinschmieren und vermittelt dem Leser zum Beispiel, dass er sich beim Entziffern anstrengen solle. Bei einem Liebesbrief wird sich der Schreiber um Leserlichkeit bemühen, weil er möchte, dass der Empfänger jedes Wort lesen und verstehen kann. Die Handschrift ist immer ein Ausdruck, auch wenn der Inhalt belanglos ist. Die Individualität fließt über die Bewegungen der Finger, der Hand und des Arms in eine Form. Der Ausdruck ist unmittelbar, die Handschrift ist erkennbar. Eine Handschrift zu fälschen, gehört zu einer besonderen Kunst und macht deutlich, wie eng die Handschrift mit der Besonderheit eines Menschen verbunden ist. Der Text, sei er ausgedruckt oder auf dem Bildschirm, hat von einer solchen Komplexität und Individualität nichts. Umgekehrt kann man fragen, welchen Einfluss es auf die Individualität hat, wenn der Mensch sich angewöhnt, aus Möglichkeiten auszuwählen und seine unmittelbaren Ausdrucksmöglichkeiten immer weniger einübt.

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