Hunger ist gut fürs Gehirn

Warum sollte es mir gut tun, absichtlich auf etwas Gutes zu verzichten? Rein moralisch betrachtet kann es doch nicht richtig sein, absichtlich und ohne Not einen Mangel zu wählen, wenn die entsprechenden Güter mir im Überflüss zur freien Verfügung stehen. Und doch merken wir intuitiv: Manchmal kann Verzicht Gutes bewirken. Die positive Wirkung von Fasten ist kein esoterischer Hokuspokus. Warum Verzicht ein spiritueller Gewinn sein kann, lässt sich wissenschaftlich zeigen, nämlich an Prozessen im Gehirn.

Fasten: Der Tisch bleibt leer.

Die Woche vor Ostern, zwischen Palmsonntag und Ostersonntag, ist für Christen die letzte Woche der Fastenzeit. Viele Menschen nutzen diese Zeit, um weniger zu essen oder um sogar einmal eine ganze Woche lang zu fasten, nur Säfte, Tee und Wasser zu trinken. Meistens wollen wir damit unserem Körper etwas Gutes tun. Wir wollen abnehmen, Gewicht verlieren, den Körper entgiften und entschlacken, uns wohler fühlen in unserer Haut. Die verbesserte Stimmung während des Fastens kommt durch Prozesse im Gehirn zustande.

Evolutionäres High

Die ersten drei Fastentage sind die schwierigsten. Da muss man die Zähne zusammenbeißen und irgendwie durchhalten. Danach wird das Verzichten einfacher. Bei den meisten Fastenden stellen sich dann Glücksgefühle ein. Sie sind gut gelaunt und fühlen sich voller Energie. Diese gute Stimmung ist wohl ein Überbleibsel der Evolution.

Der Steinzeitmensch brauchte gute Laune und Motivation, um nach einer längeren Hungerphase nach Nahrung zu suchen. Hätte er sich stattdessen erschöpft in eine Höhle gelegt, wäre er wohl gestorben. So erklärt es die Biologin Ulrike Gebhardt in der Zeitschrift „Geist und Gehirn“. Demnach wirkt Fasten im Gehirn wie ein Aufputschmittel. Denn ohne Nahrung bekommt unser Gehirn weniger vom Glücksbotenstoff Serotonin. Weniger davon wirkt dann umso intensiver.

Weniger Zucker

Dass Fasten sich positiv auf viele unterschiedliche Prozesse im Gehirn auswirkt, konnte mit Versuchen an Mäusen und Ratten gezeigt werden. Wenn der Futternapf voll ist, werden die Nager träge. Haben sie weniger zum Fressen, leben sie länger und bleiben gesünder. Das Gehirn braucht Zucker, um zu funktionieren. Der Körper fängt deshalb schon nach 24 Stunden an, Fett in Zucker umzubauen, um das Gehirn zu versorgen. Blutzucker und Insulinspiegel bleiben beim Fasten ausgeglichen. Dadurch entwickelt das Gehirn eine höhere Abwehrkraft. Außerdem bleiben kleinste Entzündungen aus, die sonst von schädlichen Fettsäuren im Essen ausgelöst werden.

Höhere Abwehrkräfte

Wenn die Abwehrkraft verbessert ist, verliert das Gehirn weniger Zellen. Stattdessen wird schädliches Material aus den Zellen entsorgt. Dadurch können mehr Nervenzellen entstehen, zum Beispiel für das Gedächtnis. Bei Lern- und Gedächtnistests sind die fastenden Mäuse daher erfolgreicher. Übrigens belastet Fasten den Organismus ähnlich wie Sport: Die Belastung erhöht die Abwehrkräfte des Gehirns. Die Mäuse-Gehirne wehren sich daher erfolgreicher gegen Erkrankungen wie Epilepsie, Schlaganfälle, Parkinson und Alzheimer.

Auch im Gehirn gilt: Weniger ist mehr

Wenn weniger Kalorien aufgenommen werden, muss das Gehirn mehr Energie erzeugen. Es entstehen mehr Zellkraftwerke, die sogenannten Mitochondrien. Die Folge: Effektivere Energieerzeugung im Gehirn.

Die Studien mit Mäusen und Ratten sind natürlich nicht eins zu eins auf Menschen übertragbar. Auf zuverlässige Fasten-Tests am menschlichen Gehirn brauchen wir trotzdem nicht zu warten. Sicher ist: Selbst kurze Fasten-Intervalle wirken positiv auf den Organismus – und sorgen für gute Laune.

Fasten befreit

Mit der guten Laune können sich zum Beispiel Beziehungen verbessern oder intensivieren. Fasten eröffnet nicht nur im Gehirn ungeahnte Möglichkeiten. Wir sind frei sind vom ständigen Planen und Zubereiten der Mahlzeiten. Das „Suppenkoma“ nach größeren Mahlzeiten bleibt aus. So haben wir mehr Zeit, zum Beispiel für Freunde oder Sport, für Meditation, Gebet oder Entspannung. Der Verzicht auf Gutes kann zunächst Einschränkungen und Mangel bedeuten. Auf lange Sicht setzt Fasten Energien frei, die wir nutzen können, um intensiver und freier zu leben.

(c) Matthias Alexander Schmidt
hinsehen.net

3 Gedanken zu “Hunger ist gut fürs Gehirn

  1. ausserdem…
    die Wirkdauer der „Fasten-Belohnung“ – die Produktion von Serotonin/Endorphin/Adrenalin ,etc, ist nur sehr kurz.Danach folgt die Gier – der Jo-Jo- Effekt… !

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