Karfreitag: Gott und unschuldiges Leid

Die Christen werden mit der Botschaft konfrontiert: „Weil du ein Sünder bist, musste der Sohn Gottes sterben.“ Der Gesandte, ja der Sohn Gottes musste wegen der Sünden der Menschen sterben, so die Predigt der Apostel. Das Dilemma spitzt sich für die Gläubigen noch mehr zu, weil Jesus wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wurde. Anders als die Atheisten können die Christen Gott nicht aus der Gleichung  streichen. Dieser Gott lässt nicht nur viele Unschuldige zu Tode kommen, sondern „opfert“ seinen eigenen Sohn. Was rechtfertigt dieses Opfer? Mit der Frage fühlen sich die Gläubigen oft alleine gelassen.  

Gott schweigt

Die Bibel spitzt die Frage in der Ölbergszene zu. Jesus weiß, dass sein Schicksal, wenn er es in der Hand der Menschen lässt, seine Hinrichtung ist. Er hat die letzte Auseinandersetzung mit der jüdischen Obrigkeit gesucht. Erst zögerte er, zum jüdischen Osterfest nach Jerusalem zu gehen. Bei Johannes heißt es:

Das Paschafest der Juden war nahe und viele zogen schon vor dem Paschafest aus dem
ganzen Land nach Jerusalem hinauf, um sich zu heiligen.
Sie fragten nach Jesus und sagten zueinander, während sie im Tempel zusammenstanden:  Was meint ihr? Er wird wohl kaum zum Fest kommen. Die Hohenpriester und die Pharisäer hatten nämlich, um ihn festnehmen zu können, angeordnet: Wenn jemand weiß, wo er sich aufhält, soll er es melden. Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Bethanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte.“ Johannes Kap. 11. Es folgt die Auferweckung des Lazarus.

Jesus provoziert mit der Vertreibung der Tierhändler und Geldwechsler aus dem Tempelbezirk die jüdische Aufsichtsbehörde. Dieser Hohe Rat bezieht ja seine Autorität vom Tempel. Dieser Rat wiederum fürchtet Aufruhr, wenn Jesus am Hochfest der Juden die Massen aufwiegeln könnte. Dabei hat Jesus nicht die politische Rolle übernommen, die ihm nach seinen Wundertaten von den Menschen angetragen worden war. Aber die Situation war so spannungsgeladen, dass die jüdische Obrigkeit einen Aufruhr befürchten konnte:

“Da beriefen die Hohenpriester und die Pharisäer eine Versammlung des Hohen Rates ein. Sie sagten: Was sollen wir tun? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die heilige Stätte und das Volk nehmen. Einer von ihnen, Kajaphas, der Hohepriester jenes Jahres, sagte zu ihnen: Ihr versteht überhaupt nichts. Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.”
Joh. Kap. 11

Aus Sicht des Hohen Rates musste Jesus festgenommen und mundtot gemacht werden. Die Anhänger Jesu blieben verängstigt in ihrem Versammlungsraum und hatten alles andere als den Mut, die oberste jüdische Behörde des politisch motivierten Mordes anzuklagen.

Grablege, Stadtkirche Bad Honnef, Foto: hinsehen.net

Erstaunlicherweise sind sie dann doch mit neuem Mut, allerdings erst 50 Tage nach Ostern, am jüdischen Pfingstfest, für den Hingerichteten eingetreten. Die Auferstehung Jesu von den Toten und die Begegnungen mit ihm haben die Frage, warum Jesus sterben musste, in den Hintergrund gerückt. „Er lebt und damit geht die Geschichte mit ihm weiter“, so könnte man die Schlussfolgerung der Jünger zusammenfassen. Seine Worte werden bewahrt und seine Gegenwart im Eucharistischen Mahl erlebt. Die Antwort für die verängstigten Anhänger sind einmal Erfahrungen mit Jesus, der nicht mehr als geschichtliche Person, jedoch durch seine Gegenwart die Jünger überzeugt, dass er nicht im Tod geblieben ist. Entscheidend wird dann die Geistbegabung, die die Jesusbewegung in die Öffentlichkeit treibt. Wenn Jesus und mit ihm dann alle, die auf ihn setzen, nicht im Tod bleiben, findet der Kreuzestod eine Antwort – nicht in dieser Geschichte, sondern mit der Aufnahme in die jenseitige Welt.

