Hummel – Bewusstsein

Bevor die Honigbienen losfliegen, um die Blüten zu bestäuben, sind es die Hummeln, die diese Arbeit erledigen. Sie sind in der Lage, auch bei niedrigen Temperaturen auf Betriebstemperatur zu kommen. Ihr Leben ist dabei sehr kurz. Einen Sommer überleben diese Insekten. Die begatteten Jungköniginnen können ein Alter von 12 Monaten erreichen.  Die Drohnen und Arbeiterinnen erreichen nur wenige Wochen. Wie diese Lebewesen ein so kurzes Dasein erleben, können wir nur spekulativ vermuten. Und es gibt sicherlich einige, die die Ansicht vertreten, dass bei diesen Insekten kein Bewusstsein vorhanden ist und die Frage müßig sei. Doch der Versuch, sich das Leben als Hummel vorzustellen, kann ein philosophisches Experiment sein und möglicherweise ergeben sich aus einer solchen Perspektive Anregungen für das eigene menschliche Dasein.

Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?

Der Philosoph Thomas Nagel stellte die Frage: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Die Antwort kann in die Richtung gehen, sich das Leben einer Fledermaus vorzustellen, Bücher über Fledermäuse zu lesen und sich auf diese Weise in eine Fledermaus hineinzuversetzen. Ein solcher Versuch endet an der Stelle, wo Empathie an Identität stößt. Hundertprozentig fühlen zu können wie eine Fledermaus, hat zur Voraussetzung, dass ich nicht mehr der Mensch bin, der ich bislang war, sondern voll und ganz die Fledermaus. Nur eine Fledermaus kann wie eine Fledermaus fühlen. Jede Erinnerung daran, dass man ein anderer war, verändert das Bewusstsein. Diese vertrackte Problematik besteht bereits beim Individuum: Bin ich der, der ich vor 10 Jahren war? Um diese Frage beantworten zu können, müsste ich mich in zwei verschiedene zeitliche Situationen versetzen können. Das ist allerdings unmöglich. Ich kann nur annehmen, dass ich der bin, der ich vor 10 Jahren war. Wie ich mich vor 10 Jahren empfunden haben könnte, beantworte ich mit einem Bewusstsein, was sich durch die Erfahrungen in 10 Jahren verändert hat.

Bestäuben

Die Assoziationen zum Leben einer Hummel können einen Aspekt bei einem solchen Gedankenexperiment bewusst machen. Das Bemühen, die Welt einer Hummel zu verstehen, führt zu einem Wesenszweck dieser Insekten. Sie sammeln Nektar und bestäuben gleichzeitig die Blüten. Gerade bei Hummeln und Honigbienen wird deutlich, wie eng die Lebewesen miteinander verbunden sind. Werden die Hummeln im Frühjahr nicht aktiv, kann das Obst nicht werden. Die Notwendigkeit, Nahrung bei bis zu 18 Stunden Flug am Tag zu sammeln, hat gleichzeitig für die Obstbäume einen positiven Nutzen, der von den Hummeln oder Bienen gar nicht beabsichtigt ist. Ist dieser Vorgang eine Art von Bewusstseinserweiterung für die Blüten? Das Gedankenexperiment von der Fledermaus bezog eine solch gegenseitige Befruchtung nicht mit ein. Was wäre, wenn sich die Blüte vorstellen würde, wie es als Hummel wäre und gleichzeitig von dieser bestäubt wird? Das Bewusstsein der Blüte ließe sich nicht vollständig vom Bewusstsein der Hummel trennen.

Bewusstsein als Ganzes

Wir sind es gewohnt, einem einzelnen Subjekt Bewusstsein zuzuschreiben und klare Grenzen zu ziehen. Es könnte jedoch auch sein, dass Bewusstsein etwas über das individuelle Ich hinaus Übergeordnetes ist. Das Ich wäre nur ein Zuordnungspunkt. Gleichzeitig hätte das Ich Bewusstheit über sich hinaus. Eine solche Sicht könnte die Ansichten über den Umgang mit der Umwelt verändern. Es wäre gar nicht mehr eine Umwelt, sondern Mitwelt, die Hummel als Teil unseres Bewusstseins. Unser „Umwelthandeln“ wäre nicht mehr definiert als Umgehen mit den Ressourcen, den Tieren und Pflanzen. Es wäre Umweltbewusstsein, das ein stetiges selbstkritisches Arbeiten am Bewusstsein verlangen würde. Im Vordergrund stünde nicht z. B. der Kauf von Ökoprodukten. Jede Handlung, jedes Denken geschähe in einem Bewusstsein über das Individuum hinaus und damit in einer Verantwortung, die sich nicht auf etwas richtet, sondern als Mitverantwortung oder gemeinsame Verantwortung von Mensch und Umwelt verstehen würde. Der Gedanke, dass z. B. die Hummel und ich gemeinsam für unser Umfeld verantwortlich sind, könnte ganz ungewohnte Sichtweisen hervorrufen und das Gefühl für die Umwelt verändern.

Thomas Holtbernd

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