Mystik und Politik à la DEPECHE MODE

Das im März veröffentlichte Album „SPIRIT“ von Depeche Mode kletterte binnen zwei Wochen in zehn europäischen Ländern auf Platz 1 der Album-Charts. Mit weltweit über 100 Millionen verkauften Tonträgern ist die 1980 gegründete britische Synthie-Popgruppe ohnehin eine der erfolgreichsten Bands der Welt. Auch wer nicht unbedingt auf Elektro steht, weiß mit dieser Band etwas anzufangen und kennt, wenn sein Musikgeschmack sich in den 80ern und 90ern prägte, in jedem Fall Songs wie Personal Jesus, Enjoy The Silence oder Walking in My Shoes.

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Foto: Columbia (Sony Music) // Zum Album

Das Album „Spirit“

Im 38. Jahr ihres Bestehens nun also das 14. Studioalbum. Hier soll aber nicht das Album, sondern viel mehr das Cover besprochen werden. Warum das Cover? Wir wissen, dass die Band gern in großen Stadien auftritt und immer wieder auch die großen Themen der Menschheit in Songtexte kleidet: Freiheit, Liebe, Sehnsucht, Gesellschaftskritik und Spiritualität, um ein paar zu nennen. Besonders sinnfällig gemacht wird das Thema Spiritualität nun durch das neue, von Anton Corbijn gestaltete Album-Cover. Unter der Überschrift SPIRIT erscheint auf grauem Grund eine numinose Welt schwarzer Fahnen in Kombination mit schwarzen Figuren, von denen man nur die unteren Gliedmaßen sieht.

Es ist so, als ob die Fahnen im oberen Bildfeld die Ergänzung der Körper im unteren Feld bilden und diese in Bewegung setzen, in eine bestimmte Richtung jedenfalls, in einer Art Marsch. Die Verbindung dieser beiden „Körperwelten“ wird hergestellt durch ein blutrotes Band mit dem Band-Namen in Weiß. Das SPIRIT-Cover ist eine mythische Inszenierung des uralten Traums der Menschen nach Inspiration göttlicher Führung und Vervollkommnung.

Ägyptische Mythologie im Cover?

In der Tat kann man den Eindruck gewinnen, als ob Corbijn, der Art Director, Anleihen aus einem Ursprungsbereich der Religionsgeschichte bezieht, insbesondere der ägyptischen Mythologie. Dort ist die älteste Hieroglyphe für Gott eine Art Fahne, wörtlich aus dem Ägyptischen übersetzt: „Umwickelter Stab“ (= ntr, ausgesprochen „natschir“). Bei der Hieroglyphe ist der ganze Stab umwickelt, nicht allein der obere Teil. Religionsforscher gehen davon aus, dass solcher Art Fahnen auf Flaggenmasten vor ägyptischen Tempeln zurückgehen. Wahrscheinlich sind Fahnen, wie wir sie kennen, aus dem umwickelten Stab hervorgegangen. Daran erinnert mich das neue Cover-Design von SPIRIT. Es zeigt Fahnen im Wind, die in einer Art Prozession als göttliche, als spirituelle Ergänzung von HALBMENSCHEN in Erscheinung treten.

Das Entscheidende ist auch hier hieroglyphenartig verhüllt. In einer abgewandelten Form gab es auch im Alten Ägypten Gotteshieroglyphen mit tier- und menschengestaltigen Gottheiten, die um einige Jahrhunderte jünger sind als ihre Urform. Interessant ist, dass die mit ntr bezeichnete Urform jeden beliebigen Gott darstellen kann. Wenn man seinen Namen also nicht nennen oder ihn dem Betrachter freistellen will, kann jeder sich den Gott vorstellen, den er sich vorstellen will. Eine Vielzahl von Gottesaspekten ist möglich.

Die Botschaft des Albums

Diese Assoziation liefert auch SPIRIT. Das Wesentliche bleibt im Verborgenen; es wird durch sechs schwarze Fahnen präsentiert und bleibt doch eigenartig verhüllt. Der Effekt des Geheimnisvollen wird bei genauerem Hinsehen noch gesteigert: Sechs Fahnen können nur fünf Gestalten zugeordnet werden. Was ist mit der sechsten Figur? Oder: Für wen oder was steht die nicht zuzuordnende Fahne? Für den selbst Klugen und Weisen „unbekannten Gott“, wie auch der Apostel Paulus ihn seinerzeit auf dem Areopag in Athen entdeckte (Apostelgeschichte 17, 23) …?

Im Blick auf die „Botschaft“ des neuen Depeche-Mode-Albums sind nun natürlich allerlei Interpretationen möglich. Einige Songtexte wie die zu Going Backwards (zu den Höhlenmenschen?) und Where’s the Revolution lassen jedenfalls den Wunsch nach einer neuen spirituellen Orientierung erkennen, nach einer Gesellschaft, die sich mehr Menschlichkeit auf ihre Fahnen schreibt.

Ludger Verst

Der Autor ist Gründer von  INTERFAITH — Labor für soziale Kommunikation

Das Album erwerben (Link)

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