Der Crucifixus

Die ersten 1.000 Jahre haben die Christen den Gekreuzigten nicht dargestellt. Ostern, nicht der Karfreitag, war das Hochfest der jungen Kirche und ist es weiterhin der Orthodoxie. An den Karfreitag erinnerten in diesen Jahrhunderten allenfalls Kreuze, aber ohne den ans Kreuz Genagelten. Dass heute in dem Chorraum fast jeder Kirche ein Kreuz mit dem zerschundenen Leib des Menschgewordenen hängt, ist eine Neuerung des Mittelalters. In den alten Kirchen Roms und Ravennas sieht man den thronenden Christus oder er wird als Hirte dargestellt, der aus dem Kreis der ihn umstehenden Schafe den Kirchenbesucher anblickt.

Der Sündenbock und das Ende der Opfer

René Girard hat als einer der wenigen eine Interpretation der Hinrichtung Jesu gefunden, die dem Leiden einen gewissen Sinn zuschreiben kann. Er nimmt das oben zitierte Wort des Hohen Priesters auf „Es ist besser, wenn einer für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.“ Der Gottesknecht, so wird ein Leidender im Jesajabuch genannt, trägt unsere Sünden aus der Gemeinschaft heraus. Wie ein Sündenbock, dem man alle Querelen, Streitigkeiten, Verletzungen, die Verleumdungen und Morde aufbürdet wurden, damit er sie in die Wüste trägt.
Schon das Neue Testament, ausführlich der Hebräerbrief, erklären mit der Kreuzigung Jesu das Ende aller Opfer. Die Urkirche erklärt den Christen, dass das Erleiden von Beleidigung und Verfolgung nicht neue Opfer sind, sondern Teilnahme am Leiden Jesu. Die Getöteten werden auch nicht mit einem Opfertitel bezeichnet, sie werden Märtyrer, also Bekenner genannt.

Das sind Annäherungsversuche. Für die Hinrichtung Jesu gibt es keine rationale Erklärung. Die Anhänger Jesu müssen mit dem Faktum fertig werden. Eigentlich müssten wegen der „Opferung“ Jesu die der Vernunft Verpflichtenden das Christentum eher ablehnen als dass sie von Gott verlangen, er solle die Unschuldigen schützen. Das können sie wohl deshalb nicht, weil das Böse mit der Vernunft nicht erklärt werden kann.
Das Zeitalter der Vernunft hat auch keine Antwort gefunden. Es hat sogar mit seinen Diktaturen erst dem unbegrenzten Morden den Weg bereitet. Der überraschende Einspruch, der allmächtige Gott müsse die Unschuldigen aus den Händen der politischen Massenmörder retten, muss an die Vernunft zurückgegeben werden. Sie muss doch erklären, warum gerade das 20. Jahrhundert mit seinen Ideologien zu so vielen Toten geführt hat. Für die Christen bleibt die Frage, warum trotz des Todes Jesu immer noch so viele Menschen der Gewalt und dem Missbrauch zum Opfer fallen. Ob diejenigen, die von Gott ein Eingreifen verlangen oder die Christen, die des Todes Jesu in jedem Gottesdienst gedenken: beide haben wohl den Auftrag nicht richtig verstanden. Denn ob aus der Vernunft oder aus der Passion Jesu, die Konsequenz müsste doch heißen: weniger Hass und weniger Gewalt.

Eckhard Bieger S.J.

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