Im Bauch des Wals

Gestrandet in der Hafenkneipe, eher eine Spelunke, in der sich die Gestrauchelten des Lebens einfinden, Bettler, Arbeitslose, Penner, Huren, gestrandet in der Hafenkneipe „Zum schwarzen Wal“, da bin ich Wirt, dessen Gäste bemitleidenswerte Figuren sind, die mich aber rühren, mir nicht gleichgültig sind.

 

Das Symbol „Jona im Bauch des Wals“ steht für die drei Tage, die Christus im Grab auf die Auferstehung wartete. Jona wird vom Wal nahe Ninive ausgespuckt, damit er die Stadt zur Buße bewegt.

Sie haben doch Höhen und Tiefen des Lebens erlebt, wie die Fluten im Ozean, wie Ebbe und Flut, jetzt gestrandet, im Schwarzen Wal gelandet, mit ihrem verlorenen Leben, und ohne die Ideale, ach, wo sind die Ideale geblieben, den Bach hinunter, ins Meer, Tränen im Ozean, Tränen über verlorenes Leben, und noch einen Drink für die arbeitslose Mutter, ein Brot für den Alki, bitte schön, mehr kann er sich nicht leisten, nicht mehr, früher ein Angestellter mit gutem Verdienst, jetzt in der letzten Zuflucht Schwarzer Wal, auch mir, dem Wirt, ist es die letzte Station, wie je da wieder rauskommen, aus dem schwarzen Wal, dieser Kneipe, diesem Raum, in dem sich, so würden es gut situierte Menschen vielleicht ausdrücken, der Abschaum trifft, die Verlierer, die Nichtskönner. Was geraten sie auch auf die schiefe Bahn!
Aber Schiffe auf dem Meer legen sich zur Seite, liegen schief, da fällst du runter, zuletzt ins Meer, hast Glück, wirst an Land gespült, nass, kalt, frierend, ein einsames Lokal, ja da ist´s warm, wie heißt das gleich? „Schwarzer Wal“ steht auf dem Schild, rein, so geht es den meisten, auch wenn die Gesellschaft nicht die beste ist, immerhin, nicht alleine sein, so geht´s jedem, der hier reinkommt, weggeht, irgendwohin, und wiederkommt, zu dir, dem Wirt im Schwarzen Wal, aber du bist nichts besseres als die, die hierher kommen, bist auch gestrandet, wer zieht dich hier wieder raus, wer ruft die andern, die Gäste, zieht diese wer raus? Oder vergammeln sie, wie du, im Bauch des Wals, im verräucherten Raum des schwarzen Walfischs, Adresse für am und im Leben Gescheiterte. Und plötzlich:

Die Leute im Wal, das bist du, du, verkörpert in Menschen, die sind, wie du es früher warst, die Leute im Wal sind du selbst, Verkörperung verschiedener Lebensstationen, und der Wal, der schwarze, das ist dein Leben, in das du dich verstrickt hast, das dich wie ein Wal geschluckt hat, der untertaucht in die Tiefe, die Tiefen des Ozeans, weg, weit weg, und du erinnerst dich an diese alte Geschichte, bist du Jona? aber du bist kein Prophet, noch´n Drink, da, hier, lass dir´s gut gehen, Kumpel, alte Geschichte, Jona im Bauch des Walfisches, du im Hafenlokal Schwarzer Wal, Jona wurde gerufen, von Jahwe, Jonajahwe, wer ruft dich? Und würdest du was hören? Geh einfach raus, raus aus dem Wal, aus dem schwarzen Wal, er spuckt dich aus, hinaus ans Tageslicht, in die Sonne. Höre das Meeresrauschen, höre, wie die Wellen am Strand verplätschern, versickern im Sand, sei still, höre, höre das Meer.

Helmut Zimmermann

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