„Ein Zigeuner am Rande des Universums“? – Der Mensch im Angesicht von Naturwissenschaft und Religion

Wenn die Religion auch um die Schwäche des Menschen weiß, so lässt sie dennoch keinen Zweifel an der unverletztlichen Würde und hohen Berufung des Menschen. Klar betont wird, dass der Mensch gewollt und geliebt ist. Hingegen wird von einigen naturwissenschaftlichen Autoren die These vertreten, aus der Erkenntnis der Naturwissenschaften werde der Glaube als Illusion enttarnt und es zeige sich, dass der Mensch nur „wie ein Zigeuner am Rande des Universums“ sei. Doch stehen sich Glaube und Naturwissenschaft wirklich unversöhnlich gegenüber?

Sistine Chapel with new LED lighting

Bild: dpa / picture alliance

„Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst“? (Psalm 8)

Die Frage, die Psalm 8 stellt, ist auch in unserer Gegenwart aktuell. Die Frage, was oder wer der Mensch sei, stellt wohl jeder mal. Aber nicht alle richten sie an Gott und noch weniger antworten auf sie im religiösen Sinn. Jacques Monod, französischer Biochemiker und Nobelpreisträger, sieht jedenfalls in den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften die Religion als falschen Trost, als Illusion entlarvt. Er ist es, von dem das Zitat stammt, der Mensch habe seinen Platz „wie ein Zigeuner am Rande des Universums“. Er sieht in der Naturwissenschaft gleichsam eine anti-religiöse Botschaft, die den Menschen seine „totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit“ erkennen lasse. Das Universum sei für seine Musik taub […] und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.

Eine ähnliche Geschichte erzählt Richard Dawkins. Er spricht von einem „Gotteswahn“, der durch die Naturwissenschaft gleichsam geheilt werde. Er sieht den Menschen als naturalistischen DNA-Sklaven. Die Natur, herz- und geistlos sorge und wisse nicht. Dies gelte ebenso für die DNA: „DNA neither cares nor knows. DNA just is. And we dance to its music.“

Ganz anders stellt sich die Situation in der Religion dar. Im Islam, im Judentum und Christentum ist der Mensch jemand, der von Gott geschaffen und gewollt ist. Er hat eine unvergleichliche Würde und ist nicht bloß ein Produkt des evolutionären Zufalls. Psalm 8 fährt nach der Frage, was der Mensch sei, fort mit einem Lob über die Größe des Menschen:

Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt: All die Schafe, Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.“ Psalm 8

Die moderne Physik als Ausweg aus dem Naturalismus

Die „alte Physik“, das heißt die Physik vor der Quantenphysik, wird oft herangezogen, um einen Naturalismus zu vertreten, in dem alles, was ist die Folge von materialistischem Kausalismus sei.  Der Mensch ist in diesem System dann auch nur als „Zigeuner am Rande des Universums“ oder DNA-Sklave zu betrachten. Aber wir wissen mittlerweile, dass diese Art von Reduktionismus nicht die Wirklichkeit ist:

„Die Symbolsprache der modernen Physik ist prozesshaft, dargestellt durch Operatoren, die nicht Teilchen, sondern Elemente von Veränderungen oder Beziehungen darstellen. Anstatt von Atomen oder Teilchen zu sprechen, sollten wie sie besser ‚Wirks‘ oder ‚Passierchen‘ (abgeleitet von ‚wirken‘ und ‚passieren‘) nennen. Diese Elementarprozesse sind im Grunde kreativ.“ – Hans Peter Dürr

Diese, in der neuen Physik erkannte Wirklichkeit, öffnet nun auch in der Religion wieder den Raum die angesprochenen „Beziehungen“ in eine Sprache zu fassen, die nicht als widerwissenschaftlich angesehen werden muss. Es öffnet neue Räume für eine „vestigia trinitatis„, eine Theologie, die in der Schöpfung „Spuren der Trinität“ erkennen kann. Raimon Panikkar sagt dementsprechend über den Menschen:

„Ich würde sagen, Gott ist das höchste und einzigartigste „Ich“, wir sind Gottes „Du“, und unsere Beziehung ist persönlich, trinitarisch und nicht dualistisch. […] Der Mensch entdeckt und ahnt in seinem eigenen Sein ein ihm eingepflanztes Mehr, das seinem eigenen, privaten Sein angehört und es gleichzeitig übersteigt. Er entdeckt eine andere Dimension, die er nicht manipulieren kann. Es gibt immer mehr, als auf der Hand liegt, als einem in den Sinn fällt oder das Herz berührt. Dieses ‚immer mehr‘ – sogar mehr als, kleingeschrieben, wahrnehmen, verstehen und fühlen – bedeutet die göttliche Dimension.“ – Raimon Panikkar

Verschiedene Sprachen

Man kann aus der modernen Physik wie aus der Religion zu dem Schluss kommen, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist. Die strenge Naturwissenschaft kann aber wegen ihrer Sprache – der Mathematik – nicht sagen „warum“ und „wozu“ der Mensch ist. Das ist die Aufgabe der Religion, die sich wie die Naturwissenschaft mit der Wirklichkeit befasst, aber eine andere Sprache benutzt. Religiöse Sprache ist „Erlösungssprache“ (Panikkar). Und was ist der Mensch, wenn man ihn diese tiefste Sprache nicht mehr sprechen lässt?

Josef Jung

Literatur:

Dawkins, Richard, River Out of Eden

Dürr, Hans-Peter, Raimon, Painikkar, Liebe  – Urquelle des Kosmos

Monod, Jacques, Zufall und Notwendigkeit

Ein Gedanke zu “„Ein Zigeuner am Rande des Universums“? – Der Mensch im Angesicht von Naturwissenschaft und Religion

  1. Theokraten abschaffen…
    wenn Gott/Religion nur e i n e ordnende Projektion darstellt zur Kompensation einer unerträglichen existenziellen Unsicherheit, so bleiben doch dem westlich geprägten Intellekt Alternativen:
    z.B Humanismus, Konfuzianismus, sofern nicht Theokraten den Blick dafür verstellen.
    Der Zigeuner hat durchaus Chancen…

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