Den Kopf hängen lassen

Was bringt uns die Zukunft? Kann man etwas, was noch gar nicht ist, wie ein konkretes Phänomen wahrnehmen und behandeln? Im Grunde genommen müsste man darüber schweigen. Dennoch drängt es uns, ein Wissen über das zu erlangen, was uns auf unserem Weg, den wir gehen, begegnen wird, damit wir vorbereitet sind und so reagieren können, dass wir unser Leben retten, falls es in Gefahr ist. Wir entwickeln eine Hoffnung, ein banges Gefühl oder eine positive Erwartungshaltung und ein Solches können wir als Phänomen betrachten und uns damit auseinandersetzen.

Thomas Holtbernd

Die Bedeutung des Wortes ‚hoffen‘ steht unter dem Einfluss des lateinischen ‚spes, sperare‘. Semantisch kann ein Bezug zum Altniederdeutschen in der Bedeutung ‚fürchten‘ bestehen und auch zum niederhochdeutschen ‚verhoffen‘, d. h. beim Wild einhalten, um zu sichern. Hierdurch ist ein Vergleich zum griechischen kyptowo gegeben, was ‚sich bücken , sich beugen, nach vorn, den Kopf hängen lassen‘ bedeutet. Hoffen lässt sich somit als ein Beugen nach vorne, um weiter oder genauer sehen zu können, verstehen. (s. dazu Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache)

Die Zeichen der Zeit

Wenn wir hoffen, so kann man aus der etymologischen Herleitung des Wortes folgern, handelt es sich um ein Warten auf etwas, was wir schon einige Male gesehen haben, nämlich ein wildes Tier o. ä. Es ist nichts gänzlich Neues, wir haben ein Wissen darüber, welche Geräusche wir hören werden, wenn dieses Tier sich nähert, vielleicht haben wir einen Geruch in der Nase, wir nehmen wahr, wie sich andere Tiere verhalten; nähert sich z. B. eine Katze im Garten, fangen die Vögel an zu „schimpfen“ und wir können vermuten, dass die Katze auf leisen Sohlen schon da ist, auch wenn wir sie noch nicht erblickt haben. Auf gesellschaftliche oder kulturelle Ereignisse bezogen, wären es die Zeichen der Zeit, die wir versuchen wahrzunehmen. Wir müssen unseren Kopf vorbeugen, d. h. unsere Sinne scharf stellen. Wenn wir ganz eingetaucht sind in unsere Umgebung, bemerken wir kleinste Veränderungen und Anzeichen. Haben wir allerdings Angst vor der Gegenwart, sind wir abgelenkt. Wir suchen mögliche Fluchtwege oder schauen uns fortwährend um. Jede unnötige Bewegung überdeckt jedoch die kaum wahrnehmbaren Hinweise.

Mit Vertrauen auf der Lauer

Friedrich Nietzsche bezeichnete die Hoffnung als das übelste der Übel, da es die Qualen der Menschen verlängert. Zeus hatte den Menschen die Hoffnung gegeben, damit sie trotz der Qualen ihr Leben nicht aufgeben. Mouhanad Khorchide unterscheidet zwei Gottesbilder, der eine Gott ist der, „dem es um die eigene Verherrlichung durch die Menschen geht“. Ein solcher Gott kann zornig werden und die Menschen quälen. Menschen hoffen dann auf einen gnädigen Gott. Die andere Vorstellung ist die von einem humanistischen Gott. Es ist ein Gott, der sich auf den Menschen „eingelassen und sich für ihn entschieden hat.“ Das Bild von einem zornigen Gott erzeugt nach Mouhanad Khorchide „eine künstliche Spannung zwischen sich selbst und der Entfaltung ihrer Persönlichkeit, ihrer Freiheit und ihrer Mündigkeit auf der einen Seite und Gott auf der anderen.“ Das Verständnis von Hoffnung im Sinne einer Kraft, die Leid, Qualen oder gesellschaftliche Ungerechtigkeiten erträglich macht, weist auf den Menschen zurück, der eine solche Vorstellung von einem Gott, Schicksal, Zufall, transzendenter oder ferner Macht entwickelt hat. Menschen mit dem anderen Gottesbild stehen nicht in dieser Spannung und können sich auf die Lauer legen, ohne dass sie den Zorn Gottes fürchten müssten. Sie haben das Vertrauen in sich und ihre Entwicklungsmöglichkeiten.

Hoffnung, nur ein anderes Wort für erhöhte Aufmerksamkeit

Führt man das Wort Hoffnung auf den etymologischen Ursprung zurück, dann lässt sich das Gemeinte auf einen Kern reduzieren. Es ist der Mensch, der keine Angst hat, seine Fähigkeiten zu entwickeln, sich ganz auf seine Wahrnehmungen verlässt und aufgrund dieser unvoreingenommenen Haltung nicht gestört ist, auf seinen Fang zu warten, – um im Bild zu bleiben. Diesen Wartezustand als Hoffnung zu benennen, könnte man als eine Form der kulturellen Störung bezeichnen. Oder es ließe sich sagen, dass es wichtiger ist, die Irritationen, Täuschungen, Wahrnehmungsstörungen zu erkennen als einen abstrakten Begriff wie Hoffnung neu definieren zu wollen, denn wahrscheinlich hat Friedrich Nietzsche in diesem Punkt recht. Erzählungen wie die des eitlen Gottes, der den Menschen die Hoffnung gibt, damit sie trotz der durch ihn verursachten Qualen nicht aufgeben, sind in den tiefen Strukturen einer Kultur auch dann präsent, wenn es durch die Aufklärung scheinbar einen umfassenden Bildersturm gegeben hat.

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