Christliches Denken: Suche nach der Begegnung

Wenn auch die großen Entwürfe an ihr Ende gekommen sind, Glauben gibt es noch und er beginnt immer wieder neu. In der säkularen und postreligiösen Zeit richtet er sich – vor allem bei den jungen Menschen – weniger an kulturellen Traditionen und formalen Ausprägungen aus. Er geht neue Wege. Dabei stehen Beziehung und Begegnung im Mittelpunkt.

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Foto: Mathias Wosczyna, christlicher-bilderdienst.net

Der Neuanfang

Bernhard Welte analysiert unsere Zeit in seinem Werk „Auf der Spur des Ewigen“ sehr treffend als eine Zeit des Neuanfangs: „Wir leben in der Stunde, in der alle Glaubensentwürfe an ihr Ende gekommen sind und wir das große Ende, das Schweigen und Dunkel bestehen müssen. Aber eben durch dieses Ende sind wir auch an den großen Anfang aller Dinge gekommen.“ Es komme darauf an, dass wir die Situation als Chance begreifen „und bereit genug sind zu hören, was uns anspricht, und uns zu entscheiden, wo wir vernommen haben.“

Glaube neu lernen: Der existenzielle Glaube

Aber was heißt genau, dass „alle Glaubensentwürfe an ihr Ende gekommen sind“? – Man kann es wohl am besten theologiegeschichtlich fassen, indem man sagt: Die großen Theologietraditionen, seien sie (neu)scholastisch, liberaltheologisch oder reformatorisch, sind am Ende. Es kommt darauf an neu anzufangen, noch vor allen Konfessionsgrenzen, ganz existenziell, am Boden und Grund des Daseins. In dieser existenziellen Glaubenssuche geht es um Christus und den Theismus an sich.

Es geht um die Frage, was in der „Dunklen Nacht“ erfahren wird. Kommt es, wie Welte in Anlehnung an Meister Eckhart und Johannes vom Kreuz schreibt, zur „Gottgeburt im Nichts“ oder wird nur Leere und unaushaltbare Einsamkeit erfahren? Vor dieser Herausforderung stehen wir und vor keiner geringeren. Von der Beantwortung der Frage hängt alles ab, sowohl für unsere Kultur als auch für die gesamte Menschheit.

Wenn sich der Glaube existenziell als wahr erweist, sind wir getragen und gehalten, können dem Leben trauen und auf Gott bauen.

Erweist er sich jedoch als Illusion, so ist jede Hoffnung verloren und der Mensch zur Selbsterlösung und Selbstverwirklichung verdammt. Es gibt nichts als ein ständiges Ausweichen vor der dunklen Nacht, die immer wie ein bedrohlicher Abgrund unter allem liegt. Naturalistische Konzepte und säkulare Erlösungs-Ideologien wie Nationalismus und Kommunismus werden dann in irgendeiner Weise unausweichlich das absurde Schicksal der Menschheit bestimmen.

Die Aufgabe der Theologie

Welte sieht die Fundamentaltheologie vor die Aufgabe gestellt „in der lebendigen geschichtlichen Gestalt Jesu jene Züge zu finden und zu zeigen, die den wahrhaftigen Ernst seines Anspruches erweisen und unserer Vernunft das große, rettende Vertrauen ermöglichen.“ Das scheint heute auch zugleich der Kern und Sinn aller Theologie zu sein. Wenn christliche Theologie die „Wissenschaft des Gottesheils [ist], das in Jesus offenbar wurde“, geschieht sie aus dem Glauben heraus, um ihn besser zu verstehen und zu fördern. Denn nur so, von innen her, kann der rettende Anspruch Jesu verstanden werden.

Die große Hoffnung

Die Kirche lehrt, dass Gott Grund und Ziel aller Menschen ist. Alles christliche Denken hat dies zum Ausgangspunkt. Aber eine Lehre allein reicht nicht mehr. Wer heute glaubt, ist zuvor meist ein Zeuge geworden. Er lebt aus der Begegnung mit Gott, in der erfahren wurde und wird, dass es um etwas geht, das mich unbedingt betrifft, ruft und bejaht. Christliches Denken ist somit eines, das aus der Begegnung denkt. Diese Gottbegegnung führt zur Erlösung und Neuschöpfung, und damit zu wahrer Freiheit und Liebe. So wird deutlich, wie recht Welte hat, wenn er schreibt: „in der Entscheidung des Glaubens liegt alles, Heil und Unheil, für jegliches Menschliche. Weichen wir nicht noch einmal aus!“.

Josef Jung

Literatur:

Welte, Bernhard, Auf der Spur des Ewigen. Philosophische Abhandlungen über verschiedene Gegenstände der Religion und der Theologie, Freiburg i.B. 1965.

 Siehe auch: 

Säkulares Denken: Suche nach dem Ich

Ein Gedanke zu “Christliches Denken: Suche nach der Begegnung

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