Theologie und Spiritualität des Betens

Der Glaubensschwund in der westlichen Welt infolge fortschreitender Säkularisierungsprozesse, die Unmöglichkeit vieler, in der Postmoderne zur Ruhe zu kommen sowie eine permanente Bilder- und Reizüberflutung — das alles sind Kennzeichen einer Entwicklung, die das Beten zusehends in Frage stellen und zu Recht von einer Krise des Betens in unserer Gesellschaft sprechen lassen. Gegen diese Dynamiken kann das Gebet akzentuiert werden und zum Grundakt christlicher Existenz zurückführen.

Handbuch: Theologie und Spiritualität des Betens

Das von Matthias Arnold und Philipp Thull edierte Handbuch „Theologie und Spiritualität des Betens“ ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung mit dem Beten. Die Beiträge des Bandes zeigen, dass Beten auch heute hilfreich ist, „dass es Menschen verändern, verwandeln und für Gott und den Nächsten sensibilisieren und die Welt auf diese Weise besser machen kann“. S. 10
Sie liefern weiter praktische Anstöße für eine eigene Gebetspraxis, indem alte Weisen des Betens neu ausbuchstabiert und neue Weisen des Betens aufgeschlossen werden – wie etwa das Pilgern als eine von vielen neu entdeckten Gebetsweise.

Das Beten wird auf breiter theologischer Basis begründet

Der Band ist kein rein wissenschaftliches Fachbuch, das nur für ein ausgewiesenes Fachpublikum konzipiert ist, sondern bietet eine qualifizierte Erstorientierung zum Thema. Inhaltlich schreitet er ein breites Spektrum von Themen ab. Er vereinigt 35 Beiträge aus ganz verschiedenen Bereichen: zum einen klassische Themenfelder, die in einer Publikation über die Theologie und Spiritualität des Gebets nicht fehlen dürfen, so eine biblische Grundlegung, eine theologische Entfaltung und praktische Gestaltungsmöglichkeiten des Gebets. Daneben sind in einem außergewöhnlich breiten Ausmaß auch theologie-übergreifende Beiträge zum Gebet mit aufgenommen. Der Schwerpunkt liegt insgesamt eher auf praktischen Fragen und Zugängen zum Beten, entsprechend dem Ziel, Wege zeitgenössischen Betens aufzuzeigen.

 Ökumenisch angelegt

Die Ausführungen erfolgen aus einer interkonfessionellen Perspektive. Dies verleiht dem Sammelband eine ökumenische Weite. Es gibt Beiträge, die wegen ihrer unkonventionellen Fragestellung überraschen und zum Lesen einladen, z.B. Wunibald Müllers Beitrag über „Küssen als Gebet“ sowie Artikel, die wegen ihrer derzeitigen Aktualität ins Auge springen, so der Beitrag von Michael Rosenberger über Pilgern als Gebet. Die Artikel stammen von seit Langem arrivierten und namhaften, in der „Gebetsmaterie“ bewährten Fachleuten, wie etwa Reinhard Körner, Hubert Frankemölle, Willy Lambert, Fulbert Steffensky, aber auch von Theologen aus der jüngeren und mittleren Generation. Mehrere Artikel nehmen das Gebet in christlich-ökumenischer und interreligiöser Hinsicht in den Blick und werden dieser immer wichtiger werdende Dimensionen des Betens voll gerecht.

Einige exemplarische Beiträge 

Viele Artikel zielen auf die Gebets-Praxis. Einige davon seien hier beispielhaft herausgegriffen, um die große inhaltliche Bandbreite des Handbuchs zu zugänglich zu machen. Für unterschiedliche Fragestellungen finden sich Anregungen, nicht zuletzt für die eigene Gebetspraxis.
Erfreulicherweise ist Gerd Neuhaus ein erhellender Beitrag zum Gebet im Kontext des vielen Leids und des Übels in der Welt mit aufgenommen, „Beten angesichts des Leidens in der Welt, S. 69-79. Diese Thematik kommt ansonsten in theologischen Auseinandersetzungen mit dem Gebet meist zu kurz, obwohl gerade sie für nicht wenige ein Stolperstein bzw. ein Hemmnis ist, ins Gebet zu finden.
Besonders lesenswert ist der Beitrag des Karmeliten Reinhard Körner, der prägende Charakteristika des Betens mystischer Menschen herausarbeitet und dieses als ein mögliches Leitbild für heute vorstellt (122-133).
Je eigene Aufsätze von Agnes Wuckelt, Christfried Brödel und Georg Langenhorst setzen sich in inspirierender Weise mit der Frage auseinander, inwieweit Tanz, Musik und Poesie als Ausdruckformen von Gebet sind, S. 188-197; 198-209; 317-328.
Die sehr interessanten Ergebnisse empirisch-religionspsychologischer Befunde zum Gebet fasst Anton Bucher prägnant zusammen, „Beten nützt – am meisten den Betenden“, S.296-305. Klaus Baumann stellt auf überzeugende Art den bedeutenden Stellenwert von Spiritualität und Gebet angesichts von Krankheit heraus (S. 363-375).

Themenfelder für weitere Gebetspublikationen

Auch ein Sammelband mit 35 Beiträgen ist nicht der Abschluss der theologisch-spirituellen Auseinandersetzung mit dem Beten. dieser Band bringt auf den Weg. Sein großer Vorteil und Charme bestehen darin, dass er eine Vielzahl von inhaltlichen Themen, spezifischen Forschungsschwerpunkten, methodischen Ansätzen und verschiedenen Autoren versammelt. Es bleibt theologisch noch einiges zu tun. Eine systematisch-theologische Entfaltung des christlichen Gebets steckt in den verschiedenen Beiträgen und könnte explizit gemacht werden. Dabei sollte die Geistdimension des christlichen Gebetes mehr Gewicht erhalten. Denn in der Auseinandersetzung mit dem Islam kommt der trinitarischen Struktur christlichen Betens eine hohe Bedeutung zu.  Hier wäre von der Orthodoxie zu lernen.

Weil das Handbuch das Gebet aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, muss es nicht wie eine systematische Gebetstheologie von Anfang durchstudiert werden, man kann zu vielen Anlässen Anregungen gewinnen. Deshalb sollte es in der Handbibliothek von Seelsorgsteams, Katecheten und Schulen einen vorderen Platz finden.

Robert Biersack

Matthias Arnold / Philipp Thull (Hrsg.), Theologie und Spiritualität des Betens. Handbuch Gebet, Freiburg-Basel-Wien (Herder) 2016, 416 S., Hardcover, Preis: 39,90 €.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